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Miss Liberty und Paul Auster: Amerikas unamerikanisches Traumpaar

Maxime GendreCopyright: Maxime Gendre
Sie ist zwar kleiner und unbekannter als ihre New Yorker Schwester, dafür steht der Eiffelturm voll und ganz hinter ihr (Foto: Maxime Gendre)

1. März 2011

Europa und Amerika bilden eine Schicksalsgemeinschaft, so wie Paul Austers Romane und die Freiheitsstatue. Das meint Judith Kärn, eine der Siegerinnen des Essay-Wettbewerbs Faszination Amerika – Faszination Europa. Sie berichtet von einer Begegnung mit Miss Liberty – mitten in Europa.

Unzählige Bilder gibt es von ihr. Von der First Lady Amerikas. Sie ist eine Frau von Format, der Blick geradlinig, immer stur nach vorn. Und doch ist der Blick auch eisern und kalt. Ich hatte bereits das große Glück, ihr persönlich zu begegnen. Damals in Paris. Und dabei doch immer das Gefühl, auf dem europäischen Kontinent sei sie nicht ganz dieselbe. Dort wirkte sie ohnehin unamerikanischer als ich sie mir vorgestellt hatte. Offensichtlich hatte sie in den letzten Jahren gänzlich auf Fast Food verzichtet, um den platten Klischees zu entgehen.

Eine Begegnung war es, die mich euphorisch, aber zugleich auch melancholisch stimmte. Geht man die etwa 900 Meter lange und nur etwa 20 Meter breite Seine-Insel Île de Cygnes entlang, so trifft man unweigerlich auf sie: die Freiheitsstatue. Die Allegorie der Freiheit und Symbol Nummer eins der United States mitten in Europa. Freiheit – wer wollte im Leben schon auf sie verzichten? Die Lady auf der Île de Cygnes schaut in Richtung des Originals, das die Franzosen den Amerikanern zum 100-jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit geschenkt hatten. Miss Liberty dabei immer den Blick nach vorn, und doch findet sich in ihrem Windschatten unter einer Brücke auf der Île – quasi in ihrem Schoß – eine Zeltstadt von Obdachlosen.

Es ist, als hätten Paul Austers Geschichten mitten in Paris gewütet. Paul Austers Geschichten, in denen – keiner weiß genau wie – Menschen zu Obdachlosen und Verlierern werden. Und das unweigerlich, prozessual in einer kranken Welt. Vielleicht ist es einfacher, auf einen abstrakten Begriff von Freiheit zu verzichten, bei dem man sich ja doch nur etwas vormacht, als auf Austers Geschichten des langsamen Absackens. Nicht umsonst sprengt der Protagonist aus Austers Leviathan mutwillig Nachbildungen der Freiheitsstatue in die Luft. So einfach ist das mit den Amerikanern eben nicht. Der American Dream muss erst gar nicht von den Taliban, sondern kann gut und gerne auch von einem (durchaus philosophiebegabten) x-beliebigen Amerikaner selbst in die Luft gesprengt werden.

Liest man die Zeltsiedlung an der Seine im Rücken der Miss Liberty als scheinbare Erfüllung der Austerschen Apokalypsen, so fragt sich, ob das spezifisch Amerikanische an Austers Erzählungen vielleicht lediglich in seinen weitschweifenden Ausführungen zum amerikanischen Baseball besteht; und nichts weiter.

Gibt es im Windschatten der Freiheitsstatue für die Obdachlosen in Paris einen American Dream? Ich weiß es nicht. Und so wird mit Auster aus dem Denkmal auf der Seine-Insel ein Denk-noch-mal, auch bezüglich der eigenen Träume und Freiheiten. Dabei hat die First Lady durchaus Sendungsbewusstsein; sie kann von ihrem hohen Sockel so schnell nicht absteigen (das gilt auch für die Miss Liberty in den Staaten, No – we can’t), schließlich sind die beiden Damen Repräsentantinnen einer Weltmacht.

Und so wie Austers Geschichten und die Freiheitsstatue eine gewisse Schicksalsgemeinschaft bilden, so scheint dies auch für Europa und die USA zu gelten. Es ist dieses zwiegespaltene Hin- und Hergerissensein zwischen dem American Dream und Paul Austers Schreckenswelten, das so fasziniert. Wie tickt Amerika wirklich? Ich war noch niemals in New York und weiß dennoch: Es treibt mich dorthin.

Meine amerikanischen Helden heißen nicht Brangelina und zieren die Titelseiten billiger Boulevardzeitungen, sondern kokettieren zwiegespalten als Misslibpaul. Und das hat wie gesagt Sprengkraft.

Die Sieger des Wettbewerbs treffen sich vom 3. bis 7. März in Berlin. Bei einem Workshop diskutieren sie ihre unterschiedlichen Sichtweisen und präsentieren sie im Gespräch u.a. mit Pavol Demes (Außenminister der Slowakei a.D., Direktor des GMF Bratislava), Manfred Sapper (Chefredakteur von Osteuropa) und Wojciech Orlinski (Journalist Gazeta Wyborcza, Warschau) auf der Abschlusskonferenz am 7. März.

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