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Frauen in Marokko: Die Minztee-Revolution

Khalil NemmaouiCopyright: Khalil Nemmaoui
„Happy Hour“ im Café in Salé: Marokkos Frauen erobern den öffentlichen Raum (Foto: Khalil Nemmaoui)

10. Juni 2011

Bis Ende Februar blieb es ruhig in Marokko. Ruhiger zumindest als bei den nordafrikanischen Nachbarn. Die Demokratieversprechungen von König Mohammed VI. wurden zwar nur bedingt eingelöst. Aber eine wichtige gesellschaftliche Bewegung kam in Gang – die der Frauen. Von Elisabeth Wellershaus

Rabat am frühen Freitagmorgen. Die geschäftige kleine Hauptstadt erwacht langsam. Blaue Taxis drängeln sich durch die Seitenstraßen auf den Boulevard Mohammed V. Die grelle Januarsonne spiegelt sich auf den Waggons der neuen Trambahn. Frühaufsteher, Zeitungsleser und Sonnenanbeter sitzen beim Frühstück. Das Café Le Pacha liegt auf einem kleinen Platz, dem Hauptbahnhof direkt gegenüber. Lässig räkeln sich die Gäste auf ihren Plastikstühlen. Die marokkanischen Männer kühlen mit geübtem Griff ihren Minztee. Die Ausländer blättern in internationalen Zeitschriften, die am Straßenrand des Boulevards verkauft werden. Dort sieht das Treiben ähnlich aus. Männer frequentieren die Cafés. Frauen stehen hinter den Tresen und blicken wachsam auf ihre Kundschaft.

Das Café gilt in Marokko als wichtiger Ort des Austausches. Immerhin wurden in den Cafés von Tanger einst Geheimdienstinformationen gehandelt, die nationalistische Partei Istiqlal gegründet und die Zeitung La Voix du Maroc entworfen. Frauen hatten dort nichts verloren. Auch heute lassen sich Cafés, in denen Frauen verkehren, an einer Hand abzählen. Vor allem die überwiegend traditionellen Cafés sind fest in Männerhand. „Es gibt doch sowieso nur drei Sorten Frauen, die ins Café gehen“, sagt Naima Zitane, zwinkert verschmitzt und drückt ihre Zigarette aus. „Eine Frau, die in der Öffentlichkeit raucht, hohe Absätze und starke Schminke trägt, ist eine Prostituierte. Eine, die sich im teuren Kostüm und mit Laptop ins Café setzt, ist Ausländerin. Und eine, die sich besonders extrovertiert gibt, laut lacht oder singt, ist verrückt.“ Die Theaterintendantin lacht ihr schepperndes Lachen. Zitane ist groß, kräftig, trägt ihre schwarzen Haare ultrakurz und wirkt, als könne ihr kaum etwas Angst machen. Aber auch sie hält sich nur in einigen wenigen Cafés auf, die sie gut kennt.

Seit Jahren kämpfen Marokkanerinnen in den großen Städten erfolgreich für ihre Rechte. Sie haben sich wichtige Positionen in öffentlichen Institutionen wie Universität und Parlament erkämpft. Und mit Unterstützung von König Mohammed VI. sogar erreicht, dass das Familiengesetz zu ihren Gunsten geändert wurde. Aber den einen traditionellen Raum haben sie sich noch nicht erschlossen. „Schluss damit“, forderten nun Frauen wie Naima Zitane und taten sich mit dem Goethe-Institut in Rabat zusammen. Mit vereinten Kräften wollen sie in den Cafés des Landes den performativen Aufstand proben.

Herzlich unwillkommen

„Es kann nicht sein, dass Männer uns in der Öffentlichkeit immer noch das Gefühl geben, wir seien unerwünscht“, schimpft die Theaterwissenschaftlerin Amal Ben Haddou beim Mittagessen im Goethe-Institut. „An keinem Café steht, dass der Zutritt für Frauen verboten wäre. Willkommen ist man trotzdem nicht.“ Die jüngeren Mädchen, die mit ihr am Tisch sitzen, blicken schüchtern zu Boden. Zwei ältere Schauspielerinnen nicken kampflustig. Das Projekt Happy Hour kommt langsam ins Rollen.

Angefangen hatte es mit ein paar informellen Gesprächen. Künstlerinnen, Journalistinnen und Frauenrechtlerinnen hatten darüber geklagt, von der klassischen Cafétradition ausgeschlossen zu werden. Und Wolfgang Meissner, Leiter des Goethe-Instituts in Rabat, hatte schnell reagiert. Man tauschte sich aus, wägte ab, plante. Das Goethe-Institut engagierte den Theaterregisseur Mohammed El Hassouni und den Choreografen Khalid Benghrib, die das Projekt künstlerisch begleiten sollten. Und schließlich entschieden die Frauen sich für performative Interventionen, mit denen sie in den Cafés von Salé und Casablanca für Aufruhr und Austausch sorgen wollten.

In Salé, der ältesten Stadt am Atlantik, wirken die glänzenden Waggons der neuen Tramlinie etwas verloren. Ab März soll der Verkehr mit Rabat angekurbelt werden. Ansonsten erinnert hier wenig an die blitzsaubere Effizienz der administrativen Hauptstadt. Frauen mit zerbeulten Einkaufskörben huschen durch die staubigen Straßen, keine einzige ohne Schleier. Salé gilt als Hochburg der Islamisten. Die Stadt ist arm, die Arbeitslosenrate hoch, die gesellschaftlichen Strukturen sind starr. In diese Umgebung platzt am Freitagnachmittag sehr unvermittelt eine Gruppe von acht Frauen. Das Café France liegt an einer großen, stark befahrenen Straße. Dicht an dicht stehen die Tische in einer kleinen Fußgängerpassage, fast alle Stühle sind auf den großen Flachbildfernseher ausgerichtet. Es läuft Fußball.

Die Damen legen ab

Plötzlich mischen sich ungewohnte Geräusche unter den monotonen Moderatorensingsang. Ein paar Frauen drängen in die Mitte des Cafés, nehmen auf den wenigen freien Stühlen Platz und winken den Kellner heran. Die Männer in der kleinen Wettkneipe staunen nicht schlecht. Als schließlich noch zwei ältere Damen in Theaterkostümen auftauchen, sieht niemand mehr auf den Bildschirm. Ungläubig wird die Gruppe begutachtet, die da lautstark bei Minztee und Orangensaft diskutiert, lacht und herumalbert.

Mittlerweile recken sich in den angrenzenden Läden ein paar Hälse in Richtung Café France. Die beiden älteren Damen sind dabei, sich auszuziehen. Ein Kellner eilt herbei, versucht sie aufzuhalten, will das Schlimmste verhindern. Die Damen lächeln nur. „Wir tragen Jeans und Pulli drunter“, sagt Kenza Fridou freundlich. Aber die Männer können den Blick nicht abwenden. Unter anderem liegt das daran, dass sie das Gesicht der Schauspielerin aus Fernsehserien kennen. Darüber kommt man schließlich ins Gespräch. Und es dauert nicht lange, da hat sich die Frauenrunde um ein paar neugierige Männer erweitert. Man isst und trinkt zusammen, spricht über Gott, die Welt und über Fußball.

Beim Hereinkommen hatte Fridou noch gehört, wie die Männer über „die Prostituierten da“ tuschelten. Wenig später hört man einen verzückten älteren Mann im Gespräch mit dem Kellner: „Also ich finde es großartig, dass hier endlich mal was los ist. Wenn Sie mich fragen, dann sollten Frauen ruhig öfter ins Café kommen, mir sind die hier willkommen.“ Die Augen des Kellners leuchten. Auch die restlichen Gäste scheinen sich zu amüsieren. „Jeden Tag bräuchte ich das aber nicht“, meint einer. „Man kommt schließlich auch her, um sich von der eigenen Frau zu erholen.“

Die Gruppe gibt Sicherheit

Reaktionen auf die Frage, ob man die eigene Tochter oder Ehefrau im Café begrüßen würde, fallen entsprechend verhalten aus. Insgesamt aber scheint die Intervention gelungen, die Erwartungen der Frauen sind deutlich übertroffen worden. Auch am folgenden Tag in Casablanca geht die Performance überraschend glatt über die Bühne. „Manche Ängste existieren vielleicht doch nur in den Köpfen der Frauen“, sagt Naima Zitane. „Manche, aber eben nicht alle.“ Die Angst vor sexueller Belästigung ist durchaus begründet. Gerade im Café fühlen sich Frauen den Männern oft ausgeliefert. Andere spüren schon Feindseligkeit, wenn sie sich eine Zigarette anzünden. Und wieder andere haben einfach ein Problem damit, die Einzige unter Männern zu sein.

In der Gruppe fühlen die Frauen sich sicher. Alleine würden die meisten von ihnen noch immer nicht ins Café kommen. Zumindest nicht in Städten wie Salé, die für ihren Religionseifer bekannt sind. Nicht an Orten, wo viele Islamisten leben oder wo die PJD – die „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ – besonders stark ist. Denn gerade die hatte vor einigen Jahren mit großem Einsatz versucht, eine Änderung des Familiengesetzes zu verhindern. Glücklicherweise konnte sie sich nicht durchsetzen und das »Moudawana« wurde nach langem Kampf reformiert. So dürfen Frauen heute ohne Einwilligung männlicher Angehöriger heiraten, können Scheidungen beantragen und selbst ohne Partner adoptieren. Doch oftmals nur auf dem Papier. In der Praxis bleibt das Gesetz ein schönes Versprechen, das sich am Alltag von Frauen messen lassen muss, die sich nicht einmal alleine ins Café wagen.

„Das muss anders werden“, sagt der Choreograf Khalid Benghrib, der die Frauengruppe in Casablanca begleitet hatte. „Man muss einfach weiter provozieren und wachrütteln. Mit kreativen Mitteln bis an die Grenzen gehen – und dann noch ein Stück weiter.“ Vielleicht muss man darüber hinaus auch einfach Räume zur Begegnung schaffen. Das Goethe-Institut organisierte zum Weltfrauentag weitere Happy-Hour-Aktionen in verschiedenen Städten des Landes.

Die Teilnehmerinnen der ersten Runde sind schon einen Schritt weiter: Sie wünschen sich Frauencafés in Rabat und Casablanca. Vielleicht dürfte dann dort ja hin und wieder auch mal ein neugieriger Mann vorbeischauen.

Der Text stammt aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „Frauen“ (zum PDF). Auf Wunsch schicken wir Ihnen gern die Printausgabe des Magazins zu. Senden Sie uns einfach Ihre Adresse per E-Mail an heise@goethe.de.
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