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Merkel besucht Goethe: Die Villa am Ende Europas

Marcos GittisCopyright: Marcos Gittis
Kanzlerin Merkel in Nikosia: „Auch sie ist in einem geteilten Land groß geworden“ (Foto: Marcos Gittis)

13. Januar 2011

Hoher Besuch an der Demarkationslinie: Nur wenige Stunden hatte Angela Merkel Zeit für Zypern. Dennoch ließ die Kanzlerin es sich nicht nehmen, auch im Goethe-Zentrum vorbeizuschauen. Dort entdeckte sie ein Verbindungsbüro der besonderen Art. Von Maren Niemeyer

„Kalimera, ah, Goethe-Zentrum, ja ja, hallo – go, go – no Problem“, raunt uns der schnauzbärtige griechische Grenzbeamte in seinem kleinen Wachposten an diesem sonnigen Januar-Wintermorgen zu. Nicht mal unseren deutschen Personalausweis will er sehen.

Keine 100 Meter von seinem Schlagbaum entfernt, thront wie eine vergessene Insel der Friedseligkeit das Goethe-Zentrum. Das Haus liegt mitten in der Demarkationslinie, der sogenannten Greenline, die den griechischen und den türkisch besetzten Teil von Nikosia voneinander trennt. Hier direkt unter den clematisumrankten Hausfenstern liegt das Ende von Europa, Außengrenze der Europäischen Union, Ende von Schengenland, ein Niemandsland im Dornröschen-Schlaf.

Umgeben von Schießscharten, Uno-Barrieren, verlassenen Ruinen und martialischen Barrikaden aus Sandsäcken trotzt die kleine rosafarbene Villa wie eine unerbittliche Mahnerin dem Lauf der bitteren Weltgeschichte, die seit 1974 den Staat Zypern teilt.

Hier ist einer der wenigen Orte, an denen sich Menschen aus den verfeindeten Teilen der Insel gleichberechtigt begegnen. Gemeinsam lernen sie hier Deutsch.

„Hier fühle ich mich sicher“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir eine andere Nation als die Deutschen in dieser Rolle hier akzeptieren würden“, sagt die Sprachstudentin Ioanna Markidou aus dem griechischen Teil der Insel. „Deutschland hat nach 1945 gezeigt, wie man eine Diktatur überwinden kann und dass es möglich ist, mit seinen Nachbarn Frieden zu schließen.“ Ihr Tischnachbar Faruk Batuan Uyaroglu hat in Istanbul die deutsche Schule besucht, der Betriebswirt kommt einmal wöchentlich aus dem türkisch besetzten Nordzypern, um seine Deutschkenntnisse aufzufrischen.

„Ich würde mich sonst nicht in den griechischen Teil der Stadt trauen, aber hier fühle ich mich sicher und geborgen, denn uns alle verbindet die Liebe zur deutschen Sprache.“

Hier in dem Fortgeschrittenen-Sprachkurs des Goethe-Zentrums geht es nicht darum, die politischen Konflikte zwischen den Regierungen zu lösen, die türkischen und griechischen Zyprioten wollen einfach miteinander reden. Auf Deutsch. Über ihre Insel, das Wetter, den Alltag, die Touristen, den Ärger im Job, die gemeinsamen guten Vorsätze für das neue Jahr (mehr Sport treiben und weniger essen!), und über die deutsche Kanzlerin Angela Merkel.

Kleine Auszeit im Niemandsland

Die hat gerade eben erst den winzigen Klassenraum im ersten Stock verlassen. „Ich war sehr aufgeregt vorher“, sagt Ionna Markidou, „aber Frau Merkel hat uns so unmittelbar und direkt ins Gespräch verwickelt, dass ich schnell vergessen habe, was für eine mächtige Politikerin sie ist. Auch sie ist in einem geteilten Land groß geworden und sie wollte wissen, wie wir unsere Situation hier empfinden.“

Noch nie hatte es zuvor einen Staatsbesuch eines deutschen Kanzlers in Zypern gegeben. Die Goethe-Schüler können immer noch nicht so recht glauben, dass Angela Merkel ausgerechnet ihnen eine halbe Stunde ihrer knapp bemessenen Zeit gewidmet hat. Nur wenige Stunden hat die deutsche Regierungschefin auf der geteilten Insel verbracht.

Doch zwischen Präsidententreffen, Pressekonferenz und Uno-Quartier scheint Angela Merkel diese kleine Auszeit auf einem kleinen unbequemen Stuhl in einem scheinbar unbedeutenden Klassenraum im Niemandsland genossen zu haben: lauter eloquent Deutsch sprechende Zyprioten, die so nonchalant all die nationalistischen Befindlichkeiten hinter dem Schlagbaum zurückgelassen haben.

„Ach, Deutsch ist also Ihre Verbindungssprache“, stellt sie am Ende mit Genugtuung fest. Sie wirkt entschlossen, entschlossen mitzuhelfen, dass die binationale Zusammensetzung dieser Sprachklasse eines Tages wieder Normalität in ganz Zypern sein wird.

„Anerkennung und Interesse zugleich“

Als sie sich mit dem imposanten Journalistentross zum benachbarten Uno-Hauptquartier aufmacht, verabschiedet sich die Kanzlerin von Ute Wörmann, der Leiterin des Goethe-Zentrums, und Rüdiger Bolz, dem Regionalleiter des Goethe-Instituts für Südosteuropa, mit einem Satz, der alle harten Stuhllehnen in kleinen Klassenräumen vergessen lässt: „Ich glaube, die Menschen, die hier bei Ihnen im Hause sind, sind glücklich.“

Der Besuch Merkels hat für Bolz auch eine hohe symbolische Bedeutung: 2011 feiert das Goethe-Institut sein 60-jähriges Bestehen. In Nikosia wird das Goethe-Zentrum im Sommer umgewandelt in das 150. Goethe-Institut weltweit. „Da bedeutet die Begegnung und der Gedankenaustausch der Bundeskanzlerin mit Sprachschülern Anerkennung und Interesse zugleich“, sagt Bolz. Darüber könne man sich nur freuen.

Der schnauzbärtige Grenzbeamte hat die ganze Aufregung um die deutsche Kanzlerin mit griechischer Gelassenheit beobachtet. Ein Dutzend BKA-Beamte, jede Menge schwarze Staatslimousinen, aufgeregte deutsche Protokollchefinnen und eine beachtliche Zahl von Hauptstadtjournalisten haben an diesem Januar-Tag sein kleines Schlagbaum-Häuschen unsanft aus dem Dornröschenschlaf erweckt: „Goethe-Zentrum war heute very wichtig.“
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