Goethe aktuell

Auf Reisen: Gespräche im Zug und anderswo

Copyright: Tina Uebel
Und dann ist es endlich soweit: Tina Uebel am Ende ihrer sechswöchigen Reise nach Shanghai (Foto: Tina Uebel)

19. September 2010

Auf dem Landweg von Hamburg nach Shanghai: Für Tina Uebel begann am 16. Juli eine unvergessliche Reise durch Zentralasien. Nach sechs Wochen ist sie endlich an ihrem Ziel angekommen  reich an neuen Erfahrungen und mit der Erkenntnis, dass man als Deutsche überall beneidet wird. Von Tina Uebel

Ich wünschte, ich wäre noch jung, sagt N., sie ist 47. Um neu entscheiden zu können, was ich mit meinem Leben mache. Das Kadonkkadonk–Kadonkkadong der Zugräder unterlegt seit zwei Tagen unsere Konversation mit Beat; als wir durchs wilde Kurdistan fuhren, dachte ich angesichts der in die Berge gegrabenen Militärstellungen an Karl May und Joseph Conrad, sie schießen auf einen Kontinent, beschrieb letzterer Ähnliches einst, hier schießen sie in die schroffe, karstige Verweigerung von Landschaft, irgendwo wird es schon hinzuschießen gelten. Am Lake Van kamen wir spätnachmittags an, stiegen in die Fähre um, das Boot ward am Ufer losgemacht in pastellenem Licht. Ein großer Mond räuspert sich in der Garderobe und schickt sich an aufzutreten.

Du bist 47, sage ich, was kannst du nicht mehr mit deinem Leben machen, was würdest du tun wollen, wenn du könntest. Ich würde militärischer Kämpfer werden, sagt N. Sie ist eine Person von koboldhafter Erscheinung, eher still, es hat ein paar Stunden gedauert, nachdem wir von Istanbul losfuhren, bevor sich zeigte, wie gut ihr Englisch eigentlich ist.

N. lebt in Teheran, sie hat ihre Tochter besucht, die in Istanbul studiert, und ihren Liebhaber, zehn Jahre jünger, der versuchen wird, sich von der Türkei illegal nach Schengeneuropa einzuschleichen. Gelingt es ihm, wird sie ihn vermutlich nie wiedersehen. Sie liebt ihn so sehr, ihm das zu wünschen. Ich würde für ihn barfuß durchs Gebirge gehen, sagt sie; das ist der Plan, durch die italienischen Alpen in die Schweiz zu gelangen. Ich wandere viel in den Alpen, jedes Jahr, nur so aus Daffke, erst letzten Sommer ging ich von der Schweiz nach Italien und zurück in 24 Stunden, ich stieg durchs weglose Hochgebirge und genoss die Landschaft, das Abenteuer und die gute Luft.

Wofür würdest du kämpfen, wenn du ein Kämpfer wärest, frage ich; für die Freiheit, sagt N. Für die Freiheit, und zwar nicht nur in meinem Land. Dort würde ich anfangen, und dann würde ich weitermachen, überall dort, wo es keine Freiheit gibt. Erst wenn alle frei sind, gäbe ich Ruhe. Ihr Gesichtsausdruck changiert zwischen Hobbit und vollkommener Schönheit. Wir führen dieses Gespräch zum Kadonkkadonk der Schienen, wir führen dieses Gespräch in körperwarmer Nacht unterm Wellnesslicht des Mondes über Lake Van.

Währenddessen erzählt ein jugendlicher Proll in zu engem Poloshirt Abteilgenossin Katy davon, wie es war, bei den Demonstrationen nach der Wahl von der Straße weg verhaftet zu werden, die Augen verbunden zu bekommen, für zwei Wochen, während dieser gefoltert zu werden, mit verbundenen Augen, zwei Wochen lang, und nicht mehr daran geglaubt zu haben, es zu überleben, bis man ihm die Augenbinde abnahm und ihn freiließ, nach zwei Wochen.

Copyright: Tina Uebel
Wie klein ist die Welt? Ausrangierte Wagons der Deutschen Bahn im Iran (Foto: Tine Uebel)
Im Zug sprach mich ein neugieriges Kopftuchfrauchen an, auf Persisch, ich bin als alleinreisende Deutsche naturgemäß immer und überall ein Ereignis. Ihre Tochter, sagt das Frauchen, sei während der Demonstrationen verhaftet und misshandelt worden, habe nach ihrer Freilassung in die Türkei fliehen können und beantrage dort gerade Asyl; sie selbst aber, sagt Frauchen, werde das niemals davon abhalten, weiter zu demonstrieren. Sie wird weiter demonstrieren, für die Freiheit, trotz ihrer Angst.

Sie wäre gerne Che Guevara, sagt N. und lächelt wie eine Hobbitsphinx. Sie erzählt davon, wie beschissen es sei, Frau zu sein in diesen Kulturen, wo eine Frau weniger gelte als ein Tier, ein Möbelstück, eine Dienstleistung. Die zwei vorangegangenen Stunden saß sie im Kreise von iranischen Männern und dominierte das Gespräch, ein Gespräch über Politik, was sonst; nachdem wir wenig später reingegangen sein werden, wo drei Kerls zu Musik tanzen, beklatscht und angefeuert von allen Passagieren, bis auf den einen Hodscha, der dies für verwerflich hält, wird es N. sein, dem mal so richtig theologisch Bescheid zu stoßen.

Unser Zug ist in Istanbul losgefahren, zwei Nächte tanzte ich dort Tango. Ich lernte Serdar, Attila, Özar kennen und tanzte mit ihnen. Ich komme aus einem Land, in dem man miteinander tanzen darf.

Ob ich Tourist sei, spricht mich A. an einer Straßenkreuzung an, weil das ja auch schwer zu übersehen ist, wir setzen uns vorm Theater auf eine Bank, und er erzählt mir davon, wie an der Universität die Leute verhaftet wurden, verschwanden, wie man die Professoren entließ und durch linientreue Schwachmaten ersetzte, wie gar überlegt wird, die Universität in eine Vorstadt zu verlegen, ihren Einfluss auf das Teheraner Stadtgeschehen zu mindern. Niemandem dürfe man mehr trauen, jeder vermeintliche Gesinnungsgenosse könne sich als Spitzel und Verräter erweisen. Sie würden trotzdem niemals aufgeben, sagt er, wie könnte man es aufgeben, um die Freiheit zu kämpfen.

Vielleicht werden meine Kinder Freiheit haben, sagt M., oder meine Enkel, in zwanzig oder dreißig Jahren. Er selbst ist eher zwanzig als dreißig. Wir haben uns auf dem Wanderweg getroffen, sie sind zu fünft, vier Jungs, ein Mädchen, dem gleich mir beim Aufstieg dauernd das Kopftuch verrutscht und der Manteau schweißnaß am Leibe klebt. Sie haben Zelt und Proviant dabei, sie werden bis Anbruch der Nacht weitergehen und hoch oben in den Bergen übernachten, ob ich nicht mitkommen wolle. Ich würde gerne. Die ersten Stunden läuft man durch Getümmel und Trubel, ein Patchwork aus Restaurants, Picknickplätzen, Cafés, die sich an den Hang kleben wie Mauerseglernester. Dann bleibt alles zurück und der Himmel weitet sich über Gipfeln und uns. Nur noch Stein und Geröll lauscht unseren Gesprächen. Wir alle lieben unser Land, sagt N., und wir alle wollen nur raus hier, wenn wir’s bloß könnten. Wir leben wie unter Hitler, wie in Nordkorea. Was man im Ausland von den Iranern denke, fragen sie, das will jeder von mir wissen, ich bin als alleinreisende Deutsche naturgemäß immer und überall eine unzensierte Presseagentur, und ob die Menschen in Deutschland glücklich seien. Bevor wir uns verabschieden, machen wir ein Gruppenfoto. M. steht an der Kamera, Say ‚Ahmedinedschad‘ and smile“, sagt er, als er den Auslöser drückt. Unter uns, gerahmt von den Hängen des steilen Tals, gehen in einem weichgezeichneten Ausschnitt Teherans die ersten Lichter an.

Er müsse es ins Ausland schaffen, sagt Al., nach Deutschland mit dem DAAD, oder Japan, oder Russland, egal wohin, er liebe sein Land, aber in Usbekistan habe er keine Zukunft. Wir laufen im Abendlicht einen Bergpfad hinab, sprachen erst über Fotografie, dann über die Welt. Das System sei zu korrupt und kaputt, sagt er, und er sei schon sechsundzwanzig, er habe nicht mehr viel Zeit, aus seinem Leben etwas zu machen. Hier könne er höchstens Lehrer werden, er aber sei Wissenschaftler. Wir überholen einen jungen Hirten, dessen Familie ihre Zelte weiter oben am Berg aufgeschlagen hat. Ein Lamm folgt uns blökend bis hinunter zum Zeltplatz, wo Al. und andere Jungs seines Alters Zelte für die Trekkingtouristen aufbauen, deren Rucksäcke sie morgen über die Berge tragen werden.

Keiner, der nicht versteht, dass ich reise. Keiner, der mich nicht deswegen beneidet. Um meinen Pass, mit dem ich jederzeit aus- und überall problemlos einreisen darf. Mit Staunen halte ich an jeder Grenze diesen meinen Pass in den Händen und frage mich, womit ausgerechnet ich ihn verdient habe.

Meine Mutter hat die halbe Welt bereist, aber ich bin zu alt, sagt As. – er ist 31 –, und habe Frau und zwei kleine Kinder, wären die nicht, ich würde alles daran setzen, ins Ausland zu gehen. Ich verfüge über eine exzellente Ausbildung, und jetzt fahre ich Taxi. Er fährt Taxi, bis vor zwei Wochen noch war er Banker. Das Taxi ist sein eigener BMW. Er liebt BMWs, aber mit Schaltgetriebe, Automatik, das sei doch kein echtes Autofahren. Auf seinem T-Shirt prangt das BMW-Logo direkt über dem Herzen, ein weiteres ziert seine Gürtelschnalle. Hier in Kasachstan habe ich keine berufliche Chance, sagt er, ohne Beziehungen bekäme man keinen Job, man könne ein verdammtes Genie sein und würde ohne Beziehungen oder Bestechung doch bloß taxifahren. Dann will er von mir den Preis für BMWs in Deutschland wissen und ob die Menschen dort glücklich sind.

Als hätten sie sich abgesprochen haben sie fast alle mir diese Frage gestellt, ob die Menschen in Deutschland glücklich seien. Ich wusste nicht recht, wie ich sie beantworten sollte. Ich denke, Freiheit ist, wahrscheinlich, wie Licht. Man bemerkt sie erst in ihrer Abwesenheit. Ich denke, wüssten wir, wie glücklich wir sind, wir ertaubten unter dem permanenten ohrenbetäubenden Jubelgeschrei, das durchs Land gellte. Aber was weiß ich schon, ich denke, ich weiß nicht viel, deshalb reise ich, in der Hoffnung, vielleicht ein klein bisschen weniger dumm zurückzukehren. Ich kann reisen, ich habe den Pass, es zu tun, und gedenke davon ausgiebig Gebrauch zu machen, in Demut und Dankbarkeit, in einer unermesslich großen Welt, die sich in bloß sieben Wochen per Bahn schon halb durchqueren läßt.

Tina Uebel ist Schriftstellerin und Journalistin. Für das Deutsch- Chinesische Kulturnetz berichtet sie in einem Reiseblog über ihre ungewöhnliche Annäherung an China, ihre Wahrnehmung der schrittweisen Veränderung der Landschaften, Sprachräume und Kulturen zwischen den zwei Schwester- und Hafenstädten Hamburg und Shanghai.

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