Goethe aktuell

Museen heute: „Ein populistisches Programm ist für uns kein Weg“

Ulrich StarkCopyright: Ulrich Stark
Besucher in der Pinakothek der Moderne: „Zu uns kommen mittlerweile nicht nur Kunstinteressierte“ (Foto: Ulrich Stark)

15. Februar 2011

Wer geht ins Museum? Welche Bedeutung hat diese Institution heute? Und wo liegt seine Zukunft? Diesen essenziellen Fragen widmet sich nun eine Vortragsreihe im Goethe-Institut. Mit dabei: Bernhart Schwenk. Wir fragten den Kurator für Gegenwartskunst, ob sein Job nicht ein Widerspruch in sich sei.

Herr Schwenk, wann waren Sie zum letzten Mal privat im Museum?

Das war erst vor wenigen Tagen, in Frankfurt.

Und zwar?

Das war das Museum für Moderne Kunst, eines meiner Lieblingsmuseen. Die meisten besuche ich regelmäßig, manchmal auch nur ganz kurz, wenn ich auf der Durchreise bin. Das Museum Ludwig gehört auch zu diesen Orten.

Was schätzen Sie besonders an einem Museum?

Das Museum ist ein Freiraum, ein Denkraum. Ich schätze die Museen als öffentliche Orte, an denen Kommerz und Konsum keine Rolle spielen.

Google hat gerade sein Art Project gestartet. Diverse Museen weltweit kann man nun virtuell begehen. Brauchen wir künftig überhaupt noch Museen?

Der virtuelle Besuch von Museen ist eine fantastische Möglichkeit, sich mit Kunst in unterschiedlichsten Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Den tatsächlichen Besuch eines Museums kann das virtuelle Umherschweifen natürlich nicht ersetzen. Bestimmte Erfahrungen lassen sich nur an realen Orten und mit realen Körpern machen.

Hat sich die Bedeutung der Museen im Zeitalter der Internets, der Wissensgesellschaft gar nicht geändert?

Nein. Das Internet ist ein wertvolles Kommunikationsmedium, ein nützliches Instrument. Im Museum geht es jedoch um Inhalte und um unmittelbare sinnliche Erfahrungen.

Was ist die wichtigste Bedeutung des Museums heute – vielleicht auch in Abgrenzung zu privaten Sammlungen?

Das öffentliche Museum ist in seinen Entscheidungen frei, so wie es auch die Kunst ist oder die Presse in unserem Staat. Wir alle sollten darauf achten, dass diese Freiheiten erhalten bleiben.

Sie sind Leitender Kurator Gegenwartskunst in der Pinakothek der Moderne. Ist das nicht ein Gegensatz in sich: Museum und Gegenwart?

Es wäre ein Gegensatz, wenn man unter Museum ein Archiv ohne Publikumsberührung verstehen würde. Aber das sind die Museen schon lange nicht mehr. Auch ein Museum für alte Kunst muss sich mit der Gegenwart auseinandersetzen.

Wo sehen Sie die Unterschiede in der Arbeit eines Kurators für zeitgenössische Kunst eines staatlichen Museums im Vergleich zur Arbeit an nicht-staatlichen Häusern?

Der größere Unterschied in der Arbeit besteht zwischen privaten und öffentlichen Sammlungen. In privaten Sammlungen spiegelt sich die Persönlichkeit eines Sammlers oder einer Sammlerin. Kaufentscheidungen können spontan getroffen werden, auch steht es Sammlern frei, über die Zukunft ihrer Sammlungen zu verfügen. Öffentliche Sammlungen haben dagegen den Auftrag, auch für zukünftige Generationen von Interesse zu sein. Der Verkauf von Werken widerspricht dem Ethos des Museums und würde Geschichte verfälschen.

Schrecken junge Künstler nicht davor ab, bei Ihnen ausgestellt zu werden und denken: Um Gottes Willen! Jetzt bin ich schon reif fürs Museum!

Das müssen Sie die Künstler fragen! Aber ich denke mal, dass die meisten den Ankauf eines ihrer Werke als Chance begreifen, gezeigt und gesehen zu werden. Und es fordert die Künstler heraus, über die eigene Arbeit nachzudenken. Was ist vielleicht auch noch in ein paar Jahrzehnten von Bedeutung?

Das heißt, bei einem Museum geht es gar nicht darum, „Kultur zu bewahren“?

Doch, aber auf eine lebendige Weise. Das Bewusstsein des Publikums muss immer wieder neu aktiviert werden. Das ist wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe der Kuratoren: die Besucher immer neu anzuregen!

Sie haben gerade eine Ausstellung zum Thema „Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert“ an der Pinakothek. Würde man das nicht eher auf einem Filmfest erwarten?

Unsere Ausstellung will weder das Kino ersetzen noch ein neues Festival ins Leben rufen. Bewusst wird mit den Mitteln der Ausstellung gearbeitet, mit Mitteln, wie sie auch bildende Künstler verwenden, zum Beispiel bei Videoinstallationen. In der Pinakothek der Moderne sehen wir unseren Auftrag darin, die Vorstellung, was Kunst ist, zu erweitern. Auch darin, ungewöhnliche Verbindungen zwischen benachbarten künstlerischen Gattungen, etwa zum Tanz, zur Musik, zur Mode, zum Design, zur Architektur herzustellen – und eben auch zum Film. Grenzen darf es dabei nicht geben.

Welche Rolle spielt dabei der pädagogische Ansatz?

Pädagogisch … das klingt nach Lernziel. Das gibt es nicht. Aber wir wollen unseren Besuchern möglichst viele Möglichkeiten bieten, etwas zu erfahren.

Wen erreichen Sie mit ihrer Arbeit? Ist das nicht nur eine recht kleine Bildungselite?

Im Großen und Ganzen ist das vielleicht so. Aber wir versuchen, immer neue Zielgruppen anzusprechen. Zu uns kommen mittlerweile nicht nur Kunstinteressierte, sondern auch Cineasten oder Liebhaber der Neuen Musik. Ein populistisches Programm, ein massenkompatibles Angebot, wie ihn das Fernsehen glaubt anbieten zu müssen, um Quoten zu machen, ist für uns kein lohnender Weg.

In München besteht kein Mangel an Museen, und es werden noch immer mehr. Erst vor zwei Jahren ist das Brandhorst-Museum hinzugekommen. Lässt sich das denn überhaupt noch rechtfertigen? Wir reden hier schließlich auch von nicht unerheblichen Kosten ...

Wo, meinen Sie, ist das Geld denn besser eingesetzt als in der Kultur? Auch darf bei dieser Frage nicht vergessen werden, dass der Etat einer Stadt oder eines Landes für die Museen zumeist der allerkleinste Etat ist.

Die Pinakothek der Moderne gibt es seit 2002. Sie sind von Anfang an dabei. Was hat sich in diesen neun Jahren geändert?

Wir haben das Haus mittlerweile sehr gut kennen gelernt. Und die Besucher auch. Gemeinsam haben wir uns eine Geschichte erarbeitet, ein unverwechselbares Profil. Der interdisziplinäre Ansatz hat sich deutlich erweitert.

Wird es in 50 Jahren noch Museen geben? Wie werden sie sich von den heutigen unterscheiden?

Museen, das wette ich mit Ihnen, wird es auch in 50 Jahren noch geben – vielleicht sogar noch mehr als heute. Aber viele von ihnen werden anders aussehen als heute. Sie werden anders kommunizieren und anders wahrgenommen. Und die Kunst des 21. Jahrhunderts wird anders aussehen. Es wird mehr ephemere Kunstformen geben. Vielleicht werden sich auch die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst auflösen. Aber die Museen werden immer Orte des ungelenkten, freien Austauschs bleiben.

-db-

Bernhart Schwenk, geboren 1960 in Wiesbaden, ist seit 2002 als Konservator für Gegenwartskunst an der Pinakothek der Moderne in München tätig.
Die Vortragsreihe Museum: Institution – Funktion – Legitimation findet von Februar bis April 2011 in der Zentrale des Goethe-Instituts in München statt. Die genauen Termine finden Sie hier.


Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten