Goethe aktuell

„Versucht nicht, anderen was recht zu machen!“

Copyright: X-Filme
Szene aus „Soul Boy“: Abila und Shiku in den Straßen Kiberas

4. Dezember 2010

Wenige Wochen bevor sein neuer Film Drei anläuft, sitzt der Regisseur Tom Tykwer in den Räumen seiner Berliner Produktionsfirma und rührt die Werbetrommel – für einen gänzlich anderen Film: Soul Boy. Ein Gespräch über ein besonderes Filmprojekt aus Nairobi.

Herr Tykwer, glauben Sie an Geister?

Sagen wir so: Ich glaube an den Nutzen von Geistergeschichten. Die können für Kulturen ja durchaus identifikationsstiftend sein. In meinem Alltag beschäftige ich mich allerdings nicht so sehr mit Geistern.

Das war bei der Arbeit zu dem Film Soul Boy wohl etwas anders. Denn Abila, der Protagonist, glaubt sehr wohl an Geister.

Der hat auch allen Grund dazu. Dieser Abila, ein Junge, der im Slum Kibera lebt, erfährt eines Morgens, dass seinem Vater von einer Hexe die Seele gestohlen wurde. Abila muss nun an einem Tag sieben Aufgaben lösen, um die Seele des Vaters zu retten. Am Ende stellt sich natürlich raus, dass das Ganze vor allem eine Selbsterfahrungsreise für den Jungen ist und der Vater nur als Membran wirkt.

„Soul Boy“ ist ein durch und durch afrikanischer Film – er spielt in Nairobi, die Schauspieler kommen aus Kenia. Regisseurin und Drehbuchautor sind ebenfalls Afrikaner. Was hat ein deutscher Starregisseur, der sonst zwischen Hollywood und Berlinale wandelt, damit zu schaffen?

Ich habe das Projekt als Supervisor begleitet. Dazugekommen bin ich über meine Frau, Marie Steinmann, die in Kenia eine NGO betreibt und Kunstunterricht an Slumschulen organisiert. Das macht sie schon seit Jahren mit großem Nachdruck und Erfolg. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich da auch gern einbringen würde – und da lag es nah, das im Bereich Film zu tun. Wir haben eine kleine Firma gegründet, die jetzt jedes Jahr zweiwöchige Intensivkurse anbietet – in verschiedenen Disziplinen, von der Regie bis zum Ton. Aus diesen Seminaren geht dann eine Crew hervor, die in drei bis fünf Wochen unter unserer Anleitung einen Spielfilm dreht.

Wie ist das Interesse an diesem Angebot?

Enorm. In Nairobi bin ich auf eine sehr vitale Kulturszene und eine enthusisastische Filmemacherfront gestoßen. Die wollen ihre eigenen Geschichten erzählen; Geschichten, die in ihrer Kultur verankert sind und nicht dem Gestus des internationalen Kolonialkinos folgen, wo sich immer irgendein weißer Reporter in eine attraktive schwarze Einheimische verliebt. Inzwischen kriegen wir Bewerbungen aus ganz Ostafrika.

Und aus einem dieser Seminare ist „Soul Boy“ entstanden?

Nein, bei Soul Boy war das alles noch etwas unstrukturierter. Soul Boy war gewissermaßen der Pilotfilm; das war damals alles sehr improvisiert. Die Crew haben wir vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda zusammengesucht. Dabei hat uns das Goethe-Institut sehr unterstützt.

Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen
„Die schönste und schwierigste Aufgabe ist es, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“: In ihrem Spielfilmdebüt „Soul Boy“ schickt die kenianisch-ghanaische Regisseurin Hawa Essuman die beiden Jungendlichen Abila (Samson Odhiambo) und Shiku (Leila Dayan Opollo) auf ein Abenteuer im Slum Kibera. Ausgedacht hat sich die Geschichte zwischen Alltag und Aberglaube der kenianische Autor Billy Kahora. Filmstart des international ausgezeichneten Films in Deutschland: 1. Dezember 2010.

Und Sie waren der Supervisor – was hat man sich darunter genau vorzustellen?

Um einen dramaturgisch einigermaßen stimmigen Film zu machen, sind Erfahrungswerte hilfreich. Die habe ich versucht weiterzugeben – in Form einer dramaturgischen Beratung. Meine einzige praktische Verantwortung lag darin, dafür zu sorgen, dass wir es auch wirklich in der Zeit hinkriegen, die wir zur Verfügung hatten.

Kannte man Sie und Ihre Arbeit denn in Nairobi?

Begrenzt. Manche hatten Das Parfüm gesehen. Das war aber auch gar nicht wichtig. Ich wollte Ansprechpartner für die Macher des Films sein, sie aber zugleich immer anfeuern, ihren eigenen Instinkten zu folgen. Sie sollten schließlich ihre eigene Vision von einem Film realisieren und nicht so sehr darauf schielen, wie das vielleicht ein westlicher Regisseur wie ich machen würde. Ich hab’ immer gesagt: Überrascht mich und euch selbst mit der Idee und den Visionen, die euch durch den Kopf schwirren! Versucht nicht, anderen Leuten was recht zu machen!

Die Kulisse des Films ist Kibera, einer der größten Slums in Afrika. Trotzdem ist die Geschichte kein Elendsdrama.

Das stimmt, aber der Rahmen wird nicht ignoriert. Der Film zeigt die Härte des Alltags, ohne auf sie zu fokussieren. Die Kinder in Kibera sind natürlich mit den Härten des Alltags so regulär konfrontiert, dass sie es nicht ständig thematisieren – und es schaffen, trotzdem ein aufregendes Leben zu führen. Aber Kibera selbst ist auch die Hölle. Die hygienischen Zustände sind katastrophal, und das Viertel ist unvorstellbar dicht besiedelt. In winzigen Hütten leben manchmal bis zu ein Dutzend Menschen. Und doch schwebt über allem ein geheimnisvolles Gefühl von Zusammenhalt.

Wie viel Aufmerksamkeit haben Sie dem afrikanischen Film vor „Soul Boy“ geschenkt?

Ich hatte immer wieder Berührungspunkte dadurch, dass ich viel auf Festivals bin. Es gab einzelne Filme, die mir sehr imponiert haben: zum Beispiel Yeelen – Das Licht, ein Film des Regisseurs Souleymane Cissé aus Mali. Aber natürlich wird Subsahara-Afrika stiefmütterlich vom Weltkino behandelt.

Was ist das Problem? Fehlt es nur an Geld?

Das Hauptproblem ist, dass die Vertriebswege so zäh sind. Natürlich wäre man erstmal daran interessiert, dass die Filme wenigstens im Inland wahrgenommen werden. Soul Boy ist in Kenia inzwischen ein Begriff, aber gesehen haben ihn die meisten immer noch nicht. Wir würden am liebsten DVDs verteilen, damit möglichst viele Leute den Film zu sehen kriegen. Denn das ist schließlich unser größtes Interesse.

Gibt es denn in Kibera selbst Kinos?

Ja. Kinos sind dort jedoch Hütten mit Monitoren. Und weil es so wenige DVDs gibt, haben sogar in Kibera viele Menschen den Film noch nicht gesehen.

„Soul Boy“ ist ein absoluter Low-Budget-Film: Das Filmmaterial hat ein Hersteller gespendet, der Rest soll etwa 60.000 Dollar gekostet haben. Wie wichtig ist Geld für einen guten Film?

Produzententeam Steinmann und Tykwer bei den Dreharbeiten
Nimmt man die Post Production dazu, waren es vielleicht doch eher 100.000 Dollar. Für die inhaltliche Relevanz eines Films ist das Budget unwichtig. Das kriegen wir immer wieder zu spüren, wenn wir uns die 200 Millionen Dollar schweren Blockbuster anschauen, die uns mit leergeblasenem Hirn zurücklassen und achselzuckend und kopfschüttelnd nach Hause schicken. Und dann sieht man einen Dogma-Film aus Dänemark für ’nen Appel und ’n Ei und ist ergriffen für Wochen. Sie dürfen aber eines nicht unterschätzen: Da Soul Boy ein Workshop-Programm war, hat hier keiner was verdient. Es gab gerade mal die Möglichkeit, den Leuten während der Dreharbeiten den Lebensunterhalt zu zahlen. Aber es gab keine Budgets für angemessene Gagen. Und was Filme letztendlich teuer macht, ist das Personal. Natürlich kann man bestimmte Dinge in einem Film ohne Geld nicht machen.

Sie selbst kennen Hollywood gut. Wenn man eben noch in Kibera war und dann bei der Oscar-Verleihung sitzt – ist das ein Kulturschock?

Es ist nicht so einfach, das abzustreifen. Nairobi ist ein sehr hartes Pflaster: Der Verkehr, die Geschwindigkeit, die Menschenmassen – das ist alles sehr aggressiv. Man ist einem starken Stresspegel ausgesetzt und muss gleichzeitig die Diskrepanz zwischen der dortigen Welt und der eigenen Heimat verarbeiten. Andererseits habe ich dadurch, dass ich in diesen sehr unterschiedlichen Hemisphären intensive Erfahrungen sammle, immer noch ein einigermaßen intaktes Instrumentarium, um mich auf diese Welt politisch zu beziehen.

Nun läuft „Soul Boy“ auch in Deutschland an – was erwarten Sie sich?

Der Film wird es nicht sehr leicht haben. Es gibt sehr wenige Filme aus der Region, die hier Erfolg haben. Wir wissen aber, dass der Film für Lehrer und Eltern eine ganze Menge zu bieten hat. Es ist ein Film, über den man mit jungen Leuten gut reden kann; er stellt viele Fragen, die er nicht alle beantwortet. Er hat einen starken pädagogischen Wert, der ganz undogmatisch und ohne Zeigefinger daherkommt. Aber vor allem ist es ein sehr gut gemachter, spannender und unterhaltsamer Film. Man muss da nicht mit Wohlwollen reingehen und es als eine gute Tat ansehen, wenn man sich den Film anschaut. Der Film kann auf internationalem Niveau mithalten und hat das Publikum bisher noch nie enttäuscht. Das muss sich jetzt nur noch in Deutschland rumsprechen.

-db-
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten