Goethe aktuell

Biennale São Paulo: Aufbruch im New York des Südens

Juan GuerraCopyright: Mercedes Benz Kommunikation
Die Ausstellung deutscher Gegenwartskunst im Museu de Arte de São Paulo (Foto: Mercedes Benz Kommunikation)

9. Oktober 2010

Neugier, Experimentierfreude und Lust an Provokationen: Das ist die diesjährige Biennale in São Paulo. Wenn es um Kunst geht, sind New York und Venedig nicht mehr ohne Konkurrenz. Das zeigt auch das Begleitprogramm. Darin: die bisher größte Ausstellung deutscher Gegenwartsmalerei. Von Susann Kreutzmann

São Paulos Kunstszene ist in Aufbruchstimmung. Lange Zeit wurde die Bedeutung von brasilianischer Kunst verkannt. Das hat sich jetzt geändert. Schon heute gilt São Paulo als das New York Südamerikas. Hier ist die Kunstszene so dynamisch wie sonst nirgendwo auf dem Kontinent. Rund 80 Galerien gibt es inzwischen in der brasilianischen Metropole, es werden immer mehr. „Wir erleben gerade einen Boom, aber es gibt noch viel Wachstumspotenzial“, bestätigt Akio Aoki von der Galerie Vermelho in São Paulo, die 32 junge brasilianische Künstler vertritt: „Es ist heutzutage ein Muss für jeden Sammler, Werke von brasilianischen Künstlern zu besitzen.“

Auch der Berliner Galerist Guido Baudach meint: „Viele Kollegen versprechen sich sehr viel von São Paulo.“ Er selbst ist überrascht über die Vielfältigkeit der Kunstszene, die er bei seinem ersten Besuch in der Stadt erlebt. Mit zu diesem Ruf beigetragen hat ohne Zweifel die Biennale, die nach Venedig die weltweit älteste Kunstbiennale ist.

„Die einzige revolutionäre Kraft ist die Kunst.“ Dieses Zitat von Joseph Beuys scheint als Motto für die diesjährige Biennale in Brasiliens 20-Millionen-Metropole São Paulo wie geschaffen. Neugier, Experimentierfreude und Lust an Provokationen heißen die Schlagwörter, unter denen größte Kunstschau in Lateinamerika steht. 159 Künstler aus vier Kontinenten zeigen in diesem Jahr (noch bis 13. Dezember 2010) ihre Sicht auf Urbanität, Identität und gesellschaftliches Auseinanderdriften. Mit dabei sind 16 deutsche oder in Deutschland lebende Künstler.

Schon von weitem leuchtet das strahlend weiße von Stararchitekt Oscar Niemeyer geschaffene Biennale-Gebäude dem Besucher entgegen. Im Park Ibirapuera, einer grünen Insel inmitten der hektischen und rastlosen Metropole, hat die Kunstausstellung seit 1951 ihr Quartier. Auf drei Etagen mit jeweils 250 Metern Länge sind in diesem Jahr vor allem Installationen, Fotos und Objekte zu sehen. Mit einem Labyrinth aus Gassen, dunklen Räumen und Plätzen der Ruhe soll dem Besucher trotzdem genug Freiraum für eigene Impressionen gelassen werden. „Unsere Idee war, eine Biennale mit Überraschungen zu schaffen, die mit dem modernen Gebäude korrespondiert“, erklärt Chefkurator Agnaldo Farias.

Kunst trifft Politik

In diesem Jahr geht es vor allem um das Zusammenspiel von Politik und Kunst. „Die Biennale bringt das Politische zurück zur Kunst“, sagt Farias. Schon vor Beginn der Schau sorgte der brasilianische Künstler Gil Vicente für heftige Kontroversen. In lebensgroßen Bildern zeigt er, wie er Politiker wie den iranischen Regierungschef Ahmadinedschad aber auch Brasiliens Noch-Präsidenten Lula da Silva ermordet. Die brasilianische Anwaltskammer wollte juristisch gegen die Bilder vorgehen, was Kurator Farias allerdings als „Zensurversuch“ kritisiert.

Nach einem Jahrzehnt vor allem der finanziellen Krise hat die Biennale wieder die Herzen der Brasilianer zurückerobert. Mit knapp 800 Werken ist die diesjährige Biennale auch eine der umfangreichsten. Mehr als eine Million Besucher erwarten die Organisatoren. Das wäre ein neuer Rekord.

Im Begleitprogramm der Biennale ist auch die bislang umfangreichste Schau deutscher Gegenwartsmalerei zu sehen. Die zusammen mit dem Goethe-Institut organisierte Ausstellung im berühmten Gebäude der MASP (Museu de Arte de São Paulo; noch bis 9. Januar) blickt auf die vergangenen 20 Jahre Kunstszene in Ost- und Westdeutschland zurück. „Diese Kunst steht für eine neue Generation“, sagt Kuratorin Tereza de Arruda und verweist auf Künstler der Leipziger Schule wie Neo Rauch, David Schnell und Tim Eitel. Aber auch Maler der westdeutschen Künstlerbewegung der „Neuen Wilden“ wie Jörg Immendorff, A.R. Penck oder Martin Kippenberger sind vertreten. „Wir haben die Pflicht, die ganze Breite zeitgenössischer Malerei zu präsentieren. Kunst lebt von der Vielfalt“, betont de Arruda, die im Jahr des Mauerfalls nach Berlin kam und den Wandel der Stadt hautnah miterlebte.

Wenn in São Paulo Biennale-Zeit ist, trifft sich in der Stadt die internationale Kunstszene. Viel beachtet war deshalb auch eine vom Goethe-Institut organisierte Diskussion zwischen der künstlerischen Leiterin der 13. Documenta in Kassel, Carolyn Christov Bakargiev und Lisette Lagnado, die Kuratorin der Biennale in São Paulo vor vier Jahren war. Eine besondere Ehre gab es diesmal für den „wichtigsten unbekannten deutschen Filmemacher“ Harun Farocki, dem auf der Biennale eine Retrospektive aus 30 Filmen gewidmet wurde. Auch die brasilianische Filmemacherin Betty Leirner stellte im Rahmen einer Retrospektive 30 sehr unterschiedliche Arbeiten über Liebe, Krieg und Poesie vor. Und das Projekt MCD Lab blinddate.de zeigte, wie kreativ und vielfältig es in den Berliner Clubs zugeht.

Copyright: Juan Guerra
Der Biennale-Palast von São Paulo, erbaut von Oscar Niemeyer (Foto: Juan Guerra)
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