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Europäische Nachbarn: Wenn das Gute liegt so nah ...

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Viele Menschen auf wenig Raum: Das ist der Beginn von Nachbarschaft – und von Risiken und Chancen (Foto: ene, www.shutterstock.com)

14. Oktober 2010

Kaum ein Land hat so viele Nachbarn wie Deutschland. Aber was bedeutet Nähe zwischen Nationen überhaupt? Wie nah sind sich die europäischen Nachbarn heute? Und ist Nähe vielleicht nur eine Illusion? Das Goethe-Institut geht diesen Fragen nun mit einer besonderen Veranstaltung nach.

Menschen leben zusammen, Menschen sind Nachbarn. Kaum einer kann sich dem entziehen. Und doch: Noch immer fristet der Nachbar als Gegenstand der Wissenschaften ein Schattendasein. Eine soziologische oder ethnologische Theorie der Nachbarschaft? Fehlanzeige! Grund genug, sich einmal eingehender mit dem Thema zu beschäftigten, dachten sich Carola Dürr und Christoph Bartmann und initiierten für das Goethe-Institut das Forum „Illusion der Nähe“.

Ein Wesenszug auch des Goethe-Instituts ist es – quasi per Definition –, in die Ferne zu schweifen. Und das obwohl eine alte Redensart, die auch noch auf ein Zitat des Namenspatronen des Instituts zurückgeht, uns doch eingeimpft hat, dass das Gute doch so nah liegt.

Doch das Goethe-Institut kann auch anders, wie die von Bartmann und Dürr ins Leben gerufenen öffentliche Tagung nun zeigt: Vom 27. bis 29. Oktober soll sie im früheren Berliner Flughafen Tempelhof vor allem „Ausblicke auf die europäische Nachbarschaft von morgen“ ermöglichen.

Freilich wird dabei auch offenkundig, dass es nicht immer nur das Gute ist, was so nah liegt. „Der Nachbar, so viel ist sicher, muss von Haus aus kein freundlicher Geselle sein“, sagt Bartmann, Leiter der Abteilung Kultur und Information des Goethe-Instituts. „Er kann eben auch zum Gegenstand unserer Irritation und unseres Misstrauens werden.“ Etwas schlichter formulierte es einst Goethes Freund Schiller: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

Die Nähe zum Nachbarn ist oft eine, die wir uns nicht selbst ausgesucht haben. Sie zwingt uns, uns zum Nachbarn zu positionieren: entgegenkommend, zurückhaltend, neugierig oder erwartungsvoll – selten aber gleichgültig und meist auf Grenzziehung bedacht. „Nationale Identitätsbildung verläuft nun einmal über das Motiv: Wir sind nicht wie der Nachbar“, sagt Bartmann. „Aber durch diese Negation ist der Nachbar bereits in uns.“

Europa als Aufgabe

Die Nähe zum Nachbarn, so Bartmann und Dürr, könne genauso Chance sein wie Fluch. Dürr, ihres Zeichens Kuratorin und Kulturwissenschaftlerin in Berlin, erinnert zum Beispiel daran, dass nahezu jede polnische Familie Angehörige durch die Deutschen verloren habe. „Im kollektiven Bewusstsein der Polen ist der Deutsche ganz stark eingeschrieben. Die polnische Identität würde ohne diesen Nachbarn heute eine andere sein.“

Polen und Frankreich, die beiden größten Nachbarn Deutschlands, stehen beispielhaft im Zentrum der Konferenz. In über einem Dutzend Veranstaltungen wird der Blick über den Nachbarszaun, aber auch in den eigenen Garten gewagt. So wird etwa über bilaterale Erinnerungskultur diskutiert oder über die Neuausrichtung Polens zu seinen östlichen Nachbarn hin. Es geht aber auch um die Stadt als transnationalen Raum: In welchem Verhältnis steht Integration zu „guter Nachbarschaft“? Die Politiker Günter Verheugen und Ruprecht Polenz debattieren die Frage, wo Europa endet, der ungarische Schriftsteller Peter Esterházy liest aus seinem mitteleuropäischen Reisebuch Donau abwärts, und der Politologe und Philosoph Herfried Münkler erklärt, warum es gelegentlich klug ist, es bei Partnerschaft zu belassen und keine Freundschaft anzustreben. Den Schlussvortrag schließlich hält Bundesaußenminister Guido Westerwelle.

Und was nun also hat ausgerechnet das Goethe-Institut dazu bewogen, diesmal nicht in die Ferne, sondern in den Nachbargarten zu schauen? „Für das Goethe-Institut ist und bleibt Europa eine Aufgabe“, lautet die Antwort von Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten des Instituts. „Wir sind ein Teil davon, tragen dazu bei und begreifen es als unsere kreative Basis auch für unsere Aktivitäten weltweit.“

-db-

Das Forum findet von Mittwoch, 27. Oktober, bis Freitag, 29. Oktober, im Flughafen Tempelhof statt. Die Teilnahme ist kostenlos, um Anmeldung unter www.goethe.de/nachbar wird gebeten. Hier findet sich auch das genaue Veranstaltungsprogramm.
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