Goethe aktuell

Ausgebremst: Autofrei in Montreal

Copyright: Bettina Hoffmann
Einmal zu Fuß durch das Stadtzentrum Montreals: der „Tag ohne Auto“. (Foto: Bettina Hoffmann)

25. September 2010


Straßen ohne Autos? In vielen Großstädten undenkbar. Und doch war es in dieser Woche soweit: In der frankokanadischen Stadt Montreal wurden zahlreiche Straßen im Stadtzentrum für den Autoverkehr gesperrt. Und wenn es nach den Veranstaltern geht, war das erst der Anfang. Von Katrin Bathow

Charles, ein sehniger Mann im roten T-Shirt, verteilt Handzettel und strahlt: „Die Luft ist schon viel besser und der Lärm ist weg!“ Neben ihm vollführt seine Tai-Chi-Gruppe ihre langsamen Übungen mitten auf der geschäftigsten Einkaufsstraße Montreals, der Rue Sainte-Catherine. Echtrasen liegt in langen Bahnen auf dem Straßenpflaster, laut ist nur das Vogelgezwitscher, das aus den Boxen an den Straßenecken kommt, die etwas zu hoch aufgedreht sind. „Wenn Städte doch immer so wären, es hat was Beruhigendes“, sagt Malwina, die für eine Tierschutzorganisation arbeitet und mitten auf der Straße in der Sonne sitzt. „Die Menschen essen heute sogar draußen. Sonst sitzen sie immer nur zusammengedrängt bei McDonald’s.“ Es ist autofreier Tag in Montreal, im Stadtzentrum sind einige Häuserblöcke bis zum frühen Nachmittag für den Verkehr gesperrt, es ist ein bisschen wie Ferien. Doch Teile der Stadt vollständig zur autofreien Zone zu machen, nach dem Vorbild europäischer Städte? „Dafür ist es noch zu früh“, zögert Charles, „die Menschen in Montreal sind noch nicht reif dafür“. „Die Innenstadt platzt aus allen Nähten, schließt sie für Autos, wenn ihr könnt“, sagt Malwina.

Unweit der autofreien Zone, im großen Einkaufszentrum Complexe Desjardins, und abends an der McGill Universität erläutern deutsche und norwegische Experten, wie autofreies Leben in Europa aussieht, und warum selbst nördliche Klimabedingungen kein zwingendes Argument fürs Auto sein müssen. Ulrike Reutter, Raumplanerin aus Dortmund, Markus Heller, Architekt aus Berlin und die Stadtplanerin Ing-Cristine Ericson aus Oslo kommen auf Einladung des Goethe-Instituts Montreal, das das Konzept autofreier Viertel in Montreal bekannt machte und gemeinsam mit dem Montreal Urban Ecology Center, einer der wichtigsten Umweltorganisationen Kanadas, und der McGill Universität eine breite Diskussion darüber ermöglicht. Eine ganze Woche lang stellen die Experten aus Deutschland und Norwegen in verschiedenen Veranstaltungen europäische Konzepte vor und diskutieren, wie sich diese auf Montreal übertragen lassen. „Grüne Stadtplanung ist seit mehreren Jahren ein Schwerpunkt in unserer Arbeit, aber autofreie Viertel sind bis jetzt das radikalste Thema, das wir hier gesetzt haben“, sagt Mechtild Manus, die Leiterin des Goethe-Instituts.

Montreal liegt auf einer Insel, von Flüssen aus dem Kontinent herausgeschnitten. Hier rollen morgens die Kolonnen über die 16 Autobrücken in die Stadt hinein, abends geht die Fahrt wieder ins Umland hinaus, ein unaufhörlicher Austauschprozess, der von Jahr zu Jahr zäher wird. Das Straßensystem entstand in den 1950er Jahren, heute quillt es über. Die Bewohner, die abends auf der Dachterrasse ihres teuer renovierten Backsteinhauses unweit der Jacques-Cartier-Brücke grillen, haben einen guten Ausblick auf etwa 35 Millionen Autos, die pro Jahr an dieser Stelle den St.-Lorenz-Strom passieren.

Copyright: Goethe-Institut Fotostrecke: Autofreies Montreal

„Stadtplanung in Nordamerika heißt bis heute, den Arbeitsplatz vom Wohnort räumlich zu trennen und neue Vorstädte in die Landschaft zu setzen,“ sagt Nik Luka, Professor für Architektur und Stadtplanung an der McGill Universität. „Die Menschen kommen in die Stadt zum Arbeiten und wohnen im Umland. Deswegen gibt es in der Stadt kaum große Wohnungen für Familien. Europäische Städte sind durchmischter.“ Die schicken Loftwohnungen, die derzeit in den alten Fabrikgebäuden am Hafen von Montreal entstehen, mögen für das gutverdienende Paar attraktiv sein, für Familien sind sie es nicht.

Dabei gibt es im Stadtzentrum von Montreal kaum mehr Autobesitzer als in Berlin und in Stadtvierteln wie Plateau-Mont-Royal und Mile-End stehen mehr Fahrräder als Autos vor den Türen. Zu autofreien Zonen wie in Köln, Amsterdam und Edinburgh ist es hier nicht mehr weit, sagt Nik Luka. Das Interesse an neuen Verkehrskonzepten sei da, die Bewegung komme von unten. Architekten und Stadtplaner müssten darauf reagieren und neue Wohnformen anbieten. Denn dass die Menschen in Montreal aufgeschlossen für Neues sind, ist am Leihfahrrad Bixi zu sehen. Seit letztem Jahr sind die Räder auf Stationen überall in der Stadt verteilt und treffen auf freudigen Zuspruch, auch Männer im Anzug sitzen darauf, Aktentasche und Regenschirm auf den kleinen Gepäckträger vor dem Lenker geschnallt.

„Die Frage in Montreal ist nicht: Wollen wir autofreie Viertel, sondern: Wie können wir sie realisieren“, sagt Luc Rabouin, Leiter des Montreal Urban Ecology Center am Ende eines ganztägigen Symposiums für Planer der Stadt Montreal und anderer Städte der Region. Die deutsche Raumplanerin Ulrike Reutter fügt hinzu: „Der richtige Augenblick für autofreie Viertel in Montreal ist genau jetzt. Ergreifen Sie die Gelegenheit.“ Morgen besuchen die beiden deutschen Experten den Workshop einer Bürgerinitiative, um zu beraten, wie sich konkrete Stadtviertel in Montreal autofrei gestalten lassen. Und das könnte schneller passieren, als Charles denkt.

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