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Zum Tod von Juliano Mer Khamis: Theatermann, Bruder und Visionär

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Freiheitskämpfer Mer Khamis: Die Kulturszene ist im Schock (Foto: R.Arnold/Centraltheater)

9. April 2011

Selten sind so viele Israelis und Palästinenser in Trauer vereint wie nach dem Mord an Juliano Mer Khamis. Am 4. April hat der Nahe Osten einen Hoffnungsträger und das Goethe-Institut einen guten Freund verloren. Von Joerg Schumacher

Juliano Mer Khamis ist tot. Gerade einmal 52 Jahre alt, wurde der israelische Theatermacher am 4. April vor den Augen seines kleinen Sohnes erschossen. Und mit ihm starb auch ein Fünkchen des im Nahen Osten ohnehin knapp bemessenen Gutes Hoffnung. Um den „Brückenbauer zwischen all den kaputten Stühlen“ trauert die Süddeutsche Zeitung, „das Herz von Jenin schlägt nicht mehr“, schreibt der Tagesspiegel.

Entsetzen und Trauer – das war auch die Reaktion am Goethe-Institut, als wir von dem Mord erfuhren. Mer Khamis war Freund und Projektpartner zugleich. Das Goethe-Institut hat gemeinsam mit dem Freedom Theatre, dessen Leiter und Gründer Mer Khamis war, regelmäßige Projekte wie zum Beispiel einen Bühnenbild-Workshop mit dem deutschen Bühnenbildner Florian Etti veranstaltet. Am Abend seiner Ermordung sollte ein zehntägiger Filmworkshop in Jenin mit Filmemachern aus Deutschland beginnen. Einen Tag vorher hatte Mer Khamis in Ramallah mit Ionescos Die Stühle das Al-Kasaba-Theaterfestival eröffnet.

Als Sohn der israelischen Jüdin Arna Mer und des christlichen Palästinensers Saliba Khamis symbolisierte der 1958 in Nazareth geborene und aufgewachsene Juliano Mer Khamis wie kein Zweiter die Zerrissenheit dieses Landes. Die palästinensische und israelische Kulturszene ist im Schock.

Sein Tod bedeutet einen unermesslichen Verlust für alle, die an die Freiheit der Kunst und friedlichen Widerstand in den besetzten Gebieten glauben. Fest davon überzeugt, dass politische Freiheit, Freiheit des Individuums, Freiheit der Kunst und Gleichberechtigung der Geschlechter einander bedingen, stand Mer Khamis für das Beste in der israelischen wie in der palästinensischen Gesellschaft.

Das Freedom Theatre, das Juliano Mer Khamis 2006 im Flüchtlingslager Jenin gegründet hat und mit dem er die Arbeit seiner Mutter Arna in der palästinensischen Stadt fortsetzte, war viel mehr als ein Theater. Eine Insel der Kreativität in einer Umgebung mit wenig Hoffnung, eine Plattform mit Angeboten in den Bereichen Film, Theater, Computerkursen, einer eigenen Zeitschrift und vielem mehr. Für viele Kinder und Jugendliche des Flüchtlingslagers war das Freedom Theatre eine zentrale Anlaufstelle, an der sie zum ersten Mal mit Kunst und Kultur in Verbindung kommen konnten.

Juliano überwachte als großer Bruder mit Engagement, Verständnis und Autorität die Aktivitäten seiner Schützlinge. Mit Charisma und einer faszinierenden Mischung aus Männlichkeit und Sensibilität hat Mer Khamis sein Publikum auf der Bühne und im Leben begeistert. Mit der Leidenschaft eines Visionärs hat er Jenin in der internationalen Theaterszene platziert und seinen Schülern, Kollegen und Partnern Perspektiven eröffnet.

Die Folgen der Ermordung von Juliano Mer Khamis sind noch nicht absehbar. Jetzt ist die Zeit der Trauer. In den kommenden Wochen wird das Theater entscheiden müssen, wie es die Arbeit von Juliano Mer Khamis weiterführen kann. Das Goethe-Institut ist entschlossen und bereit, es auf diesem steinigen Weg zu begleiten.
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