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Japans schwarzer Freitag: Der Tag, an dem die Erde bebte

HikosaemonCopyright: Hikosaemon
Schwarze Rauchwolke am Horizont: Tokyo am Tag des Bebens (Foto: Hikosaemon)

14. März 2011

Erst fielen die Chips aus dem Regal, dann neigten sich die Hochhäuser ganz bedenklich. Auch in Tokyo war schnell klar: Das ist keines dieser Erdbeben, wie man sie in der Region zu Genüge kennt. Franziska Kekulé hat den Tag in Japans Hauptstadt miterlebt.

Es ist Freitag. Der Tag beginnt wie jeder andere, vielleicht sogar noch etwas schöner. Nach Schneegestöber und Dauerregen am Anfang der Woche sind es nun frühlingshafte 15 Grad, die Sonne scheint. Entsprechend sonnig ist die Stimmung im Goethe-Institut Tokyo: Sprachkursschüler, die sich für die neuen Kurse einschreiben, Kollegen, die sich auf ein Wochenende in Seoul oder auf eine Hochzeit in Indien freuen und die letzten Termine vor dem Wochenende klären.

Mein letzter Termin führt mich mittags in das Stadtviertel Harajuku. Auf dem Rückweg zum Institut mache ich Halt in einem kleinen Laden für ein Onigiri – verspätetes Mittagessen. Ich reihe mich gerade in die Schlange an der Kasse ein, als das Beben beginnt. Da es hier in Japan ständig kleinere Beben gibt, von denen man die Hälfte nicht einmal bemerkt, denke ich mir nichts weiter und warte wie die anderen in der Schlange einfach darauf, dass es aufhört. Aber es hört nicht auf.

Im Gegenteil, es wird immer stärker. Zeitschriften und Chips fallen aus den Regalen und das hohe Regal hinten im Laden gleich hinterher. Die Verkäuferinnen kichern nervös. Die Schlange an der Kasse löst sich auf. Alle verlassen den Laden und laufen nach draußen. Auf der Straße bleiben die Autos stehen, Menschen strömen aus den umliegenden Bürogebäuden. Eine ältere Dame packt mich am Arm, deutet auf das hohe Gebäude hinter dem Laden und erklärt, dass es weiter die Straße hinab sicherer wäre. Sie spricht aus Erfahrung, denn sie war beim Erdbeben 1995 in Kobe dabei.

Um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, halten wir uns an einem Geländer am Straßenrand fest. Wir starren in die Höhe. Die Hochhäuser gegenüber neigen sich mit jedem Meter in der Luft stärker nach links und rechts. Ganz oben biegen sich die langen Stahlantennen über die Dachvorsprünge. Meine Begleiterin zückt ihr Handy um einen Blick auf die Erdbebensensoren zu werfen. Aber das Mobilfunknetzwerk scheint zusammengebrochen zu sein. Immer mehr Menschen versammeln sich auf der Straße, viele haben einen Helm auf dem Kopf, und plötzlich – ist es vorbei.

Die Bahn steht still

Ich versuche beim Goethe-Institut anzurufen, aber die Handynetze sind überlastet. Auf den Straßen drängen sich die Menschen. Von allen Seiten kommt mir ein „Daijoubu?“ („Alles in Ordnung?“) entgegen.

Als ich beim Institut ankomme mache ich mir ernstliche Sorgen, denn hier ist vor dem Gebäude weit und breit niemand zu sehen. Der Fahrstuhl ist ausgefallen, ich nehme die Treppe. Oben erwartet mich unsere Rezeptionistin ebenso mit dem bekannten „Daijoubu?“ aber ungleich gefasster als die Menschen auf der Straße. Beinahe die gesamte Belegschaft sitzt am Schreibtisch – mit orangefarbenen Helmen, an denen Trillerpfeifen baumeln. Das Institut, erfahre ich, sei eines der erdbebensichersten Häuser in ganz Tokyo – das Klügste sei, drinnen zu bleiben.

Sogar Regale, Lampen und Tassen sind hier heil geblieben. Ich folge jedoch dem allgemeinen Beispiel und bewaffne mich mit Helm und Trillerpfeife. Vom Balkon aus sieht man die schwarze Rauchwolke am Horizont direkt hinter dem Tokyo Tower, den Eiffelturm-ähnlichen Fernsehturm. Gegenüber in der kanadischen Botschaft ist der Pool, den wir tagtäglich bewundern, halb leer – das Wasser ist einfach übergeschwappt. Dazu dringt eine langgezogene Durchsage wie aus einem schlechten Katastrophenfilm herüber: „This is a major Tsunami warning!“, und Botschaftsmitarbeiter in schwarzen Anzügen bauen Großraumzelte im Garten der Botschaft auf.

In den Fernsehnachrichten erhalten wir eine kleine Hiobsbotschaft: Japanese Railways stellt für den Rest des Tages seinen Betrieb ein, da man erst alle Tunnel auf Schäden überprüfen will. Wir sitzen fest. Der Großteil der Belegschaft wohnt weit weg, Kollegen in der Nähe bieten ihre Wohnungen an. Einige Kollegen und ein Sprachkursteilnehmer entscheiden sich dafür, im Büro zu übernachten.

Die unfreiwilligen Pilger

Mit den Übrigen trete ich abends den Nachhauseweg an. Die Straßen gleichen Pilgerpfaden: hunderte Menschen, einige noch mit Helm und „Erdbeben-Kit“ (silberner Rucksack mit Lebensmitteln et cetera) strömen über die Fußgängerwege, auf den Straßen stauen sich die Autos, meterlange Schlangen vor den Münztelefonen, Bus- und Taxihaltestellen. Aber Tokyos Krisensystem läuft bereits auf Hochtouren: Die Sporthallen der Universitäten, Bowlingbahnen und öffentliche Gebäude stehen jedem offen, der den Nachhauseweg heute nicht schafft. In Mobilfunkgeschäften kann man kostenlos sein Handy aufladen, an ausgewählten Automaten kostenlos Getränke bekommen und behelfsmäßige Schilder auf den Straßen führen alle unfreiwilligen Pilger zur nächsten Toilette.

Mit knapp zwei Stunden Heimweg habe ich dabei noch Glück. Meine Mitbewohnerin braucht vom anderen Ende der Stadt fast das Doppelte, einige Freunde erreichen ihr Zuhause erst am nächsten Morgen.

Am Samstagmorgen holt uns ein starkes Nachbeben aus dem Schlaf. Über den Tag werden es mehr. Im Fernsehen sehen wir die Verwüstung durch den Tsunami. Es ist kaum zu glauben, dass dies nur ein paar Kilometer weit weg sein soll. Die Straßen sind leer, Convience Stores und Supermärkte vielfach ausverkauft. Auch wenn die Bahnen inzwischen wieder fahren, ist an Normalität nicht zu denken. Um auf dem Laufenden zu bleiben, halten wir eine Telefonkette mit allen Kollegen. Die größte Angst machen uns nun die Atomreaktoren in Fukushima. Sie liegen zwar gut 300 Kilometer entfernt von Tokyo, aber das ist nicht viel bei einem Super-GAU.

Franziska Kekulé, 27, ist Japanologin und arbeitet seit Oktober 2010 als Trainee am Goethe-Institut in Tokyo.

Nachtrag: Angesichts der Verschärfung der Lage in Japan hat das Goethe-Institut Tokyo geschlossen – zunächst für eine Woche. Einzelne Mitarbeiter, darunter die Autorin, haben das Land bereits verlassen. Die Situation wird jeden Tag neu bewertet, das weitere Vorgehen eng mit der deutschen Botschaft abgestimmt.
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