Goethe aktuell

Interview zur Jasminrevolution: „Das hat uns alle überrannt“

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Demonstration am 14. Januar: „Niemand weiß, wie es weitergeht“ (Foto: Goethe-Institut)

26. Januar 2011

Die Stimmung in Tunesien ist gespannt, aber positiv. Das erzählt Dagmar Junghänel, die den Umsturz gemeinsam mit den anderen Mitarbeitern des Goethe-Instituts vor Ort miterlebt hat. Im Interview berichtet die Institutsleiterin von dramatischen Wochen.

Die Nachrichten über die Jasmin-Revolution kamen für uns in Deutschland sehr überraschend. Für Sie auch?

Ja. Vor allem dass sich der Präsident so schnell aus dem Land jagen lässt, damit hatte niemand gerechnet. Natürlich wussten wir, dass das politische System sehr restriktiv war und es großen Unmut gab, und haben beobachtet, wie die im Dezember ausgebrochenen Unruhen immer stärker wurden. Aber das Zine el-Abidine Ben Ali nach so kurzer Zeit die Flucht ergreift, kam selbst für unsere tunesischen Partner überraschend.

Ausgelöst wurden die Unruhen durch die Selbstverbrennung eines Demonstranten. Worin lagen die eigentlichen Ursachen?

Die Situation in Tunesien war immer schon sehr ambivalent: Auf der einen Seite war es ein Touristenland, das wirtschaftlich prosperierte und ein gutes Bildungssystem und eine sehr breite Mittelschicht hatte, auf der anderen Seite handelte es sich um ein politisch sehr restriktives System ohne Pressefreiheit, in dem sich die Familie des Präsidenten zunehmend bereicherte. Die Unzufriedenheit besonders der jungen Leute wurde in den letzten Jahren immer spürbarer. In diesen Tagen konnte man nun auch erleben, wie groß die Wut auf die Familie des Präsidenten im Land tatsächlich war. Nach seiner Flucht wurden viele Supermärkte, Häuser und Banken, die seinem Clan gehörten, zerstört.

Waren auch Sie in Ihrer Arbeit durch das politische System stark beeinträchtigt?

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Die neue Freiheit (Foto: Frank Ossenbrink)
Die Arbeit in Tunesien war immer anders als an Instituten in demokratischen Ländern. Wir mussten all unsere Projekte durch die sogenannte Zensur- beziehungsweise „Orientierungs“-behörde absegnen lassen. Aber wir hatten fast immer die Möglichkeit, auch sehr kritische Projekte und Themen anzusprechen. Wir haben beispielsweise vor zwei Jahren den Stasi-Film Das Leben der Anderen hier gezeigt und auch sehr kritische Jugendtheaterstücke aufgeführt. Im Rahmen der Deutschlandwochen im vergangenen Jahr haben wir uns auch mit dem Thema „Jugend und Zukunft“ beschäftigt – also genau mit dem, was jetzt das Thema der Revolution ist.

Vielfach wird nun spekuliert, ob die Jasminrevolution der Anfang eines Flächenbrands in der arabischen Welt ist.

Ich denke, dass die Situation in Tunesien eine besondere ist – schon allein wegen des hohen Bildungsniveaus der Menschen und der breiten Mittelschicht, die die Revolution mitgetragen hat. Die Analphabetenrate ist sehr niedrig, viele Tunesier sind gut ausgebildet, haben studiert oder im Ausland gelebt. Ob und inwieweit die Jasminrevolution in Tunesien Einfluss auf andere Länder der arabischen Welt haben wird, darüber kann man momentan nur spekulieren.

Wie haben Sie die vergangenen Wochen selbst erlebt?

Ich bin selber nicht direkt in einen Schusswechsel geraten. Und zum Glück trifft das auch auf alle Mitarbeiter am Goethe-Institut und meine Freunde zu. Aber natürlich haben wir mitbekommen, wie sich die Situation zugespitzt hat. Wir haben ganz nah Schüsse gehört.

Hatten Sie Angst?

Wir waren alarmiert. Wir haben Telefonketten gebildet und uns untereinander ständig per Handy und Mails ausgetauscht. Viele von uns haben auch für einige Zeit Freunde und Kollegen bei sich aufgenommen, die in Gebieten wohnten, wo mehr geschossen wurde.

Sind Sie auf solche Krisensituationen vorbereitet worden?

Ich muss ganz ehrlich sagen, als ich nach Tunesien versetzt wurde, wäre wirklich niemand auf die Idee gekommen, dass ich in ein Krisengebiet ziehe. Das hat uns alle überrannt.

Wie haben sich die Zustände auf den Straßen auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Am Anfang, als schon die ersten Demonstrationen zu hören waren, haben wir noch gearbeitet. Als sich die Situation allerdings zuspitzte, haben wir unsere Sprachkurse und schließlich das ganze Institut geschlossen. Schließlich befindet sich das Goethe-Institut unweit des Zentrums, wo die großen Demonstrationen angekündigt waren.

Und wie ist die Situation jetzt?

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Institutsleiterin Junghänel: „Das Volk ist ungemein stolz“ (Foto: Privat)
Seit 18. Januar arbeiten wir wieder, allerdings nur stundenweise am Vormittag. Die Sicherheitslage hat sich inzwischen verbessert. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell sich das öffentliche Leben stabilisiert hat und dass die Grundversorgung gewährleistet ist. Das Volk ist ungemein stolz und froh, dass es das in so kurzer Zeit erreicht hat.

Das heißt, die Stimmung im Land ist gut?

Natürlich ist es eine unglaublich schwierige Situation, die da auf das tunesische Volk zukommt. Niemand weiß, wie es weitergeht. Aber ich habe sehr viele Gespräche geführt und habe den Eindruck, dass die Erleichterung, die Freude und der Stolz die Zukunftsängste überwiegen. Der erste Tag, als die Leute wieder aus den Häusern kamen, war eine sehr positive Erfahrung.

Kann man die neue Freiheit im Alltag schon spüren?

Ja. Überall wird öffentlich – auch kontrovers – diskutiert. Außerdem erscheinen viele Zeitungen aus Europa seit ein paar Tagen, die hier früher nicht verkauft werden durften. Und eine Buchhändlerin erzählte mir, dass alle ihre Bücher, die bisher auf dem Index standen, wieder im Regal stehen dürfen.

Dagmar Junghänel (53) kam nach ihrem Romanistik- und Germanistikstudium ans Goethe-Institut. Die erste Station war Frankfurt am Main, danach war sie Institutsleiterin in Ann Arbor (Michigan) und Thessaloniki. Seit fünf Jahren lebt und arbeitet sie in dieser Position in Tunis.


-mb/db-
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