Goethe aktuell

Westjordanland: Literatur auf Rädern

Heidi GuttzeitCopyright: Heidi Guttzeit
Der Bibliobus nach seiner Ankunft in der Peter-Nettekoven-Schule in Beit Sahour: Die ersten Schüler begutachten den Bus (Foto: Heidi Guttzeit)

10. Mai 2011

Wo es keine Büchereien gibt, müssen die Bücher eben zu den Kindern kommen. Im Westjordanland hat das Goethe-Institut jetzt Literatur ins Rollen gebracht – mit dem Bibliobus. Ein Tagesbericht von Hanne Bohmhammel

„7.45 Uhr“ schreibt Jonas Witsch ins Fahrtenbuch des Bücherbusses. „Von: Ramallah, Goethe-Institut, Nach: Beit Sahour, Peter-Nettekoven Schule“ steht im Feld darüber. Jonas sitzt auf dem Fahrersitz des bunt bedruckten Bibliobusses. Hinter ihm lagern in zwei Regalen über tausend deutsche, arabische und französische Bücher an der linken Buswand, verdeckt von grauen Rollgittern. Ich setze mich neben Jonas auf den Beifahrersitz. Er dreht den Zündschlüssel. Wir verlassen den Hof des Deutsch-Französischen Kulturzentrums in Ramallah, wo vor zwei Jahren die Idee einer mobilen Bibliothek entstanden ist, die palästinensische Kinder und Jugendliche trotz Reisebeschränkungen zwischen Städten wie Nablus, Ost-Jerusalem, Ramallah und Bethlehem mit Literatur versorgt. „Wenn die palästinensischen Kinder nicht in die Bibliotheken kommen können, dann muss die Bibliothek eben zu den Kindern“, so Joerg Schumacher, der Leiter des Goethe-Instituts, das in Ramallah zusammen mit dem französischen CCF als deutsch-französisches Kulturzentrum arbeitet.

8.15 Uhr: Frische Luft strömt durch das offene Busfenster herein. Die Stimme der libanesischen Sängerin Fairouz dröhnt auf die Landstraße hinaus. Wir haben noch über eine Stunde Zeit, um an die Schule in Bethlehem zu kommen. Vor uns liegen 50 Kilometer Serpentinen und zwei Checkpoints. „Jede Woche fahren wir zweimal um Jerusalem herum“, erzählt Jonas. „So vermeiden wir lange Wartezeiten und mögliche Busdurchsuchungen am Übergang zwischen dem Westjordanland und Israel.“ Jonas Witsch arbeitet seit drei Monaten als Koordinator für das Bücherbus-Projekt, kümmert sich um die Kontakte zu Schulen und Lehrern, das Ausleihsystem, den Medienbestand und ist nach fast zweijähriger Projektplanung der Erste, der diesen Bus wirklich fährt. Bevor der bunte Bus auf palästinensischen Straßen unterwegs sein konnte, hat er schon eine lange Reise hinter sich. In Frankfurt am Main hatte sie begonnen, von Hamburg aus ging es dann über den Seeweg bis zur israelischen Hafenstadt Ashdod, wo der Bus noch eingehend vom Zoll untersucht wurde – ein paar Monate lang. Seit Februar ist er endlich in Ramallah.

8.30 Uhr: Stop. Go. Stop. Go. Weit vorne strahlt ein weißes Häuschen in der Sonne. Davor stehen zwei junge Männer in israelischer Uniform. Auto für Auto kontrollieren sie Ausweise, Fahrzeuge und Menschen. Normalerweise müssen wir hier nicht lange warten. Da wir nur von einer Stadt in die andere innerhalb des Westjordanlands fahren, sind die Kontrollen nicht so streng. „Shalom“, „Shalom“. Jonas reicht unsere roten Reisepässe und die weißen „Botschaftskärtchen“ durchs Fenster. Er soll kurz aussteigen und die hintere Klappe aufmachen. Als ich von innen die Rollläden vor den Regalen hochziehe, grinsen die beiden Check-Point-Soldaten. Alles voller Kinderbücher. Der Kleinere von ihnen streckt den Daumen in die Höhe. Jonas winkt.

Willkommen: Ansturm auf den Bibliobus (Foto: Jonas Witsch)
10.40 Uhr: „Es tut uns wirklich leid, dass wir zu spät sind“, meint Jonas zu Frau Saif, Deutschlehrerin an der Peter-Nettekoven-Schule in Beit Sahour. „Ach, das macht gar nichts. Wir sind das gewöhnt.“ Lächelnd schüttelt sie uns die Hände. „Hier weiß man nie, wie lange man braucht.“ Sie lässt das Schultor für uns öffnen. Gerade ist Große Pause. Zwischen Hunderten von Schülern fahren wir im Schritttempo über den asphaltierten Pausenplatz. Kinder hämmern von außen an den Bus. Auf den Straßen Ramallahs ist es leiser und ungefährlicher.

10.57 Uhr: „Wie heißt du?“ „Wie heißt du?“ dröhnt es von allen Seiten. Jonas steht vor dem Bus und ist von Kindern in roter Schuluniform umringt. „Ich heiße Jonas und bin vom Bibliobus. Und ihr?“ „Ich heiße Samira“ „Ich heiße Chenri“ „heiße Abbia“ „Heather“ „Mohammed“ „Ali“ „Maria“. Alle möchten gleichzeitig mit ihm sprechen. Doch dann ertönt der Gong. Die Pause ist zu Ende.

11.05 Uhr: Wir bereiten den Bus für den Bibliotheksbetrieb vor: Wir schalten den außen angebrachten Fernseher ein und stellen kleine, weiße Tische mit bunten Stühlchen vor den Bus. Es ist geöffnet. Genauso, wie Samira Safadi sich das vor zwei Jahren vorgestellt hatte, als sie begann, das Projekt zu planen. „Die Bewegungsfreiheit hier ist mit den Checkpoints und der über 700 Kilometer langen Sperranlage, die das Westjordanland von Israel trennt, stark eingeschränkt“, so die Bibliotheksleiterin am Goethe-Institut Ramallah. „Deshalb bringen wir unsere Bücher zu den Menschen.“

11.15 Uhr: Jonas wartet vor dem Bus auf Lehrerin Saif, die gerade mit ihrer 7. Klasse Richtung Bus marschiert. Ich sitze auf dem um 180 Grad gedrehten Beifahrersitz vor einem braunen Holztisch im Bus. „Hallo! Ich bin Jonas, und das ist der Bibliobus“, erklärt er den zwölf- und dreizehnjährigen Schülern, die ihn umringen. Während er ganz langsam auf Deutsch spricht, zeigt er erst auf sich, dann auf den Bibliobus.“ Wir haben Bücher auf Deutsch, Französisch und Arabisch dabei, die ihr euch ausleihen könnt. Dafür geht ihr in den Bus, sucht euch ein Buch aus und geht nach vorne zu Hanne“, seine Hand schwenkt in meine Richtung, „dort sagt ihr euren Namen und den Namen des Buches, das ihr ausleihen wollt. Schon geht das Gedränge los.

Spannende Lektüre: Hanne liest mit Schülerinnen (Foto: Jonas Witsch)
11.40 Uhr: Es ist still um mich herum. Überall sitzen Schüler mit Büchern in der Hand und lesen. Manche an den Tischen, andere im Kreis auf dem Boden und wieder andere vereinzelt im Schatten auf den Treppenstufen des Schuleingangs. Auch die Deutschlehrerin ist überrascht: „Eigentlich sind meine Klassen richtig wild. Ich hätte nicht gedacht, dass die Kinder so ruhig und vertieft sein können.“ Doch in ein paar Minuten ist die Stunde schon vorbei und die nächste Klasse im Anmarsch. Mit ihren Büchern unterm Arm stiefeln die Kinder von Frau Saif davon.

13.31 Uhr: Der Hausmeister öffnet das Schultor für uns. „Bist du in Facebook? Dürfen wir deine Freunde sein?“ Drei Schüler stehen vor Jonas, als er gerade in den Bus einsteigen will. „Maha salame, Jungs! Bis in zwei Wochen!“, verabschiedet er sie.

„15.05 Uhr“, schreibt Jonas ins Fahrtenbuch. Wir sind zurück in Ramallah. Der Bus müsste für den nächsten Tag vorbereitet werden, aber das muss warten. Unsere Mägen sind so leer wie die Bücherregale. Jonas knallt die Bustür zu. Die fliegende Bücher-Biene, die auf die Außenseite des Busses aufgemalt ist, zittert. Morgen fliegt sie weiter.


Die Autorin studiert an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft. Sie hat das Bibliobusprojekt als Praktikantin kennengelernt. Der Bus ist ein Projekt des Goethe-Instituts, das vom deutsch-französischen Kulturzentrum in Ramallah zusammen mit dem Tamer Institute for Community Education betrieben wird, mit freundlicher Unterstützung aus dem Fonds Elysées, des Quattan Center for the Child sowie Mercedes Benz.

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