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Mexiko: Die Invasion der Plastikmonster

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Die Bürger von Mexiko-Stadt staunen nicht schlecht über den Dinosaurier in ihrer Mitte (Foto: Goethe-Institut)

20. Juli 2010

So kannte man Mexiko-Stadt bislang nicht: Ein Dinosaurier führt einen Karneval uniformierter Menschen an, im Stadtzentrum steht ein Leuchtturmgerippe, und in den Plattenbausiedlungen wird kompostiert. Das Projekt Residual wirbelt derzeit eine Menge Müll auf. Von Franziska Kekulé

Man stelle sich vor: Es ist ein Morgen wie jeder andere im Zentrum von Mexiko-Stadt. Wir machen uns auf den Weg zur Arbeit. Ganz in Gedanken versunken, bemerken wir nicht, dass heute kein einziges Auto unseren Weg kreuzt. Wir hören auch nicht, dass das tägliche Hupen Musik und Sprechchören Platz gemacht hat. Erst als uns an der Kreuzung etwas den Weg versperrt, heben wir den Blick: Es ist kein Auto – sondern ein drei Meter hoher Dinosaurier.

Das Ungetüm aber ist nicht das Ergebnis moderner Gentechnik. Mit Hilfe von Hunderten freiwilligen Helfern wurde es hierher gebracht. Über ein Jahr lang sammelten sie ihre Plastikflaschen und brachten sie dem mexikanischen Künstler Eduardo Abaroa, der aus den kleinen Funden schließlich das eindrucksvolle Fossil aus der Kreidezeit kreierte. Die Idee zu diesem „Fossil aus Plastik“ scheint nicht mehr so abwegig, wenn man sich die jüngsten Erkenntnisse der Wissenschaft vor Augen hält. Demnach wird, wenn nach dem Ableben der Menschheit einmal ein ebenso langer Zeitraum verstrichen ist wie seit dem Aussterben der Dinosaurier, nichts mehr von den Errungenschaften des Homo Sapiens übrig bleiben: kein Film, kein Buch, keine Musik. Nur Plastik.

Vier Mexikaner, vier Deutsche, vier Monate

Für einen wie Eduardo Abaroa ist diese ernüchternde Erkenntnis ein Anstoß, das Umweltproblem auf künstlerischer Ebene anzugehen. Das Projekt Residual bietet ihm die Möglichkeit dazu. Das Kunstprojekt entstand auf Initiative des Goethe-Instituts Mexiko, das bereits seit Jahren beim Thema Umwelt besondere Akzente setzt – beispielsweise im letzten Jahr mit dem Projekt Aqua – Wasser, das in Zusammenarbeit mit dem Kunst- und Wissenschaftsmuseum MUCA Roma entstand. Residual unterstützt die Projekte von vier mexikanischen und vier deutschen Künstlern, die über einen Zeitraum von vier Monaten im öffentlichen Raum künstlerisch agieren. Noch bis September diesen Jahres soll dabei gezeigt werden, wie man in unterschiedlichen kulturellen Kontexten an das Müllproblem herangeht und das Umweltbewusstsein der Bürger von Mexiko-Stadt stärkt.

Copyright: Goethe-Institut Fotostrecke: Fossile Kreaturen in Mexiko-Stadt

„Wir versuchen“, so Peter Stegemann vom Goethe-Institut Mexiko, „die Menschen auf einer Gefühlsebene zu erreichen, von Mensch zu Mensch.“ Dieser Ansatz soll helfen, die Bürger von Mexiko-Stadt für ihre Umwelt zu sensibilisieren, nachdem alle diesbezüglichen Versuche der Regierung von Mexiko-Stadt bis dato gescheitert sind.

Die für Recycling vorgesehenen Behälter bleiben leer. Stattdessen wächst der Müllberg der Acht-Millionen-Metropole weiterhin um mehrere Tonnen täglich. Bordo Poniente, die einzige Mülldeponie von Mexiko-Stadt, musste bereits wegen Überfüllung geschlossen werden. Den Verantwortlichen erschien die 600 Fußballfelder große Deponie aufgrund der konzentrierten Methangasansammlung schlichtweg zu gefährlich. Erst Mitte Juni explodierte in der 30 Kilometer entfernten Stadt Chimalhuacan eine wesentlich kleinere Deponie. Bei der Explosion wurden rund hundert Häuser beschädigt, und es bildete sich eine drei Meter tiefe Erdspalte.

Wege aus dem Müll

„Mit Residual wollen wir der Bevölkerung zeigen, dass der Müll ein wirkliches Problem ist“, sagt Projektleiter Stegemann. „Ein Problem, das eigentlich einfach zu lösen wäre: durch Mülltrennung. Nur sechs bis zehn Prozent des Müllaufkommens werden in Mexiko-Stadt getrennt.“ Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sich in den letzten 50 Jahren, seitdem die Deponien existieren, ein eigener Wirtschaftszweig um den Müll gebildet hat. So schätzt man, dass inzwischen rund 200.000 Menschen vom Müll in Mexiko-Stadt leben.

Gerade diese sollen durch das Kunstprojekt mit direkten Interventionen erreicht werden. So lädt Thomas Stricker, einer der deutschen Künstler bei seiner Aktion Unendliche Sterblichkeit beispielsweise die Bewohner der Plattenbausiedlung Tlatelpocoo zum Kompostieren ein, Heike Mutter und Ulrich Genth zeigen den Straßenhändlern von Mexiko-Stadt einen Weg auf, einen Imbiss ohne Plastikabfälle zu betreiben; Claudia Fernades errichtet auf einem verwaisten Platz in Santa Maria ein modernes Recycling-Center; Paul Cardenas ruft das „Mexikanische Müllinstitut“ ins Leben; und Minerva Cuesvas setzt gemeinsam mit Wissenschaftlern Mikroorganismen aus, die die Plastikabfälle auf den Mülldeponien zersetzen sollen.

An die breite Öffentlichkeit wenden sich dagegen Eduardo Abaroa mit seinem Karneval des Mülls, bei dem er mit Skulpturen und Mode aus Müll durch die Straßen zieht, Pia Lanzinger, die Straßenkehrer auf einer Theaterbühne ins Rampenlicht bringt, und Tue Greenfort, auf dessen Leuchtturm eine Methangas-Flamme brennt und auf biologische Energien hinweist.

Peter Stegemann hofft, dass es mit Residual gelingt, den einen oder anderen für die Müllproblematik zu sensibilisieren. Und vielleicht finden außerirdische Besucher dann ja etwas weniger Plastik vor, wenn sie in 65 Millionen Jahren auf dem Blauen Planeten landen.
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