Goethe aktuell

Umbruch in Ägypten: „Das Militär ist das große Problem“

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Der Tahrir-Platz unweit vom Goethe-Institut Kairo (Foto: Jürgen Böhner)

3. März 2011

Es war ein bisschen wie beim Mauerfall. Oder zumindest wie bei einer gewonnenen Fußball-WM. Ute Reimer war Zeugin der friedlichen Revolution in Ägypten. Doch in ihre Freude, so berichtet die Mitarbeiterin des Goethe-Instituts Kairo, mischen sich auch Befürchtungen.

Nach dem Regimesturz in Tunesien machte sich auch das ägyptische Volk daran, seinen Machthaber in die Wüste zu schicken. Kam das für Sie überraschend, oder war diese Entwicklung nach der Jasmin-Revolution absehbar?

„Absehbar“ wäre zu viel gesagt – ganz überraschend kam sie aber nicht. Die Ägypter beanspruchen eine Führungsrolle im arabischen Raum. Und dass eine solche Entwicklung in Tunesien auch Auswirkungen auf Ägypten haben würde, war klar. Aber wie schnell dann alles ging, war eine Überraschung.

Die Goethe-Institute in Kairo und Alexandria wurden Ende Januar geschlossen und viele der deutschen Mitarbeiter ausgeflogen. Sie sind in Ägypten geblieben. Wie haben Sie die Wochen des Protests erlebt?

Ich habe an keiner Demonstration auf dem Tahrir-Platz teilgenommen. Wir wohnen allerdings auf Zamalek, das ist eine Nil-Insel mit unverbautem Blick auf die andere Seite des Nils. Wir hatten direkte Sicht auf eine Straße, die ins Zentrum und damit zum Tahrir führt. Und dort spielte sich besonders am Anfang sehr viel ab. Am ersten Freitag konnten wir von zu Hause aus die Schlachten zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten beobachten. Die Sicherheitskräfte haben die Demonstranten mit Tränengas-Kanistern beworfen, welche diese zu meinem großen Erstaunen aufgehoben und zurück geworfen haben. Der Wind stand jedoch gut für die Demonstranten. Die Tränengasschwaden wurden immer wieder zu den Sicherheitskräften geweht. Wir beobachteten auch, wie mit Stöcken bewaffnete Personen in Zivil auf die Demonstranten losgegangen sind, außerdem brannte es an vielen Stellen lichterloh.

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Vor dem Goethe-Institut Alexandria: Zerstörungen durch die Proteste (Foto: Alexander Smoltczyk)


Hatten Sie Angst?

Nein, ich habe mich auch nie persönlich bedroht gefühlt. Zamalek war die ganze Zeit über sicher. Es gab keine Plünderungen und abends patroullierte eine Bürgerwehr durch die Straßen.

Anfangs schien es sehr ungewiss, wie Mubarak reagieren würde. Hatten Sie Zweifel, dass die Proteste erfolgreich sein würden?

Nein, das war nur eine Frage der Zeit. Aber ich habe befürchtet, dass es bis dahin noch mehr Todesopfer geben würde.

Wie haben Sie den Abend nach der offiziellen Verkündung von Mubaraks Rücktritt erlebt?

Das war ein riesiges Volksfest. Es war eine Stimmung, als hätte das Land die Fußballweltmeisterschaft gewonnen. Unser Fernseher lief nicht, als der Rücktritt bekannt gegeben wurde, aber es ging ein plötzlicher Freudenaufschrei durch die Stadt, den man durch geschlossene Fenster hörte. Dann folgte ein nicht enden wollendes Hupkonzert, Fahnen wurden geschwungen, und alle Menschen waren auf den Straßen.

Oft werden jetzt Parallelen zu 1989 bei uns gezogen. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, ich sehe da durchaus Parallelen. In der Friedfertigkeit der Demonstranten zum Beispiel, die hier in Kairo wirklich absolut bewundernswert war. Sie haben sich von den Provokationen der Mubarak-Befürworter nicht beeindrucken lassen und sind die ganze Zeit über ruhig und vernünftig geblieben. Das hat mir doch ab und zu Tränen der Rührung in die Augen getrieben.

Wie ist die Stimmung im Land fast drei Wochen nach Mubaraks Rücktritt?

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Goethe-Mitarbeiterin Reimer
(Foto: Privat)
Die Stimmung ist einerseits sehr hoffnungsvoll und positiv und der Wille nach Veränderung ist überall spürbar. Auf der anderen Seite verfolgt man aber schon mit Anspannung, was politisch tatsächlich passiert. Es geschieht nämlich ein bisschen zu wenig für den Geschmack der Ägypter. Die Menschen sind momentan sehr wachsam und verfolgen die Entwicklungen ganz genau.



Hat sich Ihre Arbeit jetzt geändert?

Nicht wirklich. Wir haben inzwischen sogar schon wieder den normalen Sprachkursbetrieb aufgenommen. Aber wir machen uns Gedanken, mit welchen Projekten wir den Demokratisierungsprozess im Land begleiten können. Wir werden zum Beispiel unsere Verlegerfortbildungen verstärken. Wir könnten außerdem eine neue Übersetzungsreihe anstoßen – mit Titeln zu Themen wie Zivilgesellschaft, Demokratisierung und Parteiensysteme.

Wie war das früher? Wurde die Arbeit des Goethe-Instituts unter Mubarak behindert?

Es war uns bewusst, dass der Geheimdienst sehr genau über unsere Tätigkeiten informiert ist. In meinem Bereich – Information und Bibliothek – hatte ich damit aber nie Probleme. Bei den Kulturprogrammen war das ein bisschen anders. Für Aktivitäten im öffentlichen Raum mussten aufwendigste Genehmigungsverfahren eingehalten werden. Meist wurde dann auch erst sehr kurzfristig eine Genehmigung erteilt. Für das Theaterstück Radio Muezzin von Stephan Kaegi etwa, das auch sehr erfolgreich in Deutschland lief, mussten die Verantwortlichen hier im Institut seinerzeit sehr lange Gespräche mit dem Religionsministerium führen. Es durfte dann in Kairo nicht aufgeführt werden. Bei einer mehr oder weniger geschlossenen Aufführung saßen dann tatsächlich Personen im Publikum, die den ganzen Text mitschrieben.

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Szene auf dem Tahrir: Demonstranten versuchen die Armee daran zu hindern abzuziehen (Foto: Jürgen Böhner)


In die Freude über das Ende des Mubarak-Regimes mischen sich auch skeptische Stimmen: Was, wenn nun die Islamisten die Macht übernehmen? Oder das Militär doch nicht so viel Freiheit zulässt, wie es derzeit verspricht?

Nach meiner Einschätzung ist das Militär das erheblich größere Problem. Das Militär regiert hier seit 1952, als die Ägypter ihren König aus dem Land gejagt haben. Damals sollte das nur eine Übergangsregierung sein – was sie aber nie war. Alle nachfolgenden Regierenden kamen aus dem Militär. Es gibt berechtigte Zweifel, dass das Militär den Übergang zu einer echten Demokratie nicht so unterstützt, wie es versprochen wurde. Andererseits wird auch der Militärführung klar geworden sein, dass ein ganz anderes Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung herrscht: Sie weiß, was sie will, und vor allem, was sie nicht mehr will. Die Gefahr, die von den Moslembrüdern ausgehen soll, halte ich für eine maßlose Übertreibung. Aus meiner Sicht haben sie zumindest im Moment keine Ambitionen, hier die Macht auszuüben und wären wohl alleine dazu auch nicht in der Lage. Letztendlich es ist ein islamisches Land – warum soll es da nicht auch eine muslimische Partei geben?

Hätte die Politik in Europa und den USA sich anders verhalten müssen? Sollten wir uns Vorwürfe machen?

Natürlich. Aber es gibt viele ähnliche Fälle auf der ganzen Welt, derentwegen man sich Vorwürfe machen sollte. Im Nachhinein ist man immer ganz besonders schlau. Diese Zweckorientierung der westlichen Politik ist von den Sonntagsreden der Politiker schon sehr weit entfernt.

Die Fragen stellte Anne-Kathrin Lange

Ute Reimer (58) ist seit 2007 Leiterin des Bereichs Information und Bibliothek am Goethe-Institut in Kairo. 1997 kam sie nach München in die Zentrale und wechselte 2002 nach Johannesburg. Während der Proteste war sie mit ihrem Mann die ganze Zeit vor Ort.


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