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„Living Archive“: Auf der Suche nach der verborgenen Stadt

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Filmrollen stapeln sich im Berliner Arsenal-Archiv (Foto: Arsenal)

19. März 2011

Können Filmarchive ein Eigenleben entwickeln? Was hat sich da alles angesammelt? Was will es uns sagen? Ein vom Goethe-Institut gefördertes Projekt zieht jetzt cineastische Raritäten aus dem Staub. Das Archiv lebt. Von Arne Scheffler

Der kleine Junge ist voll bei der Sache. Sein cooler Auftritt à la James Dean gelingt ganz gut, die Pose am Telefon, die Zigarette im Mundwinkel. Er spielt Kino – Küssen und küssen lassen heißt der virtuelle Streifen. Der Menge ringsum gefällt es, sie lacht und gibt dem Jungen ein paar Rupien. Aus dem Off sagt der Sprecher, dass der Junge ein Waisenkind ist. Seine Stimme klingt etwas hölzern. Es werden noch mehr Schausteller gezeigt. Sie alle versuchen auf dem Jahrmarkt in Kalkutta ihr Glück, man sieht Akrobatik, allerhand Wundermittel. Die Aufnahmen wirken plastisch, lange Schnitte, viel Zeit, sich in das Geschehen hineinzuversetzen: Sandalen tragende Menschen, staubiger Boden, drum herum die Stadt mit ihren Millionen.

Der Film ist erkennbar nicht mehr der jüngste, die Farben sind ein wenig ausgeblichen, ab und zu helle Punkte. Er heißt Dharamtalla Ka Mela, der Jahrmarkt in Dharamtalla. Ein Dokumentarfilm, 60 Minuten, Indien 1984. Von ihm existiert weltweit nur eine einzige Kopie, sie liegt im Archiv des Berliner Arsenal-Instituts. Das Original-Archiv in Indien ist abgebrannt, um den Film zu sichern, hat das Arsenal ihn gerade digitalisieren lassen.

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Kleiner Möchtegern-James-Dean: Filmszene aus „Dharamtalla Ka Mela“


Es gibt einige solcher Filme, die nur im Arsenal-Archiv überlebt haben. Seit den Sechzigerjahren hat der Verein, der auch ein Kino betreibt, eine Sammlung aufgebaut, die mittlerweile 10.000 Titel umfasst. Viel Unkommerzielles, viel Abseitiges. Zu großen Teilen liegt das am Berlinale-Forum, das das Arsenal seit vier Jahrzehnten auf die Beine stellt. Das Forum versteht sich als der experimentierfreudige Part der Berlinale, als Schnittstelle zwischen Kino und Kunst. Die Kopien der Filme blieben nach dem Festival häufig an Ort und Stelle, die Sammlung des Arsenals hat sich sprichwörtlich angesammelt. „Unser Archiv zeichnet sich dadurch aus, dass es die Praxis des Vereins widerspiegelt“, sagt Stefanie Schulte Strathaus, Vorstandsmitglied beim Arsenal. „Einmal wegen des Festivals, aber auch wegen persönlicher Kontakte. Viele Filmemacher wollten, dass wir eine Kopie ihrer Filme haben. Das hat mit der Idee zu tun, was für ein Archiv das hier ist, was für Leute hier arbeiten, wie sie arbeiten.“

Verlorenes Wissen

Vor drei Jahren etwa wurde dem Arsenal der gesamte Film-Nachlass der Underground-Ikone Jack Smith übereignet, andere Teilsammlungen wurden ebenfalls aufgenommen. Das Arsenal-Archiv drückt aber nicht nur kuratorische Interessen aus. „Es gab eine Zeit“, erzählt Schulte Strathaus, „da sind viele Filme aus Chile zu uns gekommen. Filmemacher aus Ländern mit einer Diktatur haben oft ganz bewusst Filme hiergelassen, um sie in Sicherheit zu bringen.“ Das Archiv also auch als Exil, als Abbild der politischen Situation, als Spiegel der internationalen Filmgeschichte.

Durch wechselnde Generationen ist beim Arsenal aber einiges Wissen über den Bestand wieder verloren gegangen. „Gerade weil wir nie offiziell vorhatten, ein Archiv zu werden, wissen wir heute oft nicht mehr, warum wir bestimmte Filme haben und wo sie herkommen“, gesteht Schulte Strathaus. „Jeder, der uns verlässt, nimmt ein bestimmtes Wissen mit.“ Inzwischen gibt es zwar eine umfassende Datenbank im Internet, aber nicht zu jedem Film finden sich gleichviele Informationen.

Die Vielfalt und die Geheimnisse der Sammlung sind nicht die einzigen Gründe, warum das Arsenal sein Archiv ein „lebendiges Archiv“ nennt. „Wir gehen davon aus“, erklärt Schulte Strathaus, „dass ein Film nur in der Gegenwart existiert. Wenn wir einen älteren Film sehen, sehen wir ihn in unserem heutigen Kontext. Damit ist der Film aber ein anderer, als zu der Zeit, zu der er entstanden ist.“

„Der Blick der Welt“

Um das Archiv und seine Filme mit der Gegenwart zu verbinden, plant das Arsenal unter der Überschrift Living Archive deswegen jetzt eine Projektreihe mit Künstlern, Forschern und Kuratoren. Die Aufarbeitung des Bestands soll in erster Linie qualitativ erfolgen. Die langsam alt werdenden Filmrollen alle auf einmal zu digitalisieren, wäre teuer und wenig sinnvoll.

Ein Projekt von Living Archive ist ein Stipendienprogramm zusammen mit dem Goethe-Institut. Zwei Film- und Videokuratoren aus dem Ausland haben die Möglichkeit, bis zu drei Monate in Berlin zu leben und auf Basis der Sammlung eigene Ideen zu entwickeln. „Es geht uns darum, den Blick umzudrehen“, sagt Schulte Strathaus. „Das Archiv drückt unseren Blick auf die Welt aus, jetzt wollen wir den Blick der Welt auf unser Archiv.“

Ein mögliches Ziel der Stipendien könnte sein, die Filme in ihre Herkunftsländer zurückzuführen. Die „Rückgabe“ muss dabei nicht allein das konkrete Filmmaterial betreffen. Nach Vorstellung von Schulte Strathaus kann sie auch ideeller Natur sein. „Mit der Zeit bekommen die Stipendiaten wahrscheinlich einen Eindruck davon, wie sich ihr Land in unserem Archiv wiederfindet. Sie können uns dann auf bestimmte Aspekte oder Perspektiven aufmerksam machen, die wir selbst gar nicht sehen oder verstehen.“

Kino trifft Stadt

Die erste Stipendiatin ist Madhusree Dutta aus Mumbai. Die Filmemacherin und Aktivistin ist vom Arsenal-Archiv bereits im Vorhinein fasziniert. „Die Sammlung scheint mir keine gewöhnliche Sammlung zu sein. Der Schwerpunkt auf andere Kulturen, Arbeiten, die abweichen, die widersprechen, schwieriges Kino, Sachen, auf die man sonst nicht zugreifen kann. Ich bin gespannt, all diese Filme zu sehen.“

Für Dutta hängt der Begriff Archiv mit den Motiven „Stadt“ und „Kino“ zusammen: „Ich glaube, dass die Stadt das Kino archiviert und das Kino die Stadt. Das gilt für Mumbai, aber auch für andere asiatische Städte.“ Ihr Projekt Cinema City beschäftigt sich schon länger mit dieser Spannung. Ob sie die Idee auch beim Arsenal verfolgt, weiß sie noch nicht genau: „Das Tolle an dem Stipendium ist, dass ich vor Ort und angesichts des Materials entscheiden kann, was ich machen will. Im Arsenal-Archiv verborgene Städte zu finden wäre auf jeden Fall interessant.“

Eine Cinema-City hat sich schon gefunden. Kalkutta, Mitte der Achtzigerjahre. Der Jahrmarkt in Dharamtalla und der kleine Junge mit Küssen und küssen lassen. Ohne Projektor, ohne Strom, aber mit viel Kino. Dank Madhusree Dutta und Living Archive haben sie in ihrer Heimat vielleicht bald wieder ein Zuhause.
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