Goethe aktuell

Jugend filmt: Fahrraddiebe und andere Tabuthemen

Copyright: Julius Leon Heth
Szene aus „Der Mann und die Puppe“: eine Beziehung entwickelt sich (Foto: Julius Leon Heth)

14. Mai 2011

Sexualität ist ein heikles Thema. Darüber zu sprechen fällt besonders schwer, wenn man aus verschiedenen Kulturen kommt. 26 Jugendliche aus Großbritannien, Deutschland und dem Nahen Osten haben es trotzdem gewagt – und sogar Kurzfilme zum Thema gedreht.


Das Licht geht aus im Vorführraum des Jugendzentrums Schlesische27 in Berlin Kreuzberg, der Film startet. Er handelt von einem Paar. Es verbringt den Tag miteinander, geht spazieren, fährt gemeinsam Rad, tanzt, knutscht auf einer Parkbank. Ein Paar, ein Tag, eine Beziehung, die sich entwickelt – eine recht gewöhnliche Geschichte. Aber Moment, das Paar ist ganz und gar nicht gewöhnlich: es sind ein Mann und – eine Schaufensterpuppe.

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Der Film Der Mann und die Puppe ist zu Ende, und das Filmteam kommt auf die Bühne. Es sind Jugendliche aus den palästinensischen Autonomiegebieten, aus dem Libanon, aus Deutschland. Sie haben an einem Filmworkshop teilgenommen, den das Goethe-Institut Libanon gemeinsam mit dem Bildungsteam Berlin-Brandenburg entwickelt hat.

Die Schaufensterpuppe haben sie als Figur gewählt, weil sie nur die Nachbildung eines Menschen ist, erzählen sie. Sie ist ein Plastikwesen, nicht Mann, nicht Frau. Sie ist mehr ein „Es“. Im Film wollten sie darstellen, wie sich die Beziehung zwischen dem Mann und der Puppe entwickelt. Anfangs sieht er sie noch recht dinglich und weiß nicht so recht, was ihr mit ihr anfangen soll. Im Laufe des Tages durchleben Mann und Puppe aber Situationen, die sie enger zusammenbringen. Der Film handelt von Beziehungen oder der Suche nach Beziehungen, ganz unabhängig vom Geschlecht.

Der Film ist einer von drei Kurzfilmen, die innerhalb des Projekts Confessions zum Thema „Gender und Sexualität“ entstanden. Ins Leben gerufen wurde das Projekt vom Goethe-Institut Libanon, das 26 Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren aus dem Libanon, den palästinensischen Gebieten, Großbritannien und Deutschland zum Austausch über Sexualität und Geschlechterrollen zusammenbrachte. Im April trafen sie sich in Kreuzberg, um Erfahrungen auszutauschen, Gender-Aspekte aus verschiedenen kulturellen Perspektiven zu diskutieren und eigene Bilder, die sie voneinander hatten, in Frage zu stellen. Daraus entstanden Ideen, die in den Kurzfilmen umgesetzt wurden.

Der Traum vom Radfahren

Eine ganz andere Geschichte erzählt der Film Das Fahrrad. Ein kleines arabisches Mädchen möchte so gerne Fahrrad fahren, darf dies aber nicht: verboten. Das Mädchen ist traurig, versteht nicht, ist wütend und versucht die Großen zu überreden, aber nichts hilft. Schließlich stiehlt es ihrem größeren Bruder den Schlüssel für das Fahrradschloss, steigt auf das Rad, fährt los, und strahlt bis über beide Ohren.

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Das Publikum lobt die Kamera, den Schnitt, die beeindruckenden, jungen Schauspieler. Aber worum ging es jetzt eigentlich? Es herrscht ein wenig Ratlosigkeit im Saal. Niemand weiß so recht, warum es dem Mädchen verboten ist, Fahrrad zu fahren.

An dieser Stelle wird deutlich, wie wichtig Projekte sind, die Gender und Sexualität thematisieren – und wie schwierig das manchmal werden kann. Denn es gibt Wissen, das nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann. Für konservativ erzogene muslimische Mädchen etwa ist Fahrradfahren oft schlichtweg verboten, weil das Hymen verletzt werden könnte. Das unversehrte Jungfernhäutchen gilt als Beweis der Keuschheit, ohne den das Mädchen nicht verheiratet werden kann.

„Den Austausch zwischen uns fand ich extrem spannend", sagt Sarah, die am Film Der Mann und die Puppe mitgearbeitet hat. „Wir hatten nur zehn Tage, um uns kennenzulernen und die Themen Gender und Sexualität vorzubereiten. In dieser kurzen Zeit erfuhren wir viel voneinander und gingen ganz offen miteinander um. Als es dann an die Kurzfilme ging, hatten wir die Ideen schon im Kopf.“ Sarah hat selbst bereits ein Jahr in der Türkei und ein Jahr in den USA gelebt. Über eine Freundin hat sie von Confessions erfahren und war sofort begeistert. Und das Projekt hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Sarah, die am Ende ihres sozialwissenschaftlichen Studiums steht, überlegt sich nun, noch eine filmische Ausbildung anzufangen.

-akl-

Confessions entstand in Zusammenarbeit mit dem Bildungsteam Berlin-Brandenburg e. V., Khayal (Libanon), Beirut D.C. (Libanon), Shashat (Palästina), Aik Saath (Großbritannien). Mit finanzieller Unterstützung des Programms Jugend in Aktion der Europäischen Union.


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