Die Mauer und ich (Teil 2): Komödie = Tragödie + Zeit

Szene aus „Sonnenallee“: „ Erst nach dem Fall der Mauer konnte ich mich mit der Mauer beschäftigen“ (Copyright: Boje Buck Produktion)
19. Februar 2011
Erst ließ sich die Mauer mit einer S-Bahn-Fahrt überwinden. Und dann auch erzählerisch. Aber nicht irgendwie. Eine Komödie musste her! Im zweiten Teil seines Essays erzählt Thomas Brussig, wie aus einem Staat und einer Straße Literatur wurde. Und eine Kinolüge.
Die Mauer des Schulhofes meiner Berufsschule in Berlin-Altglienicke war zugleich die Berliner Mauer, denn an ihr prangte das sattsam bekannte Schild: „Grenzgebiet – Betreten verboten!“ Auch meine erste eigene Wohnung in der Griebenowstraße war nur zweihundert Meter von der Mauer entfernt; meine Wege führten mich oft an ihr entlang. Ich war mit einem Ulf befreundet, der in Treptow in der Sonnenallee 410 wohnte.
Sonnenallee, das klang nach einer Prachtstraße, wie die Schloßallee beim Monopoly. Doch als ich Ulf mal in seiner Sonnenallee besuchte, da gab es nur ein winziges Ende von einer Straße, vielleicht sechzig, siebzig Meter lang. Die niedrigste Hausnummer war die 379. Dann kamen die Baracken eines Grenzüberganges. Die Sonnenallee war eigentlich eine Westberliner Straße, nur eine Art Wurmfortsatz von ihr führte in den Osten. Dieses Auseinanderfallen von Verheißung, ausgelöst durch den Assoziationen weckenden Straßennamen „Sonnenallee“, und der Realität, die durch Mauer und Teilung gesetzt war, löste etwas in mir aus. Als ich zu schreiben begann, ließ ich den Ich-Erzähler meines ersten Romans Wasserfarben in der Sonnenallee 410 wohnen, ohne diese Adresse weiter auszuspielen. Nur in einem Absatz ging ich kurz auf die Besonderheit dieses Wohnortes ein.

Erst nach dem Fall der Mauer konnte ich mich mit der Mauer beschäftigen. Sie war bald sogar physisch weg; die Instinktlosigkeit der Berliner Lokalpolitik hat dafür gesorgt, dass man heute an keiner Stelle die Mauer so sehen kann, wie sie damals als todsichere Grenze funktionierte. Es gibt Gedenkstätte, Museum, Bildbände und ein Stück Todesstreifen, in dem allerdings künstlerisch-gestalterisch nachgeholfen wurde. Wie die Grenze funktionierte, vor welcher Herausforderung der Fluchtwillige stand – das ist heute nirgends mehr zu sehen. Auch die East-Side-Gallery ist eine Fälschung, denn die Mauer wurde ja nur im Westen bemalt. Erst im Frühjahr und Sommer 1990 entstand die East-Side-Gallery. Sie ist ein Kunstwerk und ein Dokument der Wende, also jener Zwischenzeit, als die staatliche Herrschaft der DDR zusammengebrochen war und die rechtsstaatliche Ordnung westdeutscher Prägung auf dem DDR-Territorium noch nicht installiert war.
Dass ich mich erst nach dem Fall der Mauer wirklich mit der Mauer beschäftigen konnte, hatte wohl damit zu tun, dass sie kein erdrückendes, übermächtiges Phänomen mehr war. Die Mauer konnte ich täglich durch das Einsteigen in die S-Bahn überwinden. Jetzt ließ sie sich auch erzählerisch bewältigen. Und als ich in einer Filmrezension zu Andreas Dresens Stilles Land las, der Rezensent wünsche sich einen DDR-Film im Stile von Woody Allens Radio Days, da wusste ich, dass ich eine Mauerkomödie schreiben muss. Jetzt, wo die Mauer weg ist und niemandem mehr weh tut, muss eine Komödie her.
An der Mauer haben sich eine Menge Geschichten zugetragen, die durch die Mauer alle ein bisschen anders verliefen als anderswo. Und dass durch die Mauer jede Menge Geschichten in Gang gesetzt wurden – denken wir nur an all die Flucht- und Trennungsgeschichten –, war ohnehin klar. Diese Geschichten müssen erzählt werden, sonst sind sie weg, ein für allemal. Dass ich sie als Komödie erzählen wollte, hatte mit meinem Naturell zu tun, aber auch mit meiner Überzeugung, dass etwas, über das gelacht wurde, nicht mehr dasselbe ist wie zuvor. Vermutlich ist das gemeint, wenn vom „heilsamen Lachen“ gesprochen wird.
Und so hatte ich die Idee von einem Jugendlichen, der in der Sonnenallee wohnt und dessen erster Liebesbrief durch einen blöden Zufall im Todesstreifen landet – bevor er gelesen werden konnte. Das ganze Personal dieser Story war eine Art Streichelzoo einer typischen DDR-Sozialisation, inklusive ängstlicher Mutter, großsprecherischen Vaters, dicksten Kumpels, unerreichbarer Schulschönsten, gestrenger Schuldirektorin, tumben Revierpolizisten, ominösen (Stasi?) Nachbarn und gönnerhaften Westonkels. Die Episoden der Geschichte bekamen schnell einen legendenhaften Anstrich. Mir war zugleich klar, dass ich einen milden, verzeihenden Blick auch auf die richten muss, die mir wehgetan haben. (Das sagt sich umso leichter, je kleiner die Wunden waren.) Es ging mir überhaupt nicht darum, abzurechnen, nicht darum, zu richten, wer die Guten und wer die Bösen waren und wo mein Platz in dem Spiel war. Nein, es sollten alle in ihrem Bemühen scheitern, alle sollten die Erfahrung machen, dass einem das Leben immer wieder in die Quere kommt, obwohl man die schönsten Pläne hat. Im Scheitern sind alle gleich, und diese Gleichheit ist einfach zum Lachen.
Verfilmt wurde der Stoff dann durch Leander Haußmann, der natürlich so unwesentliche Korrekturen vornahm wie den Wegfall der Grundidee mit dem Liebesbrief. Und er mochte sich mit der Mauerkomödie nicht so richtig anfreunden, ihm ging es eher um einen Kultfilm. Einig waren wir uns darin, dass wir ein romantisch verklärtes DDR-Bild zeichnen wollten, eines, bei dem Westdeutsche neidisch werden, dass sie nicht in der DDR leben durften – wohl wissend, dass wir, Leander und ich, uns damals in den Westen träumten. Ein schlechtes Gewissen hatten wir nicht, im Gegenteil: Ins Kino geht man bekanntlich um der Kinolüge willen.

DDR-Luxusgut Telefon: „Ein romantisch verklärtes Bild“ (Copyright: Boje Buck Produktion)
Und wenn mir Statistiken entgegengehalten werden, wonach 13 Prozent der Deutschen die Mauer wiederhaben wollen, antworte ich: Seid doch mal ehrlich, ihr habt doch in eurem Land auch 13 Prozent politische Idioten. Unter acht Ägyptern (oder Polen oder Portugiesen, Brasilianern, Japanern) findet sich gewiss ein Blindgänger, und da sind wir Deutschen leider auch nicht besser.
Ja, das Reisen: Das ist ein noch unbewältigtes Mauertrauma für mich. Denn so wie sich die Generation meiner Eltern, die den Hunger von Krieg und Nachkrieg kennen lernen musste, in der Fresswelle abreagierte und bis heute „kein Brot wegwerfen kann“, so kann ich keine Einladungen zu Auslandsreisen abschlagen. Die Mauer hat mir ein unausrottbares Fernweh eingeimpft, und keine ökologischen Vernunftgründe wie zum Beispiel das Vorrechnen der persönlichen Energiebilanz halten mich davon ab, ins Flugzeug zu steigen und in ferne Länder zu reisen. Wenn wir dann die Öko-Diktatur haben und alle ehemaligen Lufthansa-Senatoren zur Strafe den Rest ihres Lebens Fahrrad fahren müssen, werde ich mich zwar reuig geben, mich tief drinnen aber als das letzte Maueropfer fühlen.










