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Künstlerresidenz: West-östlicher Divan am Kamogawa

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Die Künstlerresidenz Villa Kamogawa zwischen Sakurabäumen und Trauerweiden im Herzen Kyotos (Foto: Goethe-Institut)

24. Juli 2010

Drei Monate raus aus dem Alltag und sich an einem fremden Ort nur auf die Kunst konzentrieren: Das ermöglicht das Goethe-Institut künftig jährlich zwölf Stipendiaten. Für seine erste Künstlerresidenz hat das Institut einen besonders geeigneten Ort gefunden – am Fluss Kamogawa. Von Franziska Kekulé

Hochhäuser, Schnellstraßen und endlose Einkaufspassagen: So präsentiert sich Japan dem Besucher auf den ersten Blick. Nur wenig scheint das heutige Japan noch gemein zu haben mit den romantischen Assoziationen, die deutsche Künstler oft mit dem Land verbinden. Die Hauptstadt Tokyo erscheint wie ein einziger Konsumtempel, in dem alles schön sinnlos glitzert und einen jeder zurückgelegte Meter im Durchschnitt 100 Yen kostet.

Sucht man das alte Japan dann weiter westlich und fährt mit dem Nachtbus ins kulturelle Zentrum Kyoto, erreicht man im ersten Sonnenlicht eine gigantische Stahl-Glas-Konstruktion, die mehr an ein Space-Shuttle aus einem Science-Fiction-Film erinnert, als an einen Bahnhof.

Aber gerade wenn man sich geschlagen geben und die romantischen Phantasien ein für alle Mal in einem Glas Sake ertränken will, entdeckt man sie doch: die schmalen Gassen, gesäumt von Häusern mit gebogenen Schindeldächern und Schiebewänden, dahinter liebevoll angelegte Steingärten und über allem der Duft fallender Kirschblüten. In Japans früherer Hauptstadt ist die Tradition noch lebendig. Verschont von den Bombardements des Zweiten Weltkriegs lassen die rund 2.000 Tempel und Schreine in Kyoto auch heute noch jeden Touristen andächtig verstummen. Wohl kaum ein anderer Ort eignet sich besser als Sitz der weltweit ersten Künstlerresidenz des Goethe-Instituts.

Hier zwischen dem hohen Backsteingebäude der Universität von Kyoto und dem tiefschwarzen Rozanji-Tempel, in dem Lady Murasaki vor gut tausend Jahren das Genji-Monogatari, den wahrscheinlich ersten Roman der Welt geschrieben haben soll, steht die Villa Kamogawa. Ab 2011 vergibt das Goethe-Institut für diese Künstlerresidenz jährlich zwölf Stipendien an in Deutschland lebende Künstler, die sich von den Schätzen des UNESCO-Weltkulturerbes, dem sprichwörtlichen „Herz“ der japanischen Seele, inspirieren lassen wollen.

Wabi-Sabi und deutsche Architektur

Dazu wird das Goethe-Institut Kyoto am Kamogawa (Wildenten-Fluss) einer Komplett-Sanierung unterzogen. Allein die Fassade bleibt bestehen, denn durch seine ungewöhnliche Achtzigerjahre-Architektur ist das Gebäude bereits seit seiner Gründung 1983 eine Attraktion für japanische Architektur-Studenten. Das Innere des Hauses aber wird zu einer sinnbildlichen Symbiose kultureller Gegensätze vom Fundament bis zu den Giebeln umgebaut.

„Die Umbaupläne waren eine besondere Herausforderung“, berichtet Institutsleiter Andreas Schiekofer, „weil wir zwei Zielgruppen haben: zum einen die Stipendiaten aus Deutschland und zum anderen die japanischen Besucher.“ Um den deutschen Künstlern während ihres dreimonatigen Aufenthalts die Möglichkeit zu geben, Kyoto auch sinnlich zu erfahren, erhalten die Appartements der Stipendiaten im oberen Stockwerk des Gebäudes ein authentisches japanisches Flair.

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Garten der Villa Kamogawa: „Kyoto sinnlich erfahren“ (Foto: Petra Roggel)

Frei nach dem Credo des Wabi-Sabi, dem japanischen Verständnis für Ästhetik, werden die einzelnen Zimmer von den Tatami-Matten im Wohnzimmer bis zu den Fliesen im Badezimmer mit traditioneller Handwerkskunst aus Kyoto bestückt.

Im Erdgeschoss dagegen bleibt das Haus ganz Goethe-Institut – mit einer großen Auswahl an deutscher Literatur in der Bibliothek und einem lichten Veranstaltungssaal. „Die Einwohner von Kyoto möchten bei ihrem Besuch immer auch ein Stück Deutschland erfahren“, so Schiekofer. „Deshalb verwenden wir im Erdgeschoss hauptsächlich deutsche Produkte, Möbel und Lampen.“ Deutsche Produkte werden auch zum Tee oder Kaffee serviert: Schwarzwälderkirschtorte bekommt man im Café Müller im Erdgeschoss ebenso wie schwäbischen Apfelkuchen. Das Café verdankt der deutschen Choreografin Pina Bausch seinen Namen: 1978 wurde ihr Stück Café Müller uraufgeführt, das als wegweisend in der deutschen Tanzgeschichte gilt. Und 2007 wurde ihr von der Inamori-Stiftung einer der höchstdotierten internationalen Kulturpreise verliehen: der Kyoto-Preis.

Bewerbung bis 13. September

Die besondere deutsch-japanische Wohnsituation in der Villa Kamogawa eröffnet den deutschen Stipendiaten eine Reihe von Möglichkeiten. So stehen sie stets im direkten interkulturellen Dialog, sind dabei aber nie ganz auf sich allein gestellt: Einführungskurse vermitteln ihnen die Grundkenntnisse der japanischen Sprache und Kultur, und eine Dolmetscherin hilft ihnen dabei, von den Beziehungen zu Kunsthochschulen und Theatern zu profitieren, die das Goethe-Institut Kyoto bereits seit den Sechzigern unterhält, und Kontakte zu lokalen Künstlern zu knüpfen.

Deutsche Künstler aus nahezu allen Bereichen – Architektur, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Design, Literatur, Musik, Film und Kulturtheorie und -kritik – können sich noch bis 13. September für den ersten Jahrgang bewerben.

Alle anderen dürfen gespannt auf die zukünftigen Kunstprojekte der Villa Kamogawa sein. Denn, davon ist Institutsleiter Schiekofer überzeugt, Kyoto hat eine ganz besondere Wirkung auf die Kreativität: „Es muss hier etwas geben, was eine Künstlerseele, die sonst nur in Europa lebt, vollkommen aus dem täglichen Trott wirft. Kyoto ist für alle Japaner der Dreh- und Angelpunkt der japanischen Seele. Das spürt ein Künstler, der hier lebt, innerhalb der ersten 24 Stunden.“

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