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„Feministin bin ich nur heimlich“

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Trendwende in Afrika: Auch Frauen nehmen heute eine Kamera in die Hand (Foto: Goethe-Institut)

31. Januar 2011

Frauen haben es immer noch schwer, in der Filmindustrie Fuß zu fassen, gerade in Afrika. Eine, die sich davon nicht hat abschrecken lassen, ist die Filmemacherin Taghreed Elsanhouri. In Johannesburg traf sie auf die Kollegin und Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun. Ein Gespräch über Frauen und Filme.

Frau Elsanhouri, Frau von Braun, In Ihrer Arbeit spielt die Geschlechterperspektive eine wichtige Rolle. Würden Sie sich als Feministinnen bezeichnen?

Elsanhouri: Nur heimlich.

Von Braun: Natürlich bin ich Feministin. Der Begriff wird in der Öffentlichkeit fast nur diffamatorisch verwendet. Umso mehr Grund, sich dazu zu bekennen.

Elsanhouri: Mich selbst als Feministin zu labeln wäre kontraproduktiv. Wir, also meine Generation von Frauen zwischen zwanzig und vierzig Jahren, sind heute alle dankbar für das, was Frauen in den Siebzigern erreicht haben. Aber in unserem Alltag haben wir gelernt, dass wir strategischer vorgehen müssen, um von A nach B zu kommen. Außerdem ist für mich als schwarze Frau Race genauso wichtig wie Gender.

Frau von Braun, inzwischen lehnen gerade jüngere Frauen oft die feministischen Bewegungen als Referenz für die eigene Emanzipation ab. Ärgert Sie das?

Von Braun: Ärgern? Ich weiß nicht. Wenn Frauen mit Feminismus nichts anfangen können, ist das ihr gutes Recht. Das tangiert mich nicht. Heimliche Feministinnen unterschreiben aber leider de facto die diffamatorischen Zuschreibungen an den Feminismus. Wir sollten diese Abwertungsdiskurse nicht mitmachen; und das heißt mitnichten, deshalb den Frauenbewegungen und den verschiedenen Feminismen unkritisch gegenüber zu stehen. Aber natürlich verstehe ich, dass es für eine Sudanesin etwas anderes ist als für mich.

Elsanhouri: Vielleicht ist es an der Zeit, den Begriff zu rehabilitieren. Derzeit ist ja genauso verpönt, sich als Feministin zu bezeichnen, wie zu sagen: „Ich bin Kommunist.“

Von Braun: Man darf ja nie vergessen: Die erste Frauenbewegung, die Suffragetten, wurde von den Kolonialherren und -frauen instrumentalisiert, um die ägyptische Gesellschaft zu unterwandern. Die gleichen Leute, die sich für die Entschleierung und „Modernisierung“ der Frauen in Ägypten einsetzten, kämpften in Großbritannien gegen das Frauenwahlrecht. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Feminismus in afrikanischen Gesellschaften als westlicher Import gesehen wird und einen entsprechend schlechten Ruf hat.

Elsanhouri: Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Als ich im Südsudan unterwegs war, traf ich zum ersten Mal auf Nomadinnen, die noch nie eine Schule besucht haben. Mich hat das sehr schockiert. Ich dachte damals: Um Gotteswillen, die können noch nicht mal schreiben! Und: Was ist meine Verantwortung hier? Da kam mir auch zum ersten Mal der Gedanke: Vielleicht haben sich so weiße Frauen gefühlt, als sie uns zum ersten Mal begegnet sind. Vielleicht fühlten sie sich genauso überfordert und voller Mitleid wie ich in dieser Situation. Und wollten helfen, aber hatten keine Ahnung wie.

Frau von Braun, Ihr wissenschaftliches Interesse gilt unter anderem der Genealogie des Kinos und den damit verbundenen Blickregimen. Was hat man darunter zu verstehen?

Von Braun: Mit jeder neuen medialen Technologie kam auch eine Änderung der Geschlechterordnung. Ganz egal, ob wir nun von der Erfindung des Alphabets, dem Buchdruck oder eben der Erfindung des Kinos am Ende des 19. Jahrhunderts sprechen. Die Fotografie und in der Nachfolge das Kino haben das Blickregime der Zentralperspektive aufgegriffen und, vereinfacht gesagt, das Sehen als männlich und das Gesehen-Werden als weiblich definiert. Aber diese visuellen Techniken sind westliche Erfindungen, und damit ist auch dieses Blickregime ein genuin westliches. Woanders können diese Techniken eine andere Wirkung haben.

Elsanhouri: Zweifellos gibt es einen kulturellen Unterschied, was den Blick angeht. Der westliche Blick ist sehr direkt. Hier dagegen vermeiden Frauen und Männer in aller Regel den offenen Blickkontakt. Insofern finde ich es immer spannend, wenn ein Protagonist mich unverhohlen ansieht oder direkt in die Kamera blickt.

Warum?

Elsanhouri: Es mag nur Neugierde sein, weil der Betroffene vielleicht mit den visuellen Medien nicht so vertraut ist. Trotzdem hat es immer etwas Radikales und Konfrontatives, dem Kameraauge nicht auszuweichen, sondern sich ihm offen zu stellen.

Von Braun: Das bedeutet, dass in einer Kultur, die den direkten Blick, den Dialog mit den Augen vermeidet, der direkte Blick in die Kamera eine Subversion der eigenen Kultur darstellt?

Elsanhouri: Vielleicht, ja.

Frau Elsanhouri, mit Mitte zwanzig kehrten Sie erstmals in die Heimat ihrer Eltern zurück – und drehten 2006 Ihren ersten Dokumentarfilm: „All About Darfur“. Was heißt „eigene Kultur“ für Sie?

Elsanhouri: Ich habe keine „eigene“ Kultur. Ich lebe in einer fortwährenden psychologischen Spannung. Als Jugendliche habe ich das als belastend empfunden. Heute erlebe ich sie als Quelle der Kreativität.

Von Braun: Was bedeutet es, in einer Kultur, die den direkten Blickkontakt eher vermeidet, als Frau eine Kamera dabei zu haben und zu filmen? Ist das nicht fast schon obszön?

Elsanhouri: In mancherlei Hinsicht ist es zumindest brutal. Aber für mich ist es sehr wichtig. Tatsächlich bestehe ich auf offenem Blickkontakt. Vielleicht kommt da meine westliche Erziehung ins Spiel. Vielleicht bin ich auch zu hart zu meiner Kultur. Ich denke nicht, dass ich mich entschuldigen sollte, nur weil ich etwas fordere.

Von Braun: Aber könnte der vermiedene Blick zwischen den Geschlechtern nicht auch ein Zeichen des Respekts sein?

Elsanhouri: Es geht schon um Respekt, aber es ist eine zweischneidige Sache. Ich interpretiere das Wegsehen der Männer vor allem als Mangel an Aufmerksamkeit für mich. Als ob man mir nicht zutraute, dass ich ihre Worte und Überlegungen verstehen könnte.

Demnach hilft die Kamera, um als Frau mehr respektiert zu werden?

Elsanhouri: Unbedingt. Die Kamera untersteht ja meiner Kontrolle, ich stelle die Fragen, man kann mich nicht einfach ignorieren. Für mich ist das Wegsehen eine Metapher dafür, dass die Mehrheit der Menschen im Sudan sich nicht der Realität stellen will. Sie wollen wegsehen. Sie wollen keine Verantwortung übernehmen. Mich macht das sehr wütend. Aber die Kamera, meine Kamera, konfrontiert die Menschen mit ihrem Wegsehen, und sie fordert unerbittlich Aufmerksamkeit, und zwar auch und vielleicht vor allem einem selbst gegenüber. Wenn ich vor der Kamera spreche, bin ich immer auch aufgefordert, über meine Worte nachzudenken. Es verlangt von beiden, vom Filmemacher und vom Gesprächspartner, Selbstreflexivität.

Die Fragen stellte Ines Kappert

Frauenplattform Johannesburg
2010 lud das Goethe-Institut Johannesburg zur ersten Frauenplattform für Filmemacherinnen. Ausgangspunkt des zweitägigen Treffens waren die Erfahrungen, Ziele und Ideen der Frauen in ihrem Fachgebiet und Land. Ziel der Plattform war es, Strategien für eine stärkere Präsenz afrikanischer Frauen in der Filmbranche zu entwickeln, den innerafrikanischen Austausch zu beleben und die berufliche Situation von Frauen im Kulturbereich zu verbessern.
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