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Filmprojekt von Thomas Heise: Werden und Vergehen in Tinkunaku

Thomas HeiseCopyright: Thomas Heise
Maskenfest in Tinkunaku: Szene aus „Sonnensystem“ (Copyright: Thomas Heise)

26. März 2011

Was bedeutet es, als Ureinwohner in Argentinien zu leben? Und was könnte es bald bedeuten? Der Filmemacher Thomas Heise hat als Thema für seinen neuen Film ein kleines Dorf am Fuße der Anden gewählt – und das ganze Sonnensystem. Ein Ortstermin. Von Ralf Schenk

„Was machst du da“, fragen die Kinder, die auf dem Gemeindeplatz im Zentrum von Rio Blanquito Fußball spielen. „Ich baue eine Leinwand auf“, sagt Thomas Heise, „ich möchte euch heute Abend einen Film zeigen.“ – „Einen Film?“ Die Kinder schauen sich an, zucken mit den Schultern. Filme kennen sie nur aus dem Fernsehapparat, und auch das erst seit kurzem, seit die DVD-Technik auch in ihrem Dorf Einzug gehalten hat. Satellitenschüsseln zum Fernsehempfang gibt es hier noch so gut wie keine, ein Kino hat nie existiert.

Rio Blanquito liegt über 2.000 Kilometer weit weg von Buenos Aires, auf einer Hochebene am Fuße der Anden. Von Orán aus, der nächsten größeren Stadt in der Provinz Salta, geht es achtzig Kilometer auf einer steinigen, unbefestigten Straße in die Berge, dabei sind mehrere Flussläufe zu durchqueren, was in der Regenzeit zum Abenteuer werden kann. Touristen verirren sich höchst selten in diese Gegend. Hier leben Bauern und Handwerker, insgesamt rund 1.500 Männer, Frauen und Kinder, Angehörige der indigenen Gemeinschaft der Kolla, die sich zur Großgemeinde Tinkunaku zusammengeschlossen haben.

Copyright: Thomas Heise, Ralf Schenk
Fotostrecke: Das Dschungelkino


Thomas Heise, der Regisseur aus Berlin, ist nicht zum ersten Mal hier. Und der Film, den er auf dem Dorfplatz auf großer Leinwand vorführen will, ist auch nicht irgendein Film. Er hat ihn in Tinkunaku gedreht, sechs Wochen im August und September 2009, vier Wochen im Februar 2010. Ein Film über das Zusammenspiel von Natur und Mensch, über Arbeitsvorgänge, Dorffeste, Rituale, den familiären Alltag. Eine Gegenwart, die aus der Ewigkeit zu kommen scheint und doch von der Moderne verdrängt werden könnte, wie überall auf der Welt.

Bitteres Finale

„Warum hast du deinen Film Sonnensystem genannt“, fragt Herminio Cruz, der Präsident der Gemeinde, am Nachmittag vor der Aufführung. „Weil es nicht nur um Tinkunaku geht“, antwortet der Regisseur, „sondern um etwas Universelles. Um Jahreszeiten, Landschaften, Erde. Um Werden und Vergehen.“ Die filmische Bewahrung eines archaischen Universums, das vielleicht bald nur noch in den Träumen – und im Kino – überlebt. Ethnographie und Philosophie.

Die Idee, einen solchen Film zu drehen, liegt schon drei, vier Jahre zurück und wurde im Goethe-Institut Buenos Aires geboren. Zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeit von den spanischen Kolonialherren standen Gelder zur Verfügung, die in Kulturprojekte unter dem Titel Lateinamerika in deutschen Visionen fließen sollten. Die Idee war, durch gemeinsame kulturelle Initiativen soziale Bewegungen in Argentinien zu unterstützen. Zum Beispiel, die Lebensumstände der indigenen Bevölkerung zu skizzieren.



Jahrzehntelang waren die Ureinwohner des Landes aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeklammert worden, kamen weder in Zeitungen noch im Fernsehen vor. Erst seit einiger Zeit ist eine vorsichtige Öffnung der Informationspolitik zu beobachten, doch noch immer weiß ein Großteil der Argentinier nicht, wie und wovon die indigenen Völker leben, wie mit ihnen von Seiten des Staates, der Großgrundbesitzer und Konzerne umgegangen wird.

Der zunehmende Druck, der auf dem Volk der Kolla in Tinkunaku lastet, ihr Leben zu verändern, ihr Ackerland für Großkonzerne herzugeben oder ihr abgelegenes Paradies für den Tourismus zu öffnen, spielt im Film noch keine Rolle. Dazu hätte es Interviews und anderer Erklärungen bedurft, die Heise konsequent aus seinem Sonnensystem ausklammert. Er zeigt ausschließlich, was es bedeutet, hier zu leben. Und in einem großen, bitteren, metaphorischen Finale, was daraus werden könnte.

Die letzten Motive seines Films hat Heise in Buenos Aires gedreht, eine unendlich lange Fahrt entlang der Slums südlich des Hauptbahnhofs. Ein Ghetto, von Gittern und Mauern umgeben, eng, baumlos, überall Berge von Müllsäcken.

Was bleibt? Was verschwindet?

Abends um neun, nach Sonnenuntergang, hat sich der Dorfplatz in Rio Blanquito gefüllt. Ganze Familien sind gekommen, mit Kind und Kegel, neugierig, sich und ihr Leben auf der großen Leinwand zu betrachten. Aber auch ein bisschen ängstlich: Was wird dieser Europäer aus uns gemacht haben? – Während der Vorführung herrscht gespannte Aufmerksamkeit. Nur ein paar Halbwüchsige tollen herum, rennen hinter die Leinwand, um zu sehen, ob die Pferde, die vorn ins Bild laufen, hinten wieder herauskommen. Dann ist der Film zu Ende, es gibt Beifall und viele Fragen, die Gott und die Welt berühren. Das Bleibende, und das, was verschwindet. Genau so, wie es sich Thomas Heise erhofft hat.

„Ich würde gern wiederkommen“, sagt er. „Vielleicht nach sieben Jahren, um zu sehen, was geworden ist. Und vielleicht, um den jungen Leuten von Tinkunaku – jedenfalls denen, die in ihrer Welt geblieben sind – die Kamera in die eigenen Hände zu geben. Für einen Blick von innen, auf die Schönheiten, Widersprüche und Konflikte ihres Lebens in den Anden, die Reibungsflächen von Tradition und Moderne, die Sorgen und die Hoffnungen.“

Der Film „Sonnensystem“ wird am 31. März 2011 in der Berliner Volksbühne erstmalig in Deutschland gezeigt. Im April läuft er auf dem Dokumentarfilmfestival in Nyon.
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