Goethe aktuell

Goethe in Polen: Von Mangelwaren und Deutsch-Wagen

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Über den Dächern der malerischen Altstadt Warschaus (Foto: Zsolt Bugarski)

24. Dezember 2010

Seit 1990 gibt es in Warschau das Goethe-Institut. Anfangs fragten hier Passanten noch nach Wolldecken und Kochtöpfen; inzwischen ist das Institut eine feste Größe in der Warschauer Kulturlandschaft geworden. Und auch die deutsche Sprache erlebt einen neuen Boom. Von Gabriele Lesser

Gelb. Knallig Gelb. So leuchtet es überall im Goethe-Institut Warschau. The Promised City steht auf dem Logo. „Das war unser größtes Kultur-Projekt, das wir je realisiert haben“, sagt Martin Wälde. Vor drei Jahren kam der promovierte Philosoph aus dem indischen Kalkutta zurück nach Europa. Seither leitet er das Goethe-Institut in der Hauptstadt Polens.

„Wir haben Künstler und Kuratoren eingeladen – von Berlin nach Warschau und von Warschau nach Berlin“, so Wälde. „Wir haben ein Rechercheprogramm für sie vorbereitet, ließen sie selbst die andere Stadt entdecken.“ Und so entstanden die Ideen und Projekte für die Metropolen, die Millionen Träume wahr werden oder auch zerplatzen lassen. Die indische Megacity Mumbai (Bombay) kam später hinzu. „Wir wollten die europäische Perspektive mit einer asiatischen erweitern und auch konfrontieren“, so Wälde. Insgesamt waren am Kunst-Projekt The Promised City Künstler, Kuratoren, Schriftsteller und Intellektuelle aus vier Städten beteiligt: Berlin, Warschau, Bukarest und Mumbai. Federführend waren das Goethe-Institut Warschau und das Polnische Institut Berlin, die zum ersten Mal über Jahre hinweg zusammenarbeiten.

Copyright: Goethe-Institut Fotostrecke: Sehenswertes in Warschau

Renata Prokurat legt einen ganzen Stapel bunter Hefte auf den Tisch. „Promised City war zwar unser größtes Projekt“, erzählt sie, „aber daneben lief die normale Kulturarbeit natürlich weiter.“ Die Germanistin ist seit Gründung des Goethe-Instituts in Warschau dabei. Als Beauftragte für Kulturprogramme organisiert sie vor allem Filmabende, Tanz-Workshops und Gastspiele oder Seminare zu historischen und gesellschaftspolitischen Themen. Dorota Swiniarska, ebenfalls Beauftrage für Kulturprogramme, kümmert sich um die bildenden Künste, Theater, Literatur und Musik.

Alte Gewohnheiten und Neuanfänge

„Die Anfänge des Goethe-Instituts in Polen waren schwierig“, erinnert sich Prokurat. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde das ehemalige Kulturzentrum der DDR in Warschau aufgelöst. In Zeiten des Realsozialismus hatten Polen dort nicht nur die gesammelten Werke von Marx und Lenin sowie die Klassiker der deutschen Literatur kaufen können. Vielmehr gab es auch Mangelwaren aller Art: Wolldecken, Wörterbücher, Kochtöpfe. „In das ehemalige DDR-Kulturzentrum und zugleich in den leer stehenden Laden zogen wir 1990 ein. Zwar stand nun „Goethe-Institut“ an der Eingangstür, aber die Besucher fragten aus alter Gewohnheit immer wieder nach Decken und Töpfen.“ 1991 zog das Institut in den Kulturpalast um. Dort konnte sich zwar das Institut auf zwei Stockwerken ausbreiten, einen Vorlesungssaal mit ansteigenden Sitzreihen nutzen, sowie eine Galerie und eine Bibliothek betreiben, doch mit den steigenden Immobilienpreisen in Polen wurde die Unterbringung zu teuer. 2004 zog das Institut erneut um. Diesmal in ein modernes Bürogebäude im ruhigen Hinterhof der Chmielna-Straße. Die Zahl der festen Mitarbeiter stieg im Lauf der Jahre von vier auf heute 28 an, und ca. 30 Honorarlehrkräfte für Deutschkurse.

30 Prozent aller Deutschlerner weltweit konzentrieren sich auf Osteuropa. In Polen ist die Zahl mit 2,35 Millionen Menschen am höchsten, dicht gefolgt von Russland mit 2,31 Millionen Lernenden. Doch auch in Polen war Deutsch jahrelang auf dem Rückzug insbesondere als erste Fremdsprache. Es gab auch hier die Tendenz zu einer Welt-Einheitssprache Englisch. Aber inzwischen bekennt sich Polen zur Mehrsprachigkeit und hat diese mit der Einführung der ersten Fremdsprache ab Klasse 1 und der zweiten ab Klasse 7 im Schulsystem verankert. Das eröffnet neue Chancen für Deutsch. Das Goethe-Institut will dazu beitragen, dass diese Chancen genutzt werden: durch Werbung für Deutsch, durch Lehrerfortbildung und durch attraktive Materialien. Ein Beispiel dafür ist die Deutsch-Wagen-Tour: Im April 2009 starteten von Warschau aus fünf bunt bemalte Deutsch-Wagen ihre Tour durch Polen. Von Lublin, Kielce, Olsztyn (Allenstein), Poznan (Posen) und Wroclaw (Breslau) aus steuern sie fast täglich einen anderen Ort an, wo der Deutsch-Wagen und die lustigen Sprachspiele und Wettbewerbe die Attraktion des Tages darstellen.

Die Bibliothek des Goethe-Instituts Warschau verfügt über 16.000 Bücher, CDs, Spiel- und Dokumentarfilme, sowie Medienpakete für den Deutschunterricht. „Wir haben drei große Schwerpunkte“, erklärt Kerstin Wesendorf, die Bibliotheksleiterin. „Moderne deutsche Literatur, möglichst auch in Form von Hörbüchern, dann Deutsch als Fremdsprache, außerdem Medien zur aktuellen Entwicklung in Kunst, Wirtschaft und Politik in Deutschland sowie zu den Geschichts- und Erinnerungsdebatten.“ Die Bibliothek organisiert nicht nur Autorenlesungen und Fortbildungen für Bibliothekare, sondern arbeitet mit an der Internetseite Bücher, über die man spricht in deutscher und polnischer Sprache. Häufig werden dann polnische Verleger auf die Bücher aufmerksam und kaufen die Lizenz für den polnischen Markt. Das Goethe-Institut fördert auch Übersetzungen aus dem Deutschen ins Polnische.

„Kunst ist ein großartiger Mittler“, begeistert sich Wälde. Er breitet ein großes Plakat der Ausstellung Building Memory auf dem Tisch aus. "Kunst funktioniert nonverbal, denkt man. Doch dann will man darüber reden, reden und reden.“ Auf dem Plakat ist die gepanzerte Luxuslimousine Papst Benedikt XVI. zu sehen, wie sie langsam durch das ehemalige KZ Auschwitz rollt, vorbei an den Häftlingsbaracken, eskortiert von einem knappen Dutzend Bodyguards. Außerdem Bilder eines Kibbuz, das 2009 mitten in Warschau entstand. „Diese Bilder haben die heutigen Polen im Kopf. Sie gestalten ihre Erinnerung und also ihr Bewusstsein. Wir müssen diese Bilder kennen, um unsere Nachbarn verstehen zu können. Umgekehrt gilt das natürlich genauso“, sagt Wälde und eilt schon wieder zum nächsten Termin.
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