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„Die Deutschland-Liste“: Einstein und der Dübel

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Europäische Perspektive: Ein Deutschland nicht von dieser Welt

2. Mai 2011

Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters: Ein europaweites Onlineprojekt zeigt den Deutschen, was sie über sich selbst lernen können, wenn sie ihr Land einmal aus der Perspektive ihrer Nachbarn betrachten. Von Eckhard Fuhr

Das Goethe-Institut, seit nunmehr 60 Jahren damit beschäftigt, das Bild eines guten, eines demokratischen, eines weltoffenen, eines kulturell vitalen Deutschland in der Welt zu verbreiten, hat in 18 europäischen Ländern durch eine Umfrage ermittelt, wie Deutschland von außen gesehen wird. Wer vor lauter alltäglicher Nähe für die Reize des eigenen Landes nicht mehr empfänglich ist, der sollte es in diesem Spiegel der schmachtenden Blicke von außen betrachten.

Es ist nicht ganz von dieser Welt, dieses Deutschland. Regiert wird es von einem Hohen Paar: Johann Wolfgang von Goethe und Angela Merkel. Für die große Mehrheit sind das die „bedeutendsten Deutschen“. Geist und Macht sind endlich versöhnt, ja geradezu miteinander verheiratet. Meist zeigt sich das Hohe Paar in Begleitung eines wild gelockten und schnauzbärtigen Genies namens Albert Einstein. Auch der Reformator Martin Luther gehört zum engeren Gefolge. Im weiteren Umkreis geben Beethoven und Bismarck, Bach, Willy Brandt und Adenauer der Nation Gesicht und Stimme. Ach ja, Adolf Hitler drückt sich auch noch in der Ecke herum als Beispiel dafür, dass man auch auf eine verhängnisvolle Weise bedeutend sein kann.

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Klicken Sie auf den Screenshot, um zur Website der „Deutschland-Liste“ mit allen Einzelergebnissen zu gelangen!

Gefragt hat das Goethe-Institut auch nach dem besten deutschen Buch, dem besten Film, dem schönsten – man beachte den feinen Unterschied – Musikstück und dem bedeutendsten Bauwerk. Goethes Faust, die Blechtrommel von Günter Grass und die Märchen der Gebrüder Grimm – das sind die deutschen Bücher schlechthin. Wer sie liest, begibt sich tief in den Zauberwald des deutschen Geistes. Musikalisch geben dort mehrere Neunen den Takt an: Beethovens 9. Sinfonie und Nenas 99 Luftballons. Wenn alles vorbei ist erklingt, Platz drei der Hitliste, leise und tröstlich aus den Tiefen des romantischen Empfindens die Mondscheinsonate.

Wo ist dieses Deutschland der Stimmen und Klänge nun zu verorten? In Berlin. Die Stadt ist Schauplatz der drei am meisten beachteten Filme Das Leben der Anderen, Goodbye Lenin und Der Himmel über Berlin. Vor allem aber: Das Brandenburger Tor führt die Liste der bedeutendsten Bauwerke an. Und der Fall der Berliner Mauer gilt den Befragten als wichtigstes Ereignis der deutschen Geschichte, er rangiert vor dem Zweiten Weltkrieg und der Reformation.

Die deutsche Küche und ihr Ruf – ein Missverständnis

Gibt es an Deutschland auch etwas auszusetzen? Die Antworten auf die Frage „Was gefällt Ihnen überhaupt nicht an Deutschland?“ geben dem deutschen Vaterlandsfreund doch manchen Stich ins Herz. Es sind nicht die den Deutschen gemeinhin zugeschriebenen Charaktereigenschaften wie Arroganz, Pedanterie oder Mangel an Spontaneität, die schmerzen. Damit kann man leben.

Entschiedenen Widerspruch jedoch fordert die Tatsache heraus, dass die deutsche Küche die Liste des Missfallenden anführt. Auf keinem Gebiet hat Deutschland verborgene oder verschüttete Qualitäten in den vergangenen Jahren so freudig neu- und wiederentdeckt wie auf dem Gebiet der Kochkunst. Was stellen die Köche des Landes heute alles mit Würsten und Sülzen, Kohl und Rübchen und nicht zuletzt mit Sauerkraut an! Die deutsche Küche und ihr Ruf – sie haben nichts mehr miteinander zu tun. Für das Goethe-Institut öffnet sich hier ein weites Arbeitsfeld, das bislang offenbar sträflich vernachlässigt wurde.

Wenn man sich die einzelnen Länderergebnisse anschaut, stellt man erstaunt fest, wie wenig das Deutschlandbild zwischen Frankreich und Weißrussland, Großbritannien und Lettland schwankt. Manche Ausnahmen verstehen sich von selbst, etwa, dass Angela Merkel bei den Griechen unter den bedeutendsten Persönlichkeiten nicht auf Rang eins oder zwei, sondern deutlich weiter hinten zu finden ist und sogar auf der Missfallensliste auftaucht. Die griechische Eigenwilligkeit zeigt sich übrigens auch daran, dass sie zu den wenigen europäischen Nationen gehören, denen Karl Marx noch etwas bedeutet. Nur bei den Italienern spielt er als Nummer sieben der bedeutendsten Persönlichkeiten noch eine Rolle.

Karl Marx trifft Karl May

Kleine Nationen tragen manche überraschende Facette zum europäischen Deutschlandbild bei. Nehmen wir Lettland. Ein Lette hat angesichts all der umwälzenden deutschen Erfindungen vom Buchdruck über das Automobil bis zum Computer eine kleine technische Revolution nicht vergessen: Die wichtigste deutsche Erfindung sei „ohne Zweifel der Dübel“.

Was den Letten der Dübel ist, ist den Slowaken Karl May. Er schafft es zwar bei ihnen nicht unter die ersten zehn bei den bedeutendsten Leuten und den besten Büchern. Aber bei den Filmen kommen die Winnetou-Verfilmungen von Harald Reinl mit Lex Barker und Pierre Brice immerhin auf Platz drei, nach Goodbye Lenin und Das Leben der Anderen. Es ist gut, daran erinnert zu werden, dass es vor dem neuen deutschen Kino auch schon deutsches Kino gab, ziemlich erfolgreiches sogar.

So lernt man also sein altes Vaterland neu kennen und schätzen, indem man es mit dem freundlichen Blick des Fremden, des Gastes, des Besuchers betrachtet. Man wird denjenigen, die sich an der Umfrage des Goethe-Instituts beteiligten, eine gewisse Grundsympathie für, zumindest ein überdurchschnittliches Interesse an Deutschland unterstellen können. Doch wohin sollte es führen, danach zu fragen, wie repräsentativ diese Umfrage und wie belastbar ihr empirischer Ertrag ist. Bei Goethe will man nicht empirische Sozialforschung betreiben. Die Umfrage und ihre Ergebnisse sind vor allem ein Mittel, das Gespräch und das Nachdenken über Deutschland anzuregen – auch im Lande selbst. Die nervöse, überspannte, leicht irritierbare deutsche Selbstwahrnehmung kann im Lichte dieser Umfrage ein wenig an Gelassenheit gewinnen. Deutschland leuchtet stärker als es den Deutschen bewusst ist.

Der Autor ist Korrespondent für Kultur und Gesellschaft bei „Welt“ und „Welt am Sonntag (WamS)“. Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung. Den vollständigen Text lesen Sie in der „WamS“-Ausgabe vom 1. Mai 2011.
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