Goethe aktuell

Fast eine gute Nachbarschaft: Frankfurt, Oder, Słubice

Copyright: Mathias Apitz
Die Stadtbrücke verbindet Frankfurt an der Oder und Słubice (Foto: Mathias Apitz)

6. Januar 2011

Autodiebe und Kriegsverbrecherkinder – das sind deutsch-polnische Klischees von gestern. Jetzt wachsen Frankfurt an der Oder und Słubice wieder zu einer Stadt zusammen. Doch einige Hürden sind noch zu nehmen. Von Paul Flückiger

Magda und Tomasz schleppen zwei bis zum Rand vollgepackte Einkaufskörbe bei Rossmann an die Kasse. Das Ehepaar kommt aus dem Lebuser Land und hat einen Verwandtenbesuch in Słubice zu einer kurzen Einkaufstour nach Frankfurt genutzt. „Kosmetika und Waschmittel sind in Deutschland billiger als in Polen. Da wären wir doch blöd, nicht mal schnell über die Oderbrücke zu fahren“, berichten die beiden. In den Lenné-Passagen an der Karl-Marx-Straße hört man immer wieder Polnisch, ein Ansturm von Einkaufstouristen ist dies aber nicht.

Das sei völlig normal hier, nicht anders als im Dreiländereck am Oberrhein, heißt es im Fremdenverkehrsbüro der Stadt. Hier sei dieses billiger, im nahen Ausland jenes, und wer Zeit habe, fahre eben hin. Die Touristikprofis sind Vermittler vom Fach. „Frankfurt und Słubice – Europäische Doppelstadt an der Oder“ wirbt ein kürzlich herausgegebener gemeinsamer Hochglanzprospekt auf Deutsch und Polnisch. Einnehmende Fotos gewinnen darin Sympathien für die beiden ungleichen Städte – hier die Kreishauptstadt Frankfurt mit ihren noch gut 60.000 Einwohnern und herausgeputzten Baudenkmälern, dort die einstige Dammvorstadt, seit 1945 polnisch Słubice, mit ihren 17.000 Bürgern.

Einige scheuen noch den Gang nach Polen

„Ich kenne Frankfurter, die noch nie ihren Fuß auf die östliche Seite der Stadtbrücke gesetzt haben“, berichtet Janina K., die seit 1997 auf der Westseite lebt. Hergezogen ist sie mit ihrem Mann, einem Schlesier, aus Mannheim. In Frankfurt an der Oder wollte sie wieder näher bei der polnischen Verwandtschaft sein. Dem damals noch kommunistischen Polen hatte das Paar in den Achtzigerjahren den Rücken gekehrt. Laut kommunaler Statistikstelle hatten Ende Dezember 904 polnische Staatsbürger ihren Hauptwohnsitz in Frankfurt. Sie sind damit die mit Abstand größte Ausländergruppe vor den Ukrainern, Russen und Türken.

Viele Deutsche empfänden den Gang nach Polen als eine Art Erniedrigung, vermutet Janinas Nachbarin Ciesława W. Dass die Wurst auf der polnischen Seite der Oder besser schmecke als auf der deutschen, passe manchen einfach nicht in den Kram, sind sich die beiden älteren Frauen einig. Ciesława W. allerdings will kein schlechtes Wort über die Deutschen verlieren. Hier in Frankfurt hat die Witwe aus der Nähe von Łódź (deutsch: Lodsch) ihr spätes Liebesglück gefunden. „Ich suchte Arbeit und fand die Liebe“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Dabei diente ihr Słubice, wo ihre Schwester wohnte, als Brückenkopf.

Schon der VEB setzte auf Arbeiter aus Polen

Als Brückenkopf der „Festung Frankfurt“ sollte die damalige Dammvorstadt nach Plänen der Nazis bei Kriegsende für die Verteidigung Berlins herhalten. Anfang 1945 wurde die Vorstadt zwangsgeräumt und aufgerüstet, doch dem Druck der Roten Armee vermochte sie nicht standzuhalten. Mitte April 1945 sprengte die weichende Wehrmacht die Oderbrücke. Sowjetische Fliegerangriffe zerstörten in den Tagen danach bis zu 90 Prozent der westlich der Oder gelegenen Frankfurter Innenstadt. Die Potsdamer Konferenz besiegelte die Teilung der Stadt zwischen Deutschland und Polen. In Słubice wurden nach 1945 vor allem polnische Vertriebene aus den der Sowjetunion zugeschlagenen Gebieten Ostpolens angesiedelt, Frankfurt musste praktisch von Neuem aufgebaut werden.

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Plattenbausiedlung in Frankfurt an der Oder (Foto: Mathias Apitz)


Słubice suchte sein historisches Erbe in der Folge in der slawischen Siedlung Zliwice, die Mitte des 13. Jahrhunderts am östlichen Oderufer gegründet wurde. Frankfurt entwickelte sich zum wichtigsten Elektronikstandort der DDR. Der 1959 gegründete VEB Halbleiterwerk im Stadtteil Markendorf setzte auch auf polnische Arbeitskräfte. Über die Friedensbrücke wechselten fortan die Werkbusse. Nach der Gründung der Gewerkschaft Solidarność in Polen 1980 wurde die Grenze für die Normalbürger beider Staaten geschlossen, nur die polnischen Arbeiterinnen konnten noch zum Schichtbetrieb nach Markendorf.

Stereotypen machten die Annäherung schwierig

Die Friedensbrücke – heute ideologiefrei in Stadtbrücke umbenannt – stifte erst seit Ende der Neunzigerjahre wirklich Versöhnung, findet das polnische Ehepaar K. Stereotypen hätten die Annäherung schwierig gemacht – hier in Deutschland die Idee, alle Polen seien Diebe oder Säufer, dort die polnische Überzeugung, alle Deutschen seien Kinder von Kriegsverbrechern. „Noch eine Generation und alles ist in Butter“, gibt sich Janina K. optimistisch. Dann dreht sich das Gespräch um das gute Dutzend deutschpolnischer Mischehen unter den Nachbarn auf der zentral gelegenen Allende-Höhe und im Pablo-Neruda-Block.

Etwas stadtauswärts wird die nächste Plattenbausiedlung geschleift. Tausende von Polen sollten nach den Plänen von Oberbürgermeister Martin Patzelt in die leeren Frankfurter Platten ziehen. Er könne auch mit einer polnischen Mehrheit in der Stadt leben, provozierte der CDU-Politiker und pragmatische Stadtherr zu Beginn des neuen Jahrtausends, nachdem seine Stadt mehr als ein Viertel ihrer 88.000 Vorwende-Einwohner verloren hatte. Patzelts Traum ist inzwischen trotz großer Wohnungsnot in Słubice gescheitert. „Unsere Mieten waren den Slubitzern zu teuer“, heißt es dazu im Rathaus lapidar. „Die Deutschen reißen lieber Häuser ab, als sie den Polen billiger zu vermieten“, wundert sich Ciesława W.

Abgeschlagene Eternitplatten, herausquellende Isolierwolle: Unmittelbar vor der Stadtbrücke rottet der verlassene Grenzübergang auf der deutschen Seite vor sich hin. Auf der polnischen Seite werden gleich hinter der Brücke in zwei modernen Glaskiosks die ersten Billigzigaretten angeboten. Aus Frankfurt kommende Fußgänger halten sich meist links und biegen in die ul. Jedności Robotniczej (Straße der Einheit der Arbeiter) ein, die an Friseursalons – angeblich hat Słubice die größte Friseurdichte Polens – vorbei zu den Gasthäusern und Supermärkten im Stadtzentrum führt.

Zur Schönheits-OP nach Słubice

Chemische Reinigungen, Schneidereien und Schönheitssalons bieten ihre Dienste zweisprachig an, ebenso Zahnärzte und Spezialisten für plastische Chirurgie. „Die Deutschen kommen für Operationen sogar aus Frankfurt am Main nach Słubice“, berichtet ein Einheimischer stolz. Selbst polnische Zeitungen kann man am Kiosk problemlos für Euro und auf Deutsch erstehen. In der Türkei könne er – das gebiete die Gastfreundschaft – auf Polnisch bestellen, im 250 Meter entfernten Frankfurt aber nur auf Deutsch, klagte kürzlich der Leiter des Collegium Polonicum auf einer Tourismuskonferenz.

Die Gastfreundschaft der Polen hat nach amtlichen Angaben übrigens ebenfalls Hunderte von Deutschen nach Słubice gezogen. 1.291 deutsche Staatsbürger – viele davon Führerscheintouristen, wie es im Słubicer Rathaus hinter vorgehaltener Hand heißt – hatten hier Mitte Februar eine zeitweilige Meldebestätigung, gerade mal sechs von ihnen sind fest von Deutschland nach Polen umgezogen. Auf dem „Großen Polnischen Basar“ in einem Außenquartier nahe der Oder läuft der Betrieb bereits am frühen Nachmittag nur noch auf Sparflamme. Angelruten, Tabak- und Korbwaren, Süßigkeiten und Gebäck sind noch im Angebot.

Drei Frankfurter suchen hastig nach einem bestimmten Zigarettenverkäufer. „Der hatte den besten Preis“, schwört Matthias und lotst seine Kollegen verschwörerisch durch lange Reihen verriegelter Verkaufsstände. „Nichts zu machen, aber billiger als bei uns ist es allemal“, räsonieren die drei Deutschen. 600 Verkaufs- und Imbissstände stehen auf dem provisorischen Gelände, während nebenan der kürzlich abgebrannte Basar gerade solide wieder aufgebaut wird. Doch die guten Zeiten des Grenzhandels seien vorbei, berichtet der Wachmann Jan M. „Nur wenn am Wochenende die Berliner kommen, rollt der Rubel.“

Der Text stammt aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „Illision der Nähe? Nachbarn in Europa“ (zum PDF).
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