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Wim Wenders im Interview: „Nichts hat mich so oft gerettet wie Musik“

Donata WendersCopyright: Wim Wenders
Filmszene aus „Pina“: „Mit der Kamera im Königreich der Tänzer“

15. April 2011

In das erste Pina-Bausch-Stück musste man ihn noch zerren. Jetzt hat Wim Wenders der Künstlerin ein Denkmal gesetzt – den Film Pina. Auf Einladung des Goethe-Instituts präsentiert er ihn in Sydney nun auch dem australischen Publikum. Im Interview spricht der Regisseur über 3D, Tanz und Trauerarbeit.

Ganz ehrlich, Herr Wenders: Bis wann haben Sie noch gedacht, dass 3D eine neckische Spielerei für Hollywoods Blockbuster-Regisseure sei?

Ganz ehrlich: Nie! Ich hatte schon 2007 einen ersten Blick erheischt auf die neue digitale 3D Technik, mit einem Vorläufer, dem Konzertfilm U2 in 3D, und da war ich vom ersten Moment an aufgeregt. Nicht, weil der Film mich vom Sockel gerissen hatte – das war technisch noch recht rudimentär, und die Musik kannte ich gut genug – sondern weil ich gespürt habe: Da geht was ab! Zu dem Zeitpunkt gab es ja noch gar kein Blockbuster-Kino in 3D, da war diese neue Sprache noch eine reine Behauptung, eher ein Wunsch, denn ein konkretes Versprechen. Aber das hat mir genügt. Hier lag zumindest die Antwort auf meine langjährige Frage, wie man denn die Kunst der Pina Bausch auf eine grundsätzlich andere, nämlich angemessenere Weise auf die Leinwand bringen könnte. So könnte das gehen! Mit dieser großen Tür, die sich da auf der Leinwand in den Raum hinein öffnete. Aber es stimmt, dass die großen Studios sich dieser Technik bemächtigt haben – auch erst mal eine Geldfrage – und dass die dann damit nicht mehr anzufangen wussten als „Spielereien“ zu produzieren, oder besser gesagt: eine neue Hauptattraktion. Und als solche hat ihnen diese neue Sprache gereicht. Damit allein war ja schon viel Geld zu verdienen, mit den Geisterbahneffekten.

Ändert das dreidimensionale Filmen die Arbeit eines Regisseurs grundlegend oder merkt man die neue Technik erst dem fertigen Produkt an – vergleichbar neuen Sound-Möglichkeiten wie Stereo oder Dolby Surround?

Wenn 3D nicht grundlegend was an der Arbeit verändert, von Beginn an, hat man sich keine großen Gedanken gemacht oder überhaupt was falsch gemacht. Man inszeniert ja nicht mehr für die Leinwand! Die gibt es ja nicht einmal mehr. Vielmehr schaut man hindurch bis zum Horizont, und sogar vor der Leinwand kann sich etwas befinden. Die Leinwand ist wirklich ein Fenster geworden. Ein Mensch hat nicht mehr eine zweidimensionale Fläche als Körper, sondern ein Volumen, eine Aura. Man betritt im wahrsten Sinne des Wortes den Raum. Um das gut zu machen, muss man sozusagen „Raumforschung“ betreiben. Und man muss etwas von der Physiologie verstehen, wie zwei Augen räumlich sehen und wie zwei Kameras diese so gut wie möglich nachmachen können. Sonst kann 3D auch auf den Geist gehen, beziehungsweise auf die Augen. Wir haben versucht, ein ganz natürliches Raumgefühl zu erzeugen, kein effekthascherisches.



Sind Sie jetzt „angefixt“?

Das kann man wohl sagen! Schwer, wenn nicht unmöglich, da jetzt zurückzugehen. Wir haben ja gerade mal an der Oberfläche gekratzt. Nicht mal angefangen, eine Geschichte zu erzählen.

Wo sehen Sie die Zukunft des 3D-Films?

Vor allem da, wo es noch nicht stattgefunden hat, im Dokumentarfilm und im unabhängigen Filmemachen, im Autorenfilm. Im Animationsfilm und auch im Blockbuster-Kino ist es ja nicht mehr wegzudenken. Aber gerade da wird 3D nicht für seine eigentliche Qualität genützt: nämlich die Welt anders zu sehen, die Zuschauer anders in das Leben oder die Arbeitswirklichkeiten anderer Menschen mitzunehmen.

Sie porträtieren gerne Künstler. Vor dem Wuppertaler Tanztheater waren es der Buena Vista Social Club, Wolfgang Niedecken, Ihre Blues-Helden, Yohji Yamamoto – wie kam es zu diesem Faible?

Ich finde, dass es kaum ein aufregenderes Feld gibt heute, wo auf dem Planeten (fast) alles entdeckt ist, als die Kreativität des Menschen. Da sind noch wirkliche Abenteuer und Überraschungen möglich.

Sind es vielleicht in gewisser Weise auch Selbstporträts – der Blick auf seelenverwandte Künstler?

Hm. Eigentlich ist es das Spannendste, jemand anderen zu entdecken, eben nicht sich selbst. Wenn man Spielfilme dreht und Geschichten erzählt, holt man die ja aus sich selbst heraus, gibt was von sich preis, er-findet man. Im Dokumentarfilm interessiert mich das genaue Gegenteil: Dass ich etwas finde. Eben nicht mich selbst.

Oder verbirgt sich in Ihnen ein Musiker, der sich hier austobt? Schließlich geht es meistens um Musik.

Copyright: Donata Wenders
Filmemacher Wenders: „Pina hat uns unsere ureigenste Sprache – wieder – zugänglich gemacht: die Sprache der Körper“ (Foto: Donata Wenders)
Ich liebe Musik über alles. Viele Arten von Musik. Nichts hat mich so oft gerettet und inspiriert wie Musik. Ohne Blues und Rockmusik hätte ich nie Zugang zu meiner eigenen Kreativität gefunden, mir nie was zugetraut. Mit meinen Musikfilmen habe ich oft auch nur meinen Lieblingsmusikern ein Denkmal errichten wollen, oder etwas zurückgeben. Und außerdem darf man nicht vergessen: Wenn man etwas richtig mag, oder über alles liebt, dann kann man darüber ganz anders reden. Dann will man, dass sich das im besten Licht zeigt. Und das ist eine gute Grundhaltung, finde ich, um einen Dokumentarfilm zu machen. Einer Sache die Ehre erweisen.

Wie war es mit Pina Bausch? Wann kam zum ersten Mal die Idee einer Zusammenarbeit auf? Und wer von Ihnen beiden hatte sie?

Ich habe damit angefangen, in jugendlichem Leichtsinn und voll der größten Bewunderung, als ich Pinas Arbeit zum ersten Mal gesehen habe. Das war 1985, in Venedig, an Hand einer Retrospektive, die es da für Pina gab. Da habe ich mich in ein Stück des Tanztheaters schleppen lassen. „Muss das denn sein!? Ich habe mit Tanz doch nichts am Hut.“ Zehn Minuten, nachdem Café Müller angefangen hat, saß ich auf meiner Stuhlkante, habe Rotz und Tränen geheult und wusste: so was Ungeheures habe ich noch nie gesehen. Mich hat noch nie etwas so berührt auf einer Bühne, mich ist nie etwas so angegangen. Ich habe in den folgenden Tagen auch alle anderen Stücke gesehen, die da gespielt wurden, und das Glück gehabt, Pina selbst kennenzulernen. Bei unserem ersten Treffen habe ich schon von einem Film geredet, den wir beide unbedingt einmal machen müssten. Pina hat nichts gesagt, nur mysteriös gelächelt und sich eine neue Zigarette angezündet. Hatte sie mich überhaupt gehört? War das anmaßend von mir gewesen? Ich war nicht sicher. Aber als wir uns das nächste Mal gesehen haben, ein oder zwei Jahre später, da hat Pina von sich aus gesagt: „Du hast doch von einem Film geredet. Hast du das ernst gemeint!“ Und allmählich war dann eher Pina die treibende Kraft ...

Eigentlich sollte der Film ein gemeinsames Werk von Ihnen und Pina Bausch werden. Doch als es hätte losgehen sollen, verstarb Pina Bausch ganz plötzlich. Später haben Sie sich gemeinsam mit den Tänzern entschlossen, trotzdem einen Film zu machen. Was hat dafür den Ausschlag gegeben?

Vor allem, dass mir klar geworden ist, wie sehr Pina sich gewünscht hatte, dass wir für die Stücke, die sie ausgesucht hatte, eine andere filmische Sprache finden würden, dass sie „gut aufgehoben“ wären, wie Pina sich ausgedrückt hat. Sie müssen sich vor Augen halten: das Tanztheater ist eine sehr zerbrechliche, vergängliche Sache. Ein Stück gibt es nur, wenn es aufgeführt wird. Es kann nicht aufgeschrieben und von einem anderen Theater gespielt werden. Pina hat im Lauf der Zeit 40 Stücke geschaffen! Und neben einem neuen Stück, was sie jedes Jahr gemacht hat, hat sie außerdem noch ihr ganzes Repertoire, alle 40 an der Zahl, am Leben gehalten, ständig wieder aufgeführt, neu besetzt, neu einstudiert, um diese Stücke am Leben zu halten. Das war eine wirkliche Sisyphus-Arbeit. Das war auch Pinas Hauptinteresse an unserem Film: dass wir dabei eine Sprache finden würden, die ihren Stücken angemessen war, und sie somit auf eine gültige Weise aufzeichnen könnten. Und das schien mir erst durch das 3D möglich. Erst da war ich mit meiner Kamera auf Augenhöhe, im Königreich der Tänzer selbst, in ihrem Element, dem Raum. Als ein paar Monate nach Pinas Tod die Tänzer anfingen, diese Stücke zu proben, die Pina für den Film auf den Spielplan getan hatte, da wurde mir klar, dass es unverzeihlich war, nicht dabei zu sein. Man musste sich nur auf einen ganz anderen Film einlassen! Den Film mit Pina konnten wir nicht mehr machen, aber einen für Pina. Das war dann unser gemeinsamer Entschluss.

Der Film war also auch ein Stück eigene Trauerarbeit für Sie und die Tänzer? Welche Bedeutung spielte dabei das Publikum?

Ja, das war eine Trauerarbeit. Aber nicht immer eine traurige Arbeit. Pina hat viel und gern gelacht. Und auch durchaus in ihren schwersten Zeiten ihre leichtesten Stücke geschaffen. Das war auch ein Vorbild für uns. Das Publikum? Für die war ja alles gemacht, für die hat Pina ja ihre Maxime aufgestellt: „Wir müssen tanzen!“ Um dem Publikum etwas zu zeigen. Um ihnen zu zeigen, was für eine Kraft, ja auch heilende Kraft, in der Sprache der Körper liegt. Pina hat den Tanz ja aus dem klassischen Olymp des Balletts herausgeholt und der Menschheit zurückgeschenkt als etwas, was ihnen selbst gehört, nicht nur den Modellathleten. Bei Pina tanzen keine idealisierten Gestalten, sondern wirkliche Menschen: dicke und dünne, kleine und große, junge und alte.

An wen richtet sich der Film in erster Linie? An die, die sich erinnern wollen, oder an die, die noch nie eine Aufführung von Pina Bausch gesehen haben?

All die, die denken, dass Tanz nicht für sie ist, das ist meine Zielgruppe. So einer war ich auch, bis Pina mich eines Besseren belehrt hat. Der Film läuft ja schon seit Wochen mit riesigem Erfolg in Deutschland, und jetzt auch in Frankreich, und der Großteil des Publikums hat nie das Privileg gehabt, ein Stück von Pina live zu sehen.

Haben Sie mit „Pina“ nicht auch ein bisschen das Unmögliche versucht: etwas festzuhalten, was eigentlich nur im Moment existieren kann?

Das ist im Kino nicht unmöglich! Ich habe ja auch lange gedacht, das Kino ist erfunden worden, um die sichtbaren Dinge zu zeigen. „Der Film als die Rettung der Wirklichkeit“. Aber dann habe ich eines Tages begriffen, dass der Film viel mehr konnte: er konnte das Unsichtbare sichtbar machen.

Die meisten Deutschen denken bei Wuppertal an einen Elefanten, der aus einer Schwebebahn fällt, und wollen dort vielleicht noch mit dem Papst eine Herrenboutique aufmachen. Ihnen als Düsseldorfer ist die Stadt vertrauter. Außerdem wurde Ihr Spielfilm „Alice in den Städten“ zu einem großen Teil hier gedreht. War dieser gemeinsame Bezug zur Stadt Wuppertal wichtig für „Pina“?

Das ist eine völlig zu Unrecht verkannte Stadt, mit ganz zauberhaften Zügen. In Wuppertal sind mehr Erfindungen gemacht worden als irgendwo sonst. Das war einmal eine reiche Stadt. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist es Wuppertal so gegangen wie vielen anderen klassischen Industriestädten. Aber allein schon die Schwebebahn! Ein traumhaftes Verkehrsmittel. Gebaut im gleichen Jahr wie der Eiffel-Turm! Und sieht auch so aus, als ob den jemand auseinandergeschraubt und der Länge nach wieder aufgebaut hätte. Für eine 3D Kamera gibt’s kein besseres Verkehrsmittel, als mit freier Sicht nach unten durch eine Stadt zu schweben.

Beim Festival of German Films Fest feiert der Film nun seine Australien-Premiere. Glauben Sie, die Resonanz hier wird sich von der in Deutschland unterscheiden? Ist Pina Bausch universell begreifbar?

Ich glaube, dass kaum je ein Film so universell begreifbar war. Und das liegt an Pinas Kunst. Sie hat uns unsere ureigenste Sprache – wieder – zugänglich gemacht: die Sprache der Körper. Mit einer ungeheuren Lebensfreude, und mit einem ungeheuren Reichtum der Formen. Was könnte im wahrsten Sinne des Wortes allgemeinverständlicher sein?

Pina Bausch war keine Frau großer Worte. Wie hätte sie Ihnen wohl zu verstehen gegeben, dass sie mit Ihrem Film zufrieden ist?

Mit einem Lächeln. Ein Blick hätte gereicht. Pinas Augen haben alles erzählt, was sie so ungern in Worte gefasst hat.

-db-

Gemeinsam mit der Vermarktungsagentur German Films präsentiert das Goethe-Institut Australien vom 6. bis 18. April das zehnte Audi Festival of German Films. Stargast wird in diesem Jahr Wim Wenders sein. Am 17. April stellt er in Sydney seinen Berlinale-Erfolg Pina – Tanzt, tanzT, sonst sind wir verloren vor.
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