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Margarethe von Trotta im Interview: „Es geht darum, das Schweigen zu brechen“

Copyright:  Concorde Film
Regisseurin von Trotta: „Wir sind schließlich kein Volk mit einer weißen Weste“ (Foto:Concorde Film)

28. Mai 2011

Angst vor kritischen Themen hatte sie noch nie. Einmal wagte sich Margarethe von Trotta sogar an ein Drehbuch über die Mafia. Im Interview spricht die Regisseurin über die Idee zu dem Film, ihre Zeit in Italien und den Mut von heutigen Anti-Mafia-Autoren wie Roberto Saviano.

Frau von Trotta, sind Sie ein mutiger Mensch?

Ach, du liebe Zeit! Ich weiß nicht, ob ich mutig bin. Für mich sind gewisse Dinge vielleicht selbstverständlich, die andere für mutig halten.

Es zeugt von einer Menge Mut, in Italien einen kritischen Film über die Mafia zu drehen. 1992 führten Sie bei „Zeit des Zorns" Regie. Wie ist es dazu gekommen?

Ich lebte in Rom, als zwei der wichtigsten Staatsanwälte Italiens, Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, kurz nacheinander von der sizilianischen Mafia ermordet wurden. Der Film Zeit des Zorns ist als Reaktion auf diese schrecklichen Ereignisse entstanden. Ganz Italien war zunächst erstarrt vor Schrecken und Empörung über diese Gewalt. Wenn man Filmemacher ist, reagiert man auf bestimmte Ereignisse. Ich habe mich gefragt: Wie kann man reagieren, sich dagegen wehren? Wie kann man überhaupt weiterleben, ohne sich dagegen zu wehren? Wir hatten mit dem Film ein Mittel, diese Empörung auch öffentlich zu machen. So hat sich mein damaliger Freund, der Journalist Felice Laudadio, sofort hingesetzt und ein Drehbuch geschrieben.

Worum geht es in dem Film?

Im Grunde geht es darum, das lange Schweigen über die Mafia, deshalb der italienische Titel Il lungo silenzio, zu brechen. Im Film bangt die Protagonistin täglich um das Leben ihres Mannes. Der ist Staatsanwalt und untersucht eine Schmiergeldaffäre, in die Personen aus Justiz und Regierung verstrickt sind. Trotz Polizeischutz gelingt es der Mafia, ihn und seinen Kollegen zu ermorden. Anstatt nur zu trauern, ermutigt seine Frau die Frauen anderer Opfer, das Schweigen zu brechen und an die Öffentlichkeit zu gehen.

Kannte man Sie und ihre Arbeit in Italien?

Natürlich. Nachdem ich 1981 mit meinem Film Die bleierne Zeit alles an Preisen bei den Filmfestspielen in Venedig abgeräumt habe, bin ich in Italien sehr bekannt geworden und habe ein Angebot bekommen, eine moderne Version der Drei Schwestern von Tschechow zu drehen. Obwohl es nicht geplant war, bin ich anschließend in Italien geblieben, weil ich mich verliebt hatte und gleich ein neues Filmangebot bekam. Die ersten zwei Jahre habe ich von der italienischen Politik kaum etwas begriffen, aber Felice Laudadio, der politisch sehr interessiert und versiert war, hat mir erklärt, wie alles zusammenhängt. Als das mit den beiden Staatsanwälten geschah, war ich in die Gesellschaft, die Politik und in das Tagesgeschehen integriert, dass ich natürlich ähnlich reagiert habe wie die Italiener.

Stimmt es, dass Sie während der Dreharbeiten auch Schutzgeld zahlen mussten?

Nicht bei diesem Film. Zeit des Zorns haben wir extra in Rom gedreht und auch niemandem davon erzählt. Keiner wusste von dem Film, wir haben keine Interviews gegeben und nichts an die Presse weitergegeben, weil wir Angst hatten, dass wir bei den Dreharbeiten behindert werden. Schutzgeld mussten wir während den Dreharbeiten zu Die bleierne Zeit zahlen. Ein Teil des Films wurde in Sizilien gedreht, und im Drehbuch war auch eine Szene für Palermo vorgesehen. Während wir in Catania gedreht haben, merkte ich, dass wir diese eigentlich nicht mehr brauchten. Ich bin zu unserem Produktionsleiter gegangen, um ihm zu sagen, dass wir die Szene streichen. Er antwortete: „Ach, wie gut, dann brauche ich nicht noch eine zweite Mafia zu bezahlen.“

Wie waren die Reaktionen auf den Film?

Wir haben den Film in Palermo, in einem Kino mit 1.000 Plätzen, vorgestellt. Auf dem Weg dorthin hat uns der Fahrer erzählt, dass das Kino schon drei Mal von der Mafia niedergebrannt wurde. Bei uns ist zum Glück nichts passiert. Zur Vorstellung kamen auch ein paar Witwen von Mafiaopfern, die ihre Erfahrungen erzählt haben. Eine von ihnen, deren Mann und zwei Söhne umgekommen waren, stand auf und sagte ans Publikum gewandt: „Und ihr alle wisst, wer es war!“ Das war natürlich ein schockierender Moment. Denn uns allen war bewusst, dass auch an diesem Abend ein paar Spione der Mafia unter uns waren. Nach der Premiere hatten wir das Gefühl, dass der Film boykottiert wurde, da viele Kinos, die bereits zugesagt hatten, den Film zu zeigen, plötzlich abgesprungen sind.

Würden Sie sich heute auch noch trauen, einen kritischen Film über die Mafia zu drehen?

Ja, aber ich brauche immer einen persönlichen Grund. Damals war ich wirklich persönlich betroffen. Ich lebe seit 1995 nicht mehr in Italien und kenne mich daher nicht mehr so gut aus. Das sollen jetzt die machen, die wirklich etwas zu dem Thema zu sagen haben.

Wie Roberto Saviano, der mit seinem Buch „Gomorrha: Reise in das Reich der Camorra" die neapolitanische Mafia herausgefordert hat.

Genau, Sie haben mich nach Mut gefragt, Roberto Saviano ist wirklich ein mutiger Mann. Er kennt sich unglaublich gut aus und konnte in seinem Buch die Machenschaften der Camorra präzise beschreiben. Sowohl seine Artikel als auch seine Fernsehsendung Vieni via con me (Komm fort mit mir) sind für Italien epochal. Wir haben damals mit Zeit des Zorns ja nur auf die Morde reagiert, konnten aber kein internes Wissen weitergeben.

Warum ist es so wichtig, dass Menschen über die Mafia berichten? Was kann Kunst in diesem Kontext bewirken?

Ich bin nicht überzeugt, dass Kunst etwas bewirken kann. Aber wenn man Künstler ist und sich für seine Zeit und seine Umwelt interessiert, fühlt man sich natürlich verpflichtet, das was man wahrnimmt, auch wiederzugeben.

Während einer Parteiveranstaltung in Rom im Jahr 2009 sagte Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi, er wolle die Anti-Mafia-Autoren „erwürgen“, weil sie ein schlechtes Bild auf Italien würfen. Was sagen Sie dazu?

Das überrascht mich überhaupt nicht. Es ist ja bekannt, dass ihm Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden. Zu Berlusconi braucht man wirklich gar nichts mehr zu sagen ...

Ist die Mafia ein italienisches Problem?

Nein, in Deutschland passieren auch genug Verbrechen dieser Art, siehe Duisburg 2007. Es agieren viele dieser Gesellschaften auch bei uns, und gegen die muss man vorgehen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir Deutschen ein bisschen überheblich auf die Italiener blicken – aber wir sind schließlich auch kein Volk mit einer weißen Weste.

Das Interview führte Caroline Meurer



In Zusammenarbeit mit Libera. Associazioni, nomi e numeri contro le mafie organisiert das Goethe-Institut Rom die Veranstaltungsreihe Die Verantwortung der Helden: Kampf gegen die Mafia, in der Personen und Organisationen im Zentrum stehen, die sich in ihrem täglichen Leben der Mafia entgegenstellen: Journalisten, Künstler, Ermittler und Staatsanwälte aus Italien und Deutschland. Am 31. Mai 2011 wird als Abschluss dieser Reihe der Film Zeit des Zorns gezeigt. Anschließend findet eine Diskussion mit Margarethe von Trotta und Felice Laudadio statt.
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