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Auswärtige Kulturpolitik: Wie alles begann

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Befremdliche Selbstinszenierung im Jahr 1933: Generalsekretär Thierfelder mit Teilnehmern einer Fortbildung (Foto: privat)

6. Mai 2011

Vor 60 Jahren wurde das Goethe-Institut gegründet. Das war der Beginn einer großen Erfolgsgeschichte – aber nicht die Geburtsstunde der Auswärtigen Kulturpolitik, wie die Geschichte der 1925 gegründeten Deutschen Akademie zeigt. Ein Blick in die Vorvergangenheit. Von Matthias Bitzl

Man schrieb das Jahr 1878, als die Auswärtige Kulturpolitik in Deutschland begann. Zugegeben, das ist eine sehr großzügige Auslegung, aber immerhin wurden damals erstmals geringe Summen staatliche Gelder zur Finanzierung deutscher Auslandsschulen bereitgestellt. Sofern von Kulturpolitik gesprochen werden konnte, wurde sie jedoch ohne jegliche Strategie betrieben. Erst einige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges setzten sich umfassende Konzepte Auswärtiger Kulturpolitik durch: Im Ringkampf der Nationen dürfe Deutschland keinesfalls dem verfeindeten Nachbarn Frankreich unterliegen, hieß es; es sei an der Zeit, die deutsche Kultur ins Ausland zu bringen. Kulturpolitik wurde zu Kulturpropaganda.

Den Ambitionen des Deutschen Reichs setzte der Erste Weltkrieg ein jähes Ende. Unter den deutschen Intellektuellen verfestigte sich die Meinung, dass man den Krieg nur deshalb verloren habe, weil man seine Interessen der internationalen Öffentlichkeit zu ungeschickt präsentiert hatte. Wie könnte man also sowohl in Deutschland ein einheitliches kulturelles Bewusstsein vermitteln und gleichzeitig kulturelle Beziehungen zum Ausland pflegen? Die neugegründete Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes war hierzu vorerst kaum im Stande, gab es doch nach dem verlorenen Krieg weit wichtigere Dinge als Kultur.

So blieb diese Aufgabe vorerst privaten Einrichtungen vorbehalten: Lothar Freiherr von Ritter, ehemaliger bayerischer Gesandter in Paris, erdachte sich dafür eine in München ansässige Institution, die die innerlich zerrissene Nation einen sollte. In Anlehnung an die Académie française wählte er den Titel „Deutsche Akademie“. Am 5. Mai 1925 folgte schließlich die offizielle Gründung der „Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und Pflege des Deutschtums / Deutsch Akademie“. Als unabhängiger Verein verschrieb sich die Deutsche Akademie der Aufgabe, „ alle geistigen und kulturellen Lebensäußerungen des Deutschtums zu pflegen und die nicht amtlichen kulturellen Beziehungen Deutschlands zum Auslande und der Auslandsdeutschen zur Heimat im Dienste des deutschen Nationalbewusstseins zielbewusst zusammenzufassen und zu fördern.“

Die erste Ära Thierfelder

Hauptadressaten waren zu Beginn die Auslandsdeutschen in den Nachfolgestaaten der früheren Donaumonarchie und des Zarenreiches. Der erste Schritt in Richtung einer Auswärtigen Kulturpolitik war getan. Im Herbst 1929 stellte Georg Schreiber, Mitglied und Reichstagsabgeordneter der Zentrumspartei, den Antrag, die kulturpolitische Arbeit im Ausland in Zukunft vermehrt auf die nichtdeutschen Zielgruppen auszurichten – die Ära der Spracharbeit konnte beginnen. Schreiber schlug vor, den Schwerpunkt der Arbeit auf die Einrichtung privater Sprachkurse zu legen, eine Idee, die wesentlich auf die Initiative des Gründungsmitglieds und Generalsekretärs Franz Thierfelder zurückzuführen war:

Ein Jahr zuvor hatte er begonnen, den Stand des Deutschunterrichts im Ausland und den Status der deutschen Sprache zu untersuchen, und veröffentlichte seine Ergebnisse in einer Reihe von Aufsätzen. Dabei kam er zum Schluss, dass sich die deutsche Sprache trotz des verlorenen Kriegs unter den europäischen Völkern eines starken Interesses erfreue und bei aktiver Förderung noch eine große Zukunft vor sich habe. Mit der Ausrichtung auf die Vermittlung der deutschen Sprache stieß die Deutsche Akademie somit in eine kulturpolitische Nische vor, in der man nicht die Konkurrenz der zahlreichen anderen privaten Kulturorganisationen fürchten musste – eine finanzielle Unterstützung durch das Auswärtige Amt schien somit gesichert. Die Kulturoffensive sollte zu einem großen Erfolg werden, lediglich fünf Jahre später eröffnete das zwanzigste Lektorat im Ausland.

Im September 1932 folgte der nächste Schritt: Auch in Deutschland wurde von nun an Ausländern die deutsche Sprache nahegebracht. Eine überlegene Unterrichtsmethodik sollte der Schlüssel zur Durchsetzung des Deutschen als führende europäische Sprache sein. Eigens hierfür wurde die Gründung einer neuen Institution angedacht. Das im selben Jahr in Deutschland begangene Goethe-Jahr anlässlich des hundertsten Todestages des Dichters bildete den geeigneten Hintergrund, das neue Institut zu lancieren: Thierfelder hatte in Absprache mit der Goethe-Gesellschaft in Frankfurt erreicht, ein Drittel der in Bayern 1932 erzielten Spenden für die Gesellschaft, dem neu gegründeten Institut zuzuführen. Im Gegenzug würde dies den Namen des Dichters tragen. Das „Goethe-Institut zur Fortbildung ausländischer Deutschlehrer“ war geboren, blieb allerdings eine Institution innerhalb der Deutschen Akademie.

Plötzlich interessierten sich auch die Nazis

Nur ein Jahr später unterbrach die Machtübernahme der Nationalsozialisten erneut die kulturpolitischen Bestrebungen, ein Rückfall in propagandistische Zeiten war die Folge. Für die Mitarbeiter der Deutschen Akademie sollte sich vorerst allerdings nichts ändern, die Führung der Akademie erhoffte sich von den neuen Machthabern sogar ein größeres Interesse für eine eindrucksvolle Außendarstellung des Reiches und deutliche finanzielle Zuwendungen für den noch immer chronisch defizitären Verein.

Freiwillig „säuberte“ sich die Akademie von politisch missliebig gewordenen Persönlichkeiten, die Selbstgleichschaltung hatte begonnen. 1937 schied Generalsekretär Thierfelder aus – er hatte sich jahrelang vergeblich gegen die wachsende Nazifizierung des Vereins gewehrt. Bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zeigte die NSDAP beinahe kein Interesse, die Deutsche Akademie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, Hitler habe angeblich nichts für die Münchner Einrichtung übrig.

Als der Krieg ausbrach, glaubte man in München, dass das Ende der kulturpolitischen Betätigung im Ausland gekommen sei. Ein Trugschluss, wie vom Auswärtigen Amt sogleich richtiggestellt wurde wurde: Gerade jetzt sei die Erhaltung der Kulturpolitik eine dringende Notwendigkeit, um nicht, wie bereits im Ersten Weltkrieg, erneut als barbarische, aggressive Macht dargestellt zu werden. Ziel müsse es sein, eine noch intensivere Kulturpolitik im Ausland zu erreichen. Das Netzwerk dazu hatte die Deutsche Akademie in den Jahren zuvor aufgebaut.

Legitimiert durch den Führungsanspruch

Das Budget schnellte plötzlich von 550.000 auf 3,7 Millionen Reichsmark. Innerhalb eines Jahres verdoppelten sich die Auslandslektorate auf 120. Kulturpolitik diente nun der Absicherung der Herrschaft in den besetzten Gebieten, legitimiert durch den kulturellen Führungsanspruch der Deutschen.

Allerdings war die Nazifizierung innerhalb der Deutschen Akademie weit nicht so fortgeschritten, wie es personelle Entscheidungen vermuten ließen: Der Inhalt der Sprachkurse hing immer noch weitestgehend vom politischen Temperament des Lektors ab und das auch noch dann, als die Deutsche Akademie Ende 1941 schließlich per Führererlass verstaatlicht wurde.

Vier Jahre später war das Dritte Reich Geschichte, und mit ihm auch die Deutsche Akademie dem Untergang geweiht. In der Folge mussten erst ein paar Jahre verstreichen, ehe es dem ehemaligen Generalsekretär Thierfelder gelang, eine der Deutschen Akademie ähnliche Institution ins Leben zu rufen. Die Kulturarbeit im Ausland unter dem Signum „Deutsche Akademie“ wieder aufzunehmen, stieß allerdings auf starke Bedenken. Aber es gab einen Namen, der weniger vorbelastet war: „Goethe-Institut“.

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