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Japan und die Katastrophe: „Wir reißen uns eben zusammen!“

Danny ChooCopyright: Danny Choo
Die U-Bahnen sind etwas leerer als sonst – ansonsten scheint der Alltag in Tokyo weiterzugehen (Foto: Danny Choo)

22. März 2011

Erdbeben, Tsunami und jetzt die Angst vor dem Super-GAU: In Japan herrscht Notstand. Und doch scheint in weiten Teilen des Landes das Leben fast unverändert weiterzugehen. Raimund Wördemann leitet das Goethe-Institut Tokyo. Im Interview berichtet er vom disziplinierten Umgang der Japaner mit dem Leid.

Herr Wördemann, wenn Sie morgens aus dem Haus gehen, woran merken Sie, dass Sie in einem Land im Ausnahmezustand leben?

Auf den ersten Blick ist das nicht so greifbar. Es ist eine Art reduzierte Normalität. Es herrscht deutlich weniger Verkehr, es gibt Schlangen vor den Geschäften, in denen es an der normalen Warenfülle fehlt. Aber dann gibt es auch lachende Menschen und den ganz normalen Alltag. Ich habe mit Japanern gesprochen, die kopfschüttelnd die Sorgen der „Wessis“ wahrnehmen. Ich wundere mich, wenn ich deutsche Medienberichte sehe, in denen ein Chaos-Szenario für Tokyo beschrieben wird. Die größte Not herrscht derzeit im Tsunamigebiet. Hoffentlich verlagert sich der Fokus der Aufmerksamkeit im Westen bald wieder auf Hilfe für das Katastrophengebiet – bei aller berechtigten Sorge wegen Fukushima.

Wie haben Sie die Tage seit dem Erdbeben erlebt? Haben Sie Angst?

Einmal in der vergangenen Woche war ich gerade auf dem Weg zur U-Bahn, und als ich den Fuß auf den Boden setzen wollte, wich der Boden zurück, und das Hochhaus neben mir schwankte mir entgegen. Da dachte ich: Mensch, was ist denn jetzt wieder los? Auch wenn mir Anrufer wie Mails suggerierten, ich sei in einer Stadt, die soeben zusammenbricht, musste ich mich mitunter zusammenreißen.

Wie geht es Ihren Kollegen?

Die Skala reicht von großer Angst und Besorgnis bis hin zu Gelassenheit und Ruhe. Einige der deutschen Kollegen haben das Land vorübergehend verlassen. Mittlerweile suchen auch manche japanische Kollegen ihre Verwandtschaft im Süden auf, zumindest für ein paar Tage. Viele arbeiten aber nach wie vor, etwa in der Verwaltung. Hier mussten Gehälter angewiesen werden, und es war für die Kollegen selbstverständlich, dass sie ihre Pflicht erfüllen – obwohl wir klar gemacht haben, dass niemand zur Arbeit kommen muss.

Das Auswärtige Amt hat allen Deutschen im Großraum Tokyo empfohlen, nach Osaka oder ins Ausland zu gehen. Warum sind Sie selbst überhaupt noch da?

Es handelte sich um die Empfehlung, den Großraum Tokyo vorübergehend zu verlassen, also nicht um eine Aufforderung, außer Landes zu gehen. Seit Mitte vergangener Woche bin ich in Kyoto, im dortigen Goethe-Institut. Von hier aus arbeite ich derzeit und bin auf allen Leitungen für die Mitarbeiter und Partner des Goethe-Instituts ansprechbar. Nun warte ich darauf, dass mir die Rückreise genehmigt wird. Die ersten Kursteilnehmerbeschwerden erreichen uns, wann es denn endlich weitergehe. Es steht noch eine Bauprüfung aus, wobei das Goethe-Institut Tokyo als eines der erdbebensichersten Gebäude in der Stadt gilt. Diese sollte ich ebenso baldmöglichst vor Ort betreuen wie die Mitarbeiter, die auf eigenen Wunsch in der Stadt geblieben sind.

Wann ist für Sie der Zeitpunkt gekommen, das Land zu verlassen?

Ich würde Japan verlassen, wenn die Situation danach wäre. Die Lage wird vom Krisenstab der Botschaft mit Experten aus Deutschland, mit dem Auswärtigen Amt und der Zentrale des Goethe-Instituts ständig aktuell bewertet. Wenn der Krisenstab empfiehlt, das Land zu verlassen, werde ich das tun.

Wie ist es mit den Tokiotern? Gibt es schon einen richtigen Flüchtlingsstrom in Richtung Süden?

Damit hätte man wohl gerechnet. Als ich nach Kyoto gereist bin, habe ich mich schon gefragt, ob da nicht Tausende versuchen würden, in die gleiche Richtung zu fahren. Aber statt Chaos am Bahnhof Shinagawa war ganz normaler Betrieb, reizender Service, alles wie immer; binnen zehn Minuten hatte ich mein Ticket in der Hand, und zehn Minuten später saß ich im Zug, der schnell wie immer sein Ziel erreichte – neben mir unaufgeregte Japaner, die in Ruhe ihre Lunch-Boxen leerten. Es war allerdings auffällig, dass ziemlich viele Mütter mit kleinen Kindern unterwegs waren.

Man hört ständig von der erstaunlichen Gefasstheit, mit der die Japaner auf diese Katastrophe reagieren. Sind sie wirklich so gefasst?

Die Japaner verhalten sich unglaublich diszipliniert – hier paart sich Verantwortungsbewusstsein mit der Verfasstheit, sich auch Härtefällen zu stellen. Wie sagte eine Japanerin neulich: „Wir reißen uns eben zusammen!“ Und ein japanischer Künstlerfreund hat mir geschrieben: „Ich bin ein Samurai, Deshalb kann ich jetzt nicht ins Ausland fliehen. Ich will dem japanischen Volk helfen.“

Erstmals überhaupt hat sich der japanische Kaiser per Videobotschaft direkt an sein Volk gewandt – wenn auch nur für 65 Sekunden. Wie kam dieser symbolische Akt bei den Japanern an?

Die Japaner haben das als sehr wohltuend empfunden – das gibt ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Es passiert ja wirklich nicht oft, dass der Kaiser sich einschaltet.

In Deutschland haben die aktuellen Ereignisse eine Debatte über die Zukunft der Atomkraft hierzulande ausgelöst und sogar ungewöhnlich schnell politische Entscheidungen nach sich gezogen. Gibt es eine solche Diskussion in Japan auch?

Die grundsätzlichen Debatten werden sicher erst viel später beginnen. Momentan konzentriert sich die Diskussion in Japan auf die akuten Fragen: Wie kann man die vielen Opfer des Tsunami versorgen? Wie kann man die Radioaktivität eindämmen? Ein großes Thema ist natürlich auch die Stromversorgung: Wann werden wir wieder Strom rund um die Uhr haben?

Sind die Stromabschaltungen gut kommuniziert oder wird man plötzlich von Dunkelheit überrascht?

Unser Institut in Tokyo liegt in Minato-ku, dem zentralen Stadtteil der Hauptstadt, der von Stromabschaltungen ausgenommen ist. Ansonsten ist die Kommunikation gut, und man wird im Vorfeld informiert, es handelt sich um geplante Sparmaßnahmen.

Wann wird am Goethe-Institut in Tokyo wieder normaler Betrieb herrschen?

Wir haben vorläufig geschlossen, nach jetzigem Stand bis 27. März. Dann sehen wir weiter. Es gibt zu viele Unsicherheiten, zu viele Verkehrsunterbrechungen, zu viele Nachbeben. Da können wir nicht einfach so tun, als gingen wir zur Tagesordnung über. Wir werden auch all unsere Pläne überprüfen müssen. So hatten wir uns beispielsweise schon darauf gefreut, „150 Jahre deutsch-japanische Freundschaft“ zu feiern. Aber einen schwer geschwächten Freund bittet man nicht zum Tanztee. Deutschland hat nun die große Chance, sich als echter Freund zu beweisen. Wie wir dies tun können, wird jetzt erstmal das wichtigste Thema für uns sein.

Das Interview führte Christoph Mücher
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