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Magnet Warschau: Der neue Traum für Einwanderer?

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Warschau wird zunehmend attraktiver für Migranten – vor allem aus dem Osten (Foto: Attila Husejnow)

17. August 2010

Lange Jahre war Polen Emigrationsland – der „polnische Klempner“ war ein viel zitierter Topos in der europäischen Migrationsdebatte. Mittlerweile zieht Warschau seinerseits immer mehr Migranten an. Mit welchen Hoffnungen kommen die Menschen aus dem Osten in die polnische Hauptstadt? Von Paul Flückiger

Quietschend kommt der Kiew-Warschau-Express nach gut 17-stündiger Fahrt im Warschauer Ostbahnhof endlich zum Stehen. Eisentüren werden entriegelt, Schlafwagen-Schaffnerinnen mit Augenringen und dick aufgetragener Schminke hüpfen auf den verwitterten Bahnsteig, dann schleppen die ersten Ankömmlinge ihre Taschen aus den Wagen – nur eine hat ein schickes Rollköfferchen.

„The Promised City“
Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts The Promised City des Goethe-Instituts. Künstler, Kuratoren und Wissenschaftler beschäftigen sich dabei mit der Glückssuche in den Metropolen Warschau, Berlin und Mumbai. Das interdisziplinäre Projekt läuft noch bis November 2010.
Alicja Michalowska erinnert sich, als ob es gestern gewesen wäre, wie sie mit dem Kiewer Zug vor elf Jahren das erste Mal nach Warschau kam. „Ich hielt es nicht mehr aus in der Ukraine, wollte einfach nur in Warschau überwintern, Luft schnappen“, erzählt die zierliche Frau. 250 Dollar hatte sie an die Arbeitsvermittler bezahlt – ein Visum brauchte sie damals noch nicht.

Doch kaum in Warschau angekommen, zerplatzte der Traum von einer legalen Arbeit. „Die haben mich glatt übers Ohr gehauen“, sagt sie. Arbeit fand Alicja schließlich dennoch, zuerst als Putzfrau und Hilfsköchin. Heute hat sie in derselben Branche ein kleines Unternehmen mit fünf Angestellten, Ukrainern und Polen.

Große Chancen für wenig Geld

Vom eigenen Geschäft träumen auf dem nahen Jarmark Europa fast alle. Ein buntes Blechbudengewirr hat sich wie ein Geschwür an die Stadtbahnhaltestelle „Stadion“ geklebt. Durch das Einkaufsgewühl versuchen Fernbusse aus Ostpolen, aber auch Lviv (Lemberg), Vilnius und Minsk sich ihren Weg zum nahen Busbahnhof zu bahnen. Das „Stadion“, wie der Markt im Volksmund genannt wird, ist der Schmelztiegel Warschaus. Dominierend sind die vietnamesischen Textilienhändler, doch längst mischen Schwarzafrikaner, Chinesen, Inder und Zentralasiaten im Handel mit den Billigkleidern mit. Kaukausier verkaufen an der nahen Tramhaltestelle „Zielenecka“ Schmuggel-Zigaretten, einheimische Roma Tischtücher, polnische Bauern Äpfel und die kleinen Ganoven des Stadtteils Praga, dem der Jarmark willkommene Steuergelder beschert, haben sich auf Mobiltelefone spezialisiert.

Er wolle alles legal machen, Gesetz sei Gesetz, bekräftigt Sham Karthe. Vor zweieinhalb Jahren ist der junge IT-Spezialist mit falschen Papieren aus Malaysia über Indien und Moskau nach Warschau geflogen, wo er einen Asylantrag stellte. Er wolle in Warschau bleiben, sagt der inzwischen als Flüchtling anerkannte Tamile. „Hier habe ich bessere Chancen, ein eigenes Geschäft zu eröffnen als im teuren Westen“, sagt Karthe. In Polen reiche schon wenig Kapital, um sich selbstständig zu machen, das einzige Problem seien die Behördengänge und die nötigen Dokumente. Sein Freund Sivaranjan Vinayakamoorthi hat für dieses Problem eine Lösung gefunden: „Ich werde mich zum Polen machen“, sagt der Tamile. „Noch drei Jahre, dann kann ich den polnischen Pass beantragen“, erklärt er selbstbewusst mit einem Lächeln.

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Unternehmerträume in den Buden auf dem Jarmark Europa (Foto: Attila Husejnow)
Acht Prozent der amtlich 1,71 Millionen Einwohner Warschaus sind laut Schätzungen des Rathauses Ausländer oder Staatenlose. Das ist achtmal mehr als der Landesdurchschnitt. Jeder vierte Ausländer in Warschau stammt aus Vietnam, jeder zehnte aus Russland, jeder zwölfte aus der Ukraine. Dahinter folgen der Reihe nach Schweden, Deutsche (etwas über 3 Prozent der Ausländer), Weißrussen, Bulgaren, Amerikaner und Chinesen. Nur wenige sind ordentlich gemeldet und verfügen über eine feste Niederlassungsbewilligung. Der Großteil schlägt sich irgendwie durch. Die Ukrainerin Alicja Michalowska zum Beispiel ist jahrelang alle 90 Tage für ein Wochenende nach Lemberg gereist. Sie verbrachte dort eine Nacht im Hotel und reiste daraufhin wieder zurück nach Polen. Erst 2007 bekam sie aufgrund ihrer polnischen Abstammung eine Niederlassungsbewilligung auf unbegrenzte Zeit.

Eine Mischung aus Schalk und Verachtung

„Na, du Gelbling, wie viel Suppenhuhn soll es denn heute sein?“, fragt die Verkäuferin einen vietnamesischen Kunden, der trotz winterlicher Temperaturen barfuß vor der Fleischtheke steht. Im Eckladen unweit des als „Saigon“ bekannten Wohnblocks in Praga kaufen alteingesessene Warschauer, zugezogene Polen – übrigens die Mehrheit der Warschauer Nachkriegsbevölkerung, denn die Stadt wurde von den Deutschen zu 90 Prozent zerstört – und Zugewanderte aus Vietnam genauso ein. Hier, ein Steinwurf vom „Stadion“ entfernt, haben sich gut gestellte Händler aus Vietnam teuren Wohnraum angemietet. Vielen von ihnen ist der Aufstieg vom einfachen Träger zum Besitzer mehrerer Marktstände gelungen.

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Bazar Rozyckiego – so heißt der Jarmark Europa bei den Warschauern (Foto: urbanlegend)
Die ersten Vietnamesen kamen in den frühen Fünfzigerjahren im Rahmen „sozialistischer Bruderhilfe“ nach Polen. Ein bilaterales Abkommen erlaubte ihnen bis 1997 leicht eine Arbeitsbewilligung zu erlangen. Wer später kam, wanderte meist illegal ein. Umso vorsichtiger sind diese Vietnamesen im Kontakt mit Fremden. Sie bilden eine geschlossene Gesellschaft, rund 70 Prozent sprechen kein Polnisch. Dennoch ist nur eine Minderheit der Warschauer schlecht auf Vietnamesen zu sprechen. Man kauft bei ihnen ein, bewundert ihren Fleiß und Geschäftssinn. In der Schule gelten vietnamesische Kinder als besonders fleißig, viele Familien stellen zur Förderung der Sprachkenntnisse gar polnische Kindermädchen ein. Dieser Anpassungswille wird geschätzt. Dennoch, eine Mischung aus gutmütigem Schalk und Verachtung müssen sich die Vietnamesen in Warschau auf Schritt und Tritt gefallen lassen. In besagtem Eckladen allerdings hat eine ältere Verkäuferin von sich aus ein paar Brocken Vietnamesisch gelernt.

Eine neue Heimat

Doch bald schlägt die letzte Stunde des Jarmark Europa. Der alte Marktplatz auf der Krone des zerfallenen Zehn-Jahres-Stadions – eine feste Einrichtung für Händler aus ganz Osteuropa seit 1990 – musste bereits dem Neubau eines Fußballstadions für die Europameisterschaft 2012 weichen. Nun müssen neue Zufahrtswege zu der Riesenbaugrube gebaut werden, später soll auf dem heutigen Marktgelände eine U-Bahnstation entstehen. Errichtet wird die neue Infrastruktur von internationalen Konsortien, wobei nicht nur viele Ingenieure, sondern auch Bauarbeiter Ausländer sind. Denn im Zuge der Arbeitsmigration der Polen nach Westeuropa herrscht ein großer Facharbeitermangel. Weißrussen und Ukrainer, aber auch Inder und Chinesen können deshalb heute leicht legal Arbeit bekommen. Mehrere tausend Chinesen sollen dieses Jahr mit dem Bau eines Autobahnabschnitts zwischen Lodź und Warschau beginnen. Eine chinesische Schule ist bereits vorhanden, auch die Türkei unterhält eine internationale Schule in Warschau.

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Die Integration in Polen ist eine Gemeinschaftsaufgabe (Foto: Attila Husejnow)
Auf etwa 2.000 schätzt der Inder Arun Barot die Zahl seiner Landsleute in Warschau. Doch Bauarbeiter seien bisher kaum darunter, sagt der ausgebildete Manager, der im Moment im Gastrobereich arbeitet. Im Außenbezirk Janki haben Inder innerhalb weniger Jahre fast den ganzen Textilhandel an sich gerissen, indische Geschäftsleute mischen bereits im Warschauer Immobilienhandel mit. Seine Heimatstadt Ahmedabad, etwas nördlich von Mumbai im Bundesstaat Gujarat gelegen, hat Barot vor vier Jahren verlassen, um in der polnischen Hauptstadt zu studieren. „Warschau ist im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten sehr preiswert“, begründet er die Wahl.

Nach dem Abschluss ist er in Warschau geblieben, das er bereits als „meine zweite Heimat“ bezeichnet. Barot träumt von einem eigenen India-Shop mit Textilien, Volkskunst und Lebensmitteln. Doch leider sei die Bürokratie in Polen genauso schlimm wie zuhause. „Dafür habe ich hier meine Freiheit“, sagt der Clubbing-Fan, der in Warschau gerne das Nachtleben genießt. „Die Warschauer sind so nett und freundlich – besonders die Girls“, schwärmt Barot, der trotz Zureden von Familie und Freunden in Ahmedabad einstweilen nicht nach Indien zurückkehren will. „Nur über Betrunkene und arrogante Türsteher, die Dunkelhäutige wie mich ohne Begründung abweisen, kann ich mich beklagen“, sagt er. Aber dank des polnischen Bollywood-Hypes genießt Arun als Inder einen Sympathiebonus. Das Gegenteil könnte für den Kölner Immigranten Rainer Pauly zutreffen.

Self-made woman

„Noch nie habe ich Ressentiments gespürt, weil ich ein Deutscher bin“, widerspricht der Mittvierziger. „Wer Polnisch kann, hat hier als Deutscher keine Probleme“. Noch heute würde eher er aufs Amt gehen als seine polnische Frau, erklärt Pauly, denn mit Akzent und einem dosiert forschen Auftreten erreiche man mehr als viele Einheimische. Pauly hat Mitte der Neunzigerjahre als Sprachlehrer in Polen begonnen und dann bei einer deutschen Bank gearbeitet – zuerst zum lukrativen Entsendeten-Tarif, später zum Lokaltarif. „Dazwischen kam die Liebe“, schmunzelt er. Zudem wollte er nach dem Studium Auslandserfahrung sammeln. Mittlerweile ist Pauly Teilhaber der deutschen Personalberatungsfirma PSP International. „Ohne Polnischkenntnisse bist du in Warschau nichts, egal wie viele akademische Titel du hast“, bestätigt der Inder Aron Barot.

Der Tamile Sham Karthe stöhnt, wenn er an die polnische Sprache denkt. „Die Warschauer sind einfach noch nicht an uns Ausländer gewöhnt“, sagt er. Dabei würden zweisprachige Hinweisschilder tausenden von Hauptstadtbewohnern das Leben für wenig Geld enorm erleichtern. Doch sonst seien die Warschauer echt in Ordnung, lobt Karthe. Als eher zugeknöpft und hektisch beschreibt Pauly dagegen die polnischen Hauptstadtbewohner. In kleineren Städten habe es ein Fremder einfacher, weiß der Personalprofi heute. „Ich habe das ganze erste Jahr lang in Warschau jeden Abend ins Kissen geweint“, klagt Tamara Loladze, die mitten in den georgischen Bürgerkriegswirren der Neunzigerjahre in die polnische Hauptstadt kam. „Ich kam, um ein besseres Leben zu haben – dies ist gelungen“, zieht die heutige Weinhändlerin in bester Innenstadtlage Bilanz. Genauso wie Loladze hat Alicja Michalowska als Gegengift nach und nach ihre ganze Familie nach Polen geholt. „Was ich in elf Jahren Warschau ganz alleine erreicht habe, hätte ich in der Ukraine niemals geschafft“, sagt sie stolz.

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Auf dem Jarmark Europa zeigt sich der hohe Anteil an Einwanderern aus Asien (Foto: Attila Husejnow)


Der Text stammt aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „Millionen Träume: Berlin, Warschau, Mumbai“ (zum PDF).
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