Goethe aktuell

Exilforscher Spalek im Interview: „Das ist Detektivarbeit“

Maik SchuckCopyright: Maik Schuck
Präsident Lehmann, Preisträger Spalek: „Ich komme mir fast selber wie eine geschichtliche Figur vor“ (Foto: Maik Schuck)

30. August 2010

John Spalek kämpft gegen die Zeit. Seit 40 Jahren birgt er die Nachlässe deutschsprachiger Emigranten in den USA. Für sein Engagement hat er jetzt – mit der Philosophin Ágnes Heller und dem Lyriker Fuad Rifka – die Goethe-Medaille bekommen. Ein Gespräch über Briefe, Fotos und Überzeugungsarbeit.

Welche Bedeutung hat die Goethe-Medaille für Sie?

Spalek: Ich fühle mich geehrt, aber mir ist es viel wichtiger, dass damit die Exilforschung anerkannt und bekannt wird – die Goethe-Medaille ist eine Anerkennung für die Beschäftigung mit den Autoren, Wissenschaftlern und Künstlern, die Deutschland verlassen mussten.

Sie stammen aus Polen, haben den Zweiten Weltkrieg mit ihrer Familie im Osten des Landes verlebt – gibt es da Erinnerungen, die für Sie heute noch wichtig sind?

Ich bin ja quasi selber ein Emigrant. Ich habe meine Muttersprache – also Polnisch – verlassen, dann Russisch benutzt, und dann Deutsch, dann Englisch, dann Spanisch.

Samstag, 28. August 2010. Der Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe jährt sich zum 261. Mal. Und zum 56. Mal verleiht das Goethe-Institut die Goethe-Medaille. Institutspräsident Klaus-Dieter Lehmann zeichnet diesmal die ungarische Philosophin Ágnes Heller, den libanesischen Lyriker und Übersetzer Fuad Rifka und den amerikanischen Exilforscher John M. Spalek aus. Mit dem Preis werden Persönlichkeiten aus dem Ausland geehrt, die sich um die Vermittlung der deutschen Sprache und den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben. Zu den früheren Preisträgern gehören unter anderen Pierre Bourdieu, Billy Wilder und Daniel Barenboim. Lehmann würdigte in seinem Grußwort die drei diesjährigen Preisträger als Persönlichkeiten, die sich in einer globalisierten Welt für die Eigenständigkeit und Eigenwilligkeit der Kultur einsetzten und das fantasievolle Gespräch zwischen Deutschland und der Welt förderten. Sie hätten mit ihrem Lebenswerk Leistungen erbracht, auf die das Goethe-Institut in seinen weltweiten Aktivitäten angewiesen sei: „Verstehen wollen und verstehen können sind die Voraussetzung unserer Arbeit.“

Sie kamen aus Polen nach Deutschland und sind im Alter von 21 Jahren in die USA emigriert. Dort haben Sie dann die Exilforschung entdeckt, viele Nachlässe von Emigranten für die Forschung bewahrt. Wo und wie haben Sie diese Nachlässe vorgefunden?

Mein allererster Fund, das war schon 1970 in Albany bei New York ein Teilnachlass von Fritz von Unruh. Da mussten wir auf einen Dachboden kriechen und die Kartons rausholen.

Die Westküste der USA war ja ein Zentrum der deutschsprachigen Emigration – konnten Sie denn noch einige der Zeitzeugen persönlich treffen?

Ja, weil ich früh genug angefangen habe, Mitte der Sechzigerjahre. Und das war, was mein Leben über die nächsten Jahrzehnte bestimmt hat. Ich konnte noch eine ganze Reihe von Personen, hauptsächlich in der Filmindustrie, treffen, also zum Beispiel den Regisseur Henry Koster, der hieß eigentlich Kosterlitz, aber auch andere: Marta Feuchtwanger kannte ich dann sehr gut, einen Bruder des Schriftstellers Bruno Frank, den Sohn von Vicki Baum, Billy Wilder und verschiedene andere. Ich komme mir fast selber wie eine geschichtliche Figur vor, weil ich die Leute tatsächlich gekannt habe.

Waren dies traurige Begegnungen, weil die Menschen ja vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten? Oder hatte es eher eine Atmosphäre von: Wir haben überlebt und machen jetzt hier in den USA etwas Neues?

Letzteres. Über das Traurige ihrer Erfahrungen haben wir selten gesprochen. Die meisten waren sehr erfolgreich, ich sprach ja mit Leuten, die etwas geleistet hatten, das waren Koryphäen auf ihrem Gebiet. Es waren Leute, die es geschafft hatten und die darauf stolz waren. Und so geriet ich, ohne es zu beabsichtigen, zum Sammeln und Gründen von Archiven.

Ist man da so etwas wie ein literarisch-wissenschaftlicher Detektiv?

Ja, unbedingt! Das ist Detektivarbeit. Man sucht nach Beweismaterial aus dem Leben der Leute; an das, woran sie sich noch erinnern können.

Sie sind wieder mit vielen Kartons im Gepäck nach Frankfurt in das Deutsche Exil-Archiv gekommen, was haben Sie denn dieses Mal mitgebracht?

Einer der Kartons stammt von dem Fotografen und Schriftsteller Peter Basch. Er hat vor allem schöne Frauen fotografiert und hinterließ Tausende von Briefe, Dokumente, Fotos – vier Koffer voll. Diese Familie war eine Aufbewahrer-Familie. Sie haben nichts weggeschmissen. Es gab noch Zeitungsausschnitte von 1910, sein Vater war Produzent von Stummfilmen in Deutschland. Das andere ist ein gewisser Peter Engelmann, von einer Familie, die damals in die Türkei auswandern musste und später in die USA kam. Den Nachlass hat mir seine Tochter übergeben. Dann ein Wilhelm Solzbacher – interessant für mich, weil er mir bisher entgangen war. Er war ein Friedensaktivist und verließ Deutschland schon 1933, weil er in der Gefahr war, verhaftet zu werden. Ich wünschte, ich hätte ihn früher kennen gelernt.

Zunächst einmal stehen diese Kartons ja unsortiert in einem Raum. Was geschieht später hier in Frankfurt mit diesen Nachlässen?

Sie werden sortiert, in Ordnung gebracht, archiviert, manchmal dauert das sehr lange. Ich würde mir wünschen, dass die Öffentlichkeit häufiger davon erführe. Aber es kommen Besucher, es werden Aufsätze und Dissertationen geschrieben.

Thomas Mann und Bertolt Brecht sind bekannte Namen. Aber Fritz von Unruh, Ernst Toller, Soma Morgenstern, Ivan Heilbut – deren Nachlässe Sie gefunden haben: Das sind Personen, die heute nicht mehr bekannt sind. Müssten wir uns mehr mit dem Thema Exil befassen?

Selbstverständlich! Denn es ist die deutsche Geschichte, und nicht der schwächste Teil davon. Es sind ja bedeutende Leute, die auswandern mussten. Da ist ein wesentlicher Teil der deutschen Kultur verloren gegangen. Was Deutschland damals verloren hat, das sollte wieder zum Vorschein gebracht werden. Es ist noch viel zu tun

Wie sieht es mit der Finanzierung aus? Müssen Sie kämpfen?

Ja. Aber ich bin schon daran gewöhnt, dass ich immer nur für kürzere Zeiträume Gelder bekomme. Zurzeit schaue ich mich wieder nach neuen Geldern um. Ich hätte gerne noch zwei Jahre daran gearbeitet, eine Reihe von Nachlässen sind noch da. Es geht ja nicht einfach um das Abholen von Nachlässen, man muss verhandeln. Manchmal geht das sehr leicht, oft aber nicht. Und ich bedauere es, wenn ich zu spät komme. Es gibt Familien, die behalten die Dokumente zu Hause – es bricht ein Feuer aus, dann verbrennt alles, das ist alles schon passiert. Jetzt verhandele ich meistens mit den Kindern der Emigrantengeneration, das ist schon etwas schwieriger, die sprechen oft kein Deutsch mehr und haben keinen Bezug zur Heimat ihrer Eltern. Ich muss sie überzeugen, dass sie das Material nach Deutschland geben, wo ihre Eltern seinerzeit zu Flüchtlingen gemacht wurden; ich muss ihnen versichern, dass die Dokumente gut behandelt und katalogisiert werden und der Forschung zur Verfügung stehen.

Das Interview führte Deutsche-Welle-Redakteurin Cornelia Rabitz

Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Welle
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