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„Hotel Savoy“: Theatre for One

Paula ReissigCopyright: Paula Reissig
Reise in die Vergangenheit: Eines der Zimmer des „Hotel Savoy“ (Foto: Paula Reissig)

23. Oktober 2010

New York geht ins Hotel. Ins Hotel Savoy. Auf einer ganz besonderen Baustelle wird dem Publikum hier ein Drama in 27 Zimmern präsentiert. Der Andrang ist immens – und doch begegnet man niemals anderen Besuchern. Von Stephan Wackwitz

Die theatrale Installation Hotel Savoy von Dominic Huber ist das Produkt einer Notlage. Das Goethe-Institut New York musste zu Beginn des Jahres 2010 zum Zweck einer gründlichen Renovierung das 27-Zimmer-Townhouse gegenüber dem Metropolitan Museum auf der Fifth Avenue räumen – wollte es aber weiterhin irgendwie nutzen.

Das Haus war die Villa James W. Gerards gewesen, des langjährigen Botschafters der USA am Hof Wilhelms II in Berlin. Und dann vier Jahrzehnte lang die transatlantische kulturelle Repräsentanz eines Deutschlands, das nach 1945 wieder nach seiner Rolle und seinem Platz im Kreis der demokratischen Kulturstaaten führte. Hannah Arendt, Günter Grass, Willy Brandt, Theodor Heuss, Konrad Adenauer, Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann, Andy Warhol, Wim Wenders waren hier aus- und eingegangen. Und die Anwohner des deutschen Viertels Yorkville ein wenig ostwärts zum East River hatten sich in der Bibliothek getroffen mit deutschen Emigranten, die alles Deutsche liebten außer dem Land selbst, das sie vertrieben hatte. Eine ideale Projektionsfläche für künstlerische Interventionen zu den Themen Exil, Heimat, Literatur. Zu der Nachtseite von Politik.

Der Künstler Dominic Huber nun brütete die glückliche und folgenreiche Idee aus, Joseph Roths Roman Hotel Savoy als Folie für die Inszenierung des Hauses und seiner Geschichte zu verwenden. Als Huber mit einer Entourage von geradezu furchteinflößend kompetenten, fleißigen und dabei sensationellerweise auch noch total netten jungen Leuten im Sommer in New York landete, war die konzeptionelle Vorarbeit schon erledigt. Und sogar auch ein großer Teil der logistischen. Anhand eines Modells des Hauses, detaillierter Pläne und einer Fotodokumentation hatte er schon in Europa eine fast hitchcockmäßig genaue Vorstellung davon, in welcher Weise er das Haus für seine künstlerischen Zwecke umbauen wollte.

Es folgte eine Phase intensiven Sägens, Klopfens, Nagelns, Streichens und Bei-Ikea-Einkaufens. Durch eine Fülle kleiner Eingriffe verwandelte sich das ehemailige Bürohaus in eine Art sinistres osteuropäisches Vorstadt-Hotel, eben in das Hotel Savoy. Ein Mauerdurchbruch führte in eine veritable Waldhütte. Mein eigenes Büro wurde verkleinert und zu einem heruntergekommenen Hotelzimmer verwandelt – es gefiel mir fast besser in diesem Zustand. Im Oktober war es soweit. In einer Serie von Generalproben wurden die ersten Besucher durch das Gebäude geschickt. Selten war mir so mulmig zumute in meiner Rolle als Programmverantwortlicher. Aber es hat geklappt.

Geister im Echoraum

„Man betritt das Hotel Savoy als einziger Gast“, schreibt die Neue Zürcher Zeitung, „und wird im Lauf einer guten Stunde manch merkwürdiger Gestalt begegnen, doch keinem andern Besucher. Schon die verlassene Eingangshalle ist von einer spukhaften Anwesenheit erfüllt. Die Uhr über der Rezeption hat das Design einer Vergangenheit, auf deren Spuren wir durch das Haus geführt werden, von einem Liftboy, einem Mädchen mit einem Vogelei, einem Lotterie-Verkäufer, der uns die Zahl 1924 zusteckt, und allen möglichen anderen surrealen Gestalten, die hier zum immer bizarrer werdenden Interieur gehören. Es knistert, quietscht und raschelt hinter den Wänden, man hört Musik und Stimmen und Schreibmaschinen-Geklapper, ein Telefon läutet, ein Fernseher rauscht ohne Bild. Wir werden von einem Zimmer ins nächste geschickt, in Spiegelschränke und Hinterhof-Schächte, durch eine Baumhütte in einen Ballsaal geschleust, wobei wir, je höher wir steigen, sukzessive herabgestuft werden. Ungemachte Betten, just abgelegte Kartenspiele und vereinsamte Schuhe lassen vermuten, dass ganz oben die ärmsten Bewohner ihre Spur hinterlassen haben.“

Hotel Savoy hat eine Jazz- oder vielleicht auch Rock-’n’-Roll-Struktur. Die Geschichte und Architekturgeschichte des Hauses und der Roman von Joseph Roth bilden eine Art Standard oder riff, zu dem die Inszenierung improvisiert. Das Gebäude ist zu einem Echoraum geworden, in dem die Geister einer reichen Vergangenheit umgehen. Es kommt auf uns an, ob sie sich als Engel oder Dämonen entpuppen.

Besser freilich sollte man dieses besondere Hotel selbst in Augenschein nimmt, als es sich beschreiben zu lassen. Aber es geht nicht mehr. Spätestens seit die New York Times über Hotel Savoy berichtet hat, ist es bis zum Ende der Laufzeit ausgebucht. Und so war es wie eine Art anonymer Ritterschlag für mich, als gestern auf Craig’s List, dem großen New Yorker Internet-Anzeigenportal, die erste Anzeige erschien, die („will pay dearly“) Schwarzmarktpreise für ein Ticket anbietet.

Stephan Wackwitz leitet die Programmarbeit des Goethe-Instituts für Nordamerika. Gemeinsam mit Dominic Huber hat er das Projekt „Hotel Savoy“ maßgeblich vorangetrieben.
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