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Die Mauer und ich: Der Superlativ!

Daniel AntalCopyright: Daniel Antal
Tanz auf der Mauer im Herbst 1989: „Irgendwann stand ich im stockdunklen Grunewald“ (Foto: Daniel Antal)

11. Februar 2011

Die Mauer war schon immer ein Thema für Thomas Brussig. Auch in seinem Essay in dem jüngst erschienenen Buch zur Mauerreise beschäftigt sich der Autor mit der todsicheren Grenze, über die näher nachzudenken er sich seinerzeit verbat – um nicht im Knast oder in der Klapse zu landen.

Zugegeben: Ich kann mich selbst kaum noch über die Berliner Mauer reden hören. Erst letztes Jahr war das zwanzigste Jubiläum des Mauerfalls, und ich habe immer noch einen ganz trockenen Mund von den vielen Interviews. Denn in irgendwelchen Redaktionen hat immer irgendeiner die Idee: Lasst uns doch mal mit ’nem Schriftsteller darüber sprechen. Mit einem aus dem Osten. Dann fallen drei Namen. Vom ersten gibt es keine Telefonnummer, der zweite ist gerade unterwegs – und so landen sie immer bei mir.

Daran bin ich nicht unschuldig, denn die Mauer ist tatsächlich mein Thema, schon immer und von Anfang an. Als sie noch stand, übte sie auf mich eine morbide Faszination aus, und ich interessierte mich mit einer gewissen Schamlosigkeit für sie, etwa so, wie man sich für Tierkadaver interessiert. Die Berliner Mauer und die todsichere Grenze zwischen den Deutschen haben sich Menschen erdacht, sie wurden von Menschen erbaut und gesichert, über Jahrzehnte hinweg. Gegen den Willen der meisten. (Wie sich Menschen gegen ihre ureigenen Interessen organisieren und qua ihrer Handlungen ihren klaren Willen missachten, war eine Frage, die mich später in ein Soziologiestudium hineintrieb.) Und die Tatsache, dass die (also die staatliche Obrigkeit) es mit uns einfach machen können, uns davon abzuhalten, den größten Teil dieser wunderbaren Welt jemals sehen zu können, empfand ich als großes Unglück. So groß, dass ich mir irgendwann verbot, tiefer darüber nachzudenken, weil der Strudel solcher Gefühle wie Ohnmacht und Ausgeliefertsein unweigerlich in depressiven Stimmungslagen endete. Mir wurde klar: Wenn ich meine Lage ernst nehme, lande ich entweder im Knast oder in der Klapse.

Der Standardsatz „Den Mauerfall hätte ich nie für möglich gehalten!“ könnte von mir stammen. Und weil es vielen so ging, waren die Glücksgefühle beim Mauerfall so eruptiv. Vermutlich gibt es kein geschichtliches Ereignis, bei dem so überraschend so massenhafte Glücksgefühle freigesetzt wurden wie beim Fall der Berliner Mauer. Das verleiht ihm eine dauerhafte und globale Faszination, und die Bilder vom Mauerfall gehören zum Weltgedächtnis. Meist sind es ja Tragödien, von denen in den Nachrichten die Rede ist, seien es Unwetter, Attentate, Kriege. Aber selbst glücklich stimmende Momente wie die Befreiung Frankreichs durch die Alliierten oder ein Wahlsieg Obama’scher Dimension waren zwar ersehnte, aber letztlich keine überraschenden Ereignisse. Deshalb ist die Nacht des Mauerfalls ein echter Einzelfall, ein Superlativ. Die Maueröffnung wurde ja nicht am grünen Tisch beschlossen, sondern durch viele Menschen, die sich „das Volk“ nannten, herbeigeführt. Erst mit dem Mauerfall, als ich die Glücksgefühle erlebte, die die ganze Zeit in mir geschlummert haben mussten, begriff ich auch ganz, wie traurig und verzweifelt mich die Mauer gemacht hatte. Und ich war beim Mauerfall erst 24.

Ich wusste nicht, wo Kreuzberg ist

Es ist leicht gesagt, die Bestimmung von Mauern sei, „dass sie fallen“. Zunächst mal – und zwar eine ziemlich lange Zeit – stehen sie und erfüllen ihren Zweck. Die Berliner Mauer stand von 1961 bis 1989. Ich wurde 1964 geboren, in Berlin. Die Stadt war durch eine unüberwindliche Grenze geteilt, wobei diese Grenze nicht etwa längs eines Flusses verlief, sondern mitten durch die Stadt hindurch. Es gab Straßen, da war die eine Straßenseite Ostberlin, die andere Straßenseite Westberlin. Es gab Wohnhäuser, bei denen war der Hauseingang in Ostberlin, hinter den rückwärtigen Fenstern jedoch war der Westen. Es gibt diese berühmten Dokumentaraufnahmen, in denen sich eine ältere Dame aus dem ersten Stock eines solchen Hauses in den Westen herunterlassen will. Von oben versuchen Ost-Polizisten, sie an den Handgelenken wieder in die Wohnung und mithin in den Osten zu zerren, von unten greifen Westberliner nach ihren Fußgelenken und ziehen sie nach unten, in den Westen …

Den Essay von Thomas Brussig haben wir dem Buch „Mauerreise – Expedition in geteilte Welten“, erschienen im Steidl-Verlag, entnommen. Freiheit nach 1989 ist nicht grenzenlos. Manche Grenze stammt noch aus der Zeit des Kalten Krieges, andere aber sind neu erstanden aus sozialen, politischen oder religiösen Kämpfen. Die Mauerreise des Goethe-Instituts steht exemplarisch für neue und alte Teilungen, für frei und unfrei. Künstler von internationalem Rang ebenso wie Kunststudenten, Graffitisprayer und Jugendliche gestalteten in China, Korea, Mexiko, Palästina, Israel, Zypern und im Jemen Nachbildungen jener Betonplatten, die einst Berlin teilten. Diese Dominosteine, die in Berlin zum 20. Jahrestag des Mauerfalls vor dem Brandenburger Tor fielen, versammelt der Band, ergänzt durch Künstlerbiografien sowie Erfahrungsberichte von der Süd- und der Ostgrenze der Europäischen Union.
Buch gefällig? Dann schreiben Sie uns eine Mail mit Ihrer Anschrift und der Betreffzeile „Mauerreise“ an oeffentlichkeitsarbeit@goethe.de. Die ersten fünf Interessenten bekommen ein Exemplar von uns geschenkt.

Diese Häuser wurden jedoch einige Zeit nach dem Mauerbau geräumt, sicher auch, um solch spektakuläre Bilder unmöglich zu machen. Ich erinnere mich aber an einen Sportskameraden, der wie seine Familie stocksauer war, weil sie im Jahr 1980 ihre Wohnung im Grenzgebiet verlassen mussten, nur um einer neuen Verordnung Genüge zu tun, wonach zwischen dem Fenster einer Wohnung und den sogenannten Grenzsicherungsanlagen ein Mindestabstand von 12 Metern vorgeschrieben war. Gleichzeitig fuhr jedoch die Westberliner U-Bahn im Fünf-Minuten-Takt unter Ostberlin hindurch. Mir fiel das auf, weil ich einmal in der Rosenthaler Straße eine U-Bahn unter mir rumpeln hörte, an einer Stelle, wo laut U-Bahn-Plan eigentlich keine U-Bahn fuhr. Gitter, die wie Lüftungsgitter von U-Bahnschächten aussahen, nahm ich an Stellen wahr, wo keine der beiden mir bekannten U-Bahnlinien verkehrte, ebenso wie die gelegentlich auffindbaren, verrammelten Treppen nach unten, die von einem stählernen Brüstungsgitter umfasst waren, wie ich sie von U-Bahn-Eingängen kannte. Nahm es wahr, ohne eins und eins zusammenzuzählen.

Die Stadtpläne von „Berlin“, die ich kannte (also von „Berlin, Hauptstadt der DDR“, also von Ostberlin), zeigten zwar die Grenze – dahinter aber schien die Stadt in eine einzige Brache, ein riesiges Ödland überzugehen, ohne Straßen, Bahnhöfe, Parks oder Museen. Einzig der Spree wurde zugestanden, auch hinter der Grenze einen Verlauf zu haben. Als die Mauer dann plötzlich fiel, wusste ich nicht, wo Kreuzberg, der Wedding und wo der Bahnhof Zoo ist. Ich hatte ein Motorrad und gondelte damit die Stadtautobahn rauf und runter, wobei ich mich auf mein Gefühl verließ – und stand irgendwann im stockdunklen Grunewald. Ich stieg am Bahnhof Friedrichstraße, dem Transitbahnhof, in die S-Bahn nach Westberlin, wobei ich nicht in den knüppelvollen Zug Richtung Wannsee (Was will ich denn am Wannsee?) stieg, sondern, pfiffig wie ich war, mich in einen ziemlich leeren Zug setzte, der von einem ziemlich leeren Bahnsteig fuhr – um dann an einer Station namens Humboldthain anzukommen.

Die DDR war ohne Mauer nicht zu haben

Hatte die Mauer denn nichts Gutes? Spontane Antwort: Nein. Meine Eltern hingegen beschrieben mir, dass sie den Mauerbau mit einem Gefühl der Erleichterung erlebten. Die DDR wurde durch die offene Grenze geschwächt – indem subventionierte Güter in den Westen verschoben wurden oder indem Fachkräfte abgeworben wurden. Solche Geschichten kannte ich auch aus der DDR-Propaganda, aber sie hatten wohl einen wahren Kern: Die offene Grenze war ein Problem. Und indem die Grenze dicht gemacht wurde, sollte die übergroße Mehrheit der DDR-Bevölkerung Verbesserungen ihres Lebensniveaus erleben. Anfangs war das wohl auch so. Aber zunehmend wurde die Mauer ein nacktes Machtinstrument. Es war nicht so, dass der Laden zugemacht wurde und man „unter sich“ alle Probleme klärte, sondern vielmehr so, dass an der Mauer alle Unbotmäßigen zerquetscht werden sollten. Kritik an der Mauer war gleichzusetzen mit dem Aufruf zum Umsturz. Denn da hatten die Mächtigen einfach mal Recht: Wer die DDR wollte, musste auch die Mauer wollen. Die DDR war ohne Mauer nicht zu haben. Und da sich die DDR als der bessere deutsche Staat verstand, als ein „Friedensstaat“, in dem „die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft“ war, bekam die Mauer so einen seltsamen Anstrich von Fortschritt. Sie wurde eingemeindet in das Gute, Segenspendende dieser Welt. Allerdings nur in der Propaganda.



Die Mauer hieß dort selbst übrigens nicht Mauer, sondern „Staatsgrenze der DDR“ oder „Grenzsicherungsanlagen“ oder „antifaschistischer Schutzwall“. Gerade der letzte Begriff zeigt ein schon ins Poetische schwappendes Verherrlichungsbemühen, um dem nackten, grauen Beton (auf dem mancherorts weiße Farbe blätterte) etwas Positives anzudichten. Aber mit dieser Begriffsbildung war klar, dass die Mauer sakrosankt ist: Der Antifaschismus war in der DDR Staatsdoktrin, und indem etwas, das mit Antifaschismus so viel zu tun hat, wie Schuhe mit Bier zu tun haben, als antifaschistische Leistung tituliert wird, kann jede Kritik an der Mauer in letzter Instanz mit dem Faschismusvorwurf gekontert werden. Und so setzte sich der Begriff „antifaschistischer Schutzwall“ eher auf einer ironischen Ebene durch, bis es in den Achtzigern dann sogar eine DDR-Punkband gab, die sich „Antifaschistischer Schutzwall“ nannte – während andere Bands „DEKAdance“ oder „Cadavre Exquis“ oder „Schleimkeim“ oder „Paranoia“ hießen.

Dafür wurde das Wort „Mauer“ zu einem tabuisierten Begriff, zu einem Unwort. Ich erinnere mich an einen ausführlichen und durchaus wohlwollenden Abriss der Bandgeschichte von Pink Floyd im wichtigsten U-Musik-Fachblatt, der „Melodie und Rhythmus“. Das Doppelalbum „The Wall“ wurde mit „Die Wand“ übersetzt. Hoppla, waren sich schon alle einig, dass es nur die eine Mauer gibt – und, da Pink Floyd mit „The Wall“ diese ja nicht meinte, „Wall“ auch nicht mit „Mauer“ übersetzt werden muss? Oder war es eine Spielart von political correctness in den Farben der DDR?

Lesen Sie im zweiten Teil von Thomas Brussigs Essay, wie der Schriftsteller auf das kürzere Ende der Sonnenallee stieß und warum man über die Mauer Witze machen darf – heute.
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