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„Double Club“: Ballgefühl trifft Sprachgefühl

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Torhüterin in Aktion: „Fußball ist ein wunderbares Mittel, die Aufmerksamkeit auf eine Sprache zu richten“ (Foto: Dina Koschorrek)

7. Juni 2011

Fußball spielen und gleichzeitig Deutsch lernen: Double Club heißt dieses Konzept. Ein Besuch bei den begeisterten Spielerinnen an der Mädchenschule Langley Park bei London. Von Barbara Klimke

Bethany Price umkurvt eine Mitspielerin. Dann eine zweite. Der Pferdeschwanz wippt, der Ball fliegt in die Maschen. Ein beachtlicher Sololauf, ein müheloses Dribbling gelingt der Schülerin in der Sporthalle der Mädchenschule Langley Park bei London. Es könnte eine normale englische Sportstunde sein, würde nicht so ungewohntes Vokabular durch den Raum hallen. „Wunderbar", ruft der Trainer auf Deutsch. „Gut gemacht." – „Umdrehen." – „Alles noch mal von vorn!" Bethany Price lächelt. „Fußball und Deutsch zu kombinieren", bemerkt sie, „das ist ziemlich schräg."

Es ist ohne Frage eine unorthodoxe Idee, zwei Fächer im Unterricht zu verknüpfen, die nicht die geringste Gemeinsamkeit aufweisen. Aber gerade das ist es, was das Angebot für Bethany Price und ihre Mitschülerin Saranka Viththiyakaran so unwiderstehlich macht. Sechzehn Mädchen, alle 13 oder 14 Jahre alt, bleiben einmal pro Woche freiwillig länger in der Schule für das Kursangebot Fremdsprachen und Fußball. Dabei müssen sie im ersten Teil des Extra-Unterrichts im Klassenraum auf ihren Stühlen sitzen und Begriffe wie Fußballstutzen und Flügelstürmer lernen. Erst danach ist das Jonglieren mit dem Ball erlaubt.

Erste Halbzeit: Deutschunterricht

Double Club heißt dieses Doppelstunden-Konzept, das vom Goethe-Institut London gemeinsam mit dem englischen Profiklub FC Arsenal und dem Bildungsträger UK-German Connection entwickelt wurde. Die Grundregel ist so einfach wie ein Fußballspiel: Jede Einheit dauert 90 Minuten und ist in zwei Halbzeiten geteilt. Die ersten 45 Minuten sind für Wortschatzarbeit und Grammatik vorgesehen. In der zweiten Halbzeit wird das Gelernte auf dem Rasen oder in der Halle angewandt; dann ist es nicht mehr der Deutschlehrer, sondern ein Fußballtrainer des FC Arsenal, der an der Seitenlinie steht. Der Kurs ist als Ergänzung zum Schulunterricht gedacht und dauert acht Wochen. Abgeschlossen wird er mit einem Stadiontag beim Premier-League-Klub FC Arsenal.

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Das Projekt läuft in gemischten Klassen bereits seit 2005 in England. So erfolgreich, dass es mit dem Europäischen Sprachpreis ausgezeichnet wurde. Aus Anlass der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen vom 26. Juni bis 17. Juli in Deutschland hat das Goethe-Institut nun erstmals ein Lernkonzept speziell für Mädchen ausgearbeitet. Und im Londoner Vorort Beckenham, an der Langley Park School for Girls, läuft der erste Feldversuch. „Weil Fußball in England enorm populär ist – auch in großem Maße bei Mädchen –, ist er ein wunderbares Mittel, die Aufmerksamkeit auf eine Sprache zu richten", sagt Sabine Hentzsch, Leiterin des Goethe-Instituts in London.

Nicht allein in der Langley Park School waren die Schülerinnen von der Idee höchst angetan. Zustimmung kam auch von der höchsten Autorität im Frauenfußball auf der Insel, den Arsenal Ladies. Das Team, zwölfmaliger Meister in England, hat dem Double Club for Girls seine Unterstützung zugesagt. „Kein Wunder, dass die Schülerinnen begeistert sind", stellt Kim Little, die 20-jährige Arsenal-Torjägerin fest, als sie erstmals durch die Unterrichtsmaterialien blättert. Darin stehen Interviews mit den Spielerinnen des deutschen Champions-League-Siegers Turbine Potsdam. Kim Little hatte Deutsch in der Schule gelernt, aber bei erster Gelegenheit abgewählt; sie war damals mehr an Sport interessiert. „Hätte es zu meiner Zeit so etwas gegeben", sagt sie, „hätte ich garantiert weitergemacht."

Selbstvertrauen durch Fußball

Faye White (32), die Spielführerin der Arsenal Ladies und der englischen Nationalmannschaft, fasziniert am Double Club, dass er nach beiden Seiten wirkt. Nicht nur die Fremdsprachenkompetenz werde dadurch gesteigert: „Das Fußballspielen fördert auch die Eigenwahrnehmung, die Sozialkompetenz und das Selbstbewusstsein der Mädchen." Und Selbstvertrauen, vermutet sie, brauchen manche Schüler, wenn sie versuchen, sich in einer fremden Sprache auszudrücken, in der sie noch Fehler machen. Doch allzu häufig denken Spitzensportler, Fremdsprachenbeherrschung sei im Vergleich zur Ballbeherrschung unerheblich. Bei Auslandsreisen sind Spieler meist von einem professionellen Stab umgeben, der, wenn nötig, alles regelt, von der Flugbuchung bis zur Bestellung des Frühstücksbrötchens.

Torhüterin Emma Byrne, die in Irland aufwuchs, erkannte erst, wie wichtig Fremdsprachen sind, als sie zu Beginn ihrer Laufbahn in Dänemark bei Fortuna Hjørring spielte: „Das Team sprach Dänisch, die Mannschaftsbesprechung war auf Dänisch, die Anweisungen waren auf Dänisch. Ich verstand kein Wort." Jeden Satz mussten ihr die Mitspielerinnen ins Englische übersetzen. Sie hielt es nur ein halbes Jahr in Hjørring aus, dann ging sie nach Irland zurück. Erst als sie zum FC Arsenal wechselte, wo sie Englisch sprechen konnte, begriff sie, woran sie in Dänemark gelitten hatte. Nicht an Heimweh, sondern an dem hilflosen Gefühl, nichts zu verstehen und sich unverstanden zu wissen. „Heute", sagt Emma Byrne, „würde ich vor einem Wechsel ins Ausland immer erst die Sprache lernen."

Bethany Price: „Fußball und Deutsch zu kombinieren, das ist ziemlich schräg“ (Foto: Dina Koschorrek)


Es ist kein Zufall, dass das Modell des Double Club ursprünglich beim FC Arsenal erfunden wurde. Das Erstliga-Team der Männer ist berühmt für seinen internationalen Kader. Es hat zudem in seinem polyglotten Trainer, Arsène Wenger, „ein lebendes Beispiel für Mehrsprachigkeit", wie Sabine Hentzsch vom Londoner Goethe-Institut sagt. Seine Ressourcen und sein Renommee nutzt der Klub traditionell für gemeinnützige Arbeit im Einzugsgebiet des Stadions im Norden Londons. 1998, nach dem Doppelsieg in Meisterschaft und Pokal, gründete der FC Arsenal ein Förderprogramm für benachteiligte Jugendliche – eben den Double Club. Nach dem Zwei-Halbzeiten-Prinzip wurden zunächst Lese- und Rechenkurse mit Fußballtraining kombiniert. Sie basierten auf der simplen Erkenntnis, dass auch Kinder, die in der Schule überfordert sind, Stadionhefte und Fußballstatistiken verstehen wollen. Dieses Pädagogikkonzept wurde später auf andere Fächer, etwa Staatsbürgerkunde, übertragen.

Der Ball war also im Spiel, und es dauerte nicht lange, bis er auf das Goethe-Institut zurollte. Denn dass der FC Arsenal Fremdsprachen in sein soziales Bildungsprogramm aufnehmen wollte, lag nahe bei einem Trainer, der überzeugt ist, dass Mehrsprachigkeit die Berufschancen erhöht. „Der Umstand, dass ich Sprachen gelernt hatte, erlaubte mir, dort anzukommen, wo ich hin wollte: in den englischen Fußball", erläutert Arsène Wenger. Weil in Deutschland die Fußball-WM 2006 bevorstand, wurde der Double Club für Deutsch gegründet. Entscheidend für den Erfolg war, dass der deutsche Nationalkeeper Jens Lehmann bereitwillig an der Entwicklung des Projekts mitwirkte; er stand damals bei Arsenal unter Vertrag. Von da an, so berichtet Karl Pfeiffer, der am Londoner Goethe- Institut für die Bildungskooperation zuständig ist, wurde der Ball beständig weitergedribbelt. Get the ball rolling, heißt denn auch die Hymne, die das Goethe-Institut zur WM 2010 in Südafrika in Auftrag gab.

Europaweites Erfolgsmodell

Der FC Arsenal stellt seitdem seine Fußballtrainer zur Verfügung und beschäftigt eine eigene Fremdsprachenkoordinatorin, Julie Stoker, die den Kontakt zu den Partnerschulen hält. Das Goethe-Institut erarbeitet das Unterrichtsmaterial. Die UK-German Connection wiederum betreut das Internetportal. „Die Zusammenarbeit basiert auf dem klassischen Partnerschaftsverhältnis, das Grundlage vieler unserer Tätigkeiten ist", erläutert Sabine Hentzsch. Das Modell wurde so erfolgreich, dass die Kulturinstitute Frankreichs, Spaniens, Portugals und Italiens ebenfalls Double Clubs entwickelten. Wieder rollte der Ball weiter: Das Projekt wurde multilingual, stieß auf Interesse der europäischen Behörden – und das Londoner Goethe-Institut spielte Doppelpass mit der EU. Schülerreisen nach Brüssel und Berlin wurden mit EU-Mitteln unterstützt, und der Bundesligaklub Hertha BSC ließ sich ins Projekt einbinden. In England kopierten derweil andere Profiklubs, darunter der FC Chelsea, das Double-Club-Modell und schnitten es auf ihre Vereinsstrukturen zu. Und jetzt ist es an den Mädchen, den Ball weiterzudribbeln.

„Die Mädchen sind vielleicht sogar noch aufmerksamer und engagierter als die Jungen. Sie schnappen die Vokabeln beim Training auf und wenden sie problemlos im Unterricht an", beobachtet Fraser Davis, der an der Langley-Park-Schule den Double Club leitet. Der Deutschlehrer, der zwei Jahre lang in Potsdam studierte und lehrte, sieht darin eine fröhliche, kreative Ergänzung zum Unterricht. Es sei vor allem eine Motivationshilfe für die Schülerinnen, wenn sie sich für ihr Fremd-sprachen-Prüfungsfach entscheiden müssen. Langley Park, eine Mädchen-Gesamtschule mit Schwerpunkt Sprachen und Sport, ist ein idealer Partner für das Projekt des Goethe-Instituts. Es ist eine der wenigen staatlichen Schulen in England, in denen das Erlernen einer Fremdsprache bis zum 16. Lebensjahr verbindlich ist: Alle Schülerinnen legen den Sekundarabschluss (GCSE) in Deutsch, Französisch oder Spanisch ab; sogar das Fach Ernährungskunde wird – einmalig auf der Insel – in einer Fremdsprache unterrichtet. Das ist insofern bemerkenswert, als die britische Labour-Regierung 2004 den verpflichtenden Fremdsprachenunterricht für Schüler über 14 abschaffte. Die Zahl der Staatsschulen, die Fremdsprachen bis zum Sekundarabschluss anbieten, nahm seitdem dramatisch ab; ein Trend, den die neue Regierungskoalition nun wieder stoppen will.

In diesem Sommer wird eine Double-Club-Gruppe zur Frauen-WM nach Deutschland reisen, was den Fremdwortschatz der Schülerinnen um Begriffe wie Nationaltrikot, Würstchenbude und Feuerwerk erweitern könnte. Und für die Olympischen Sommerspiele 2012 in London tüftelt Karl Pfeiffer, der Londoner Bildungskoordinator des Goethe-Instituts, schon am nächsten Double-Club-Projekt.

Der Text stammt aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „Frauen“ (zum PDF). Auf Wunsch schicken wir Ihnen gern die Printausgabe des Magazins zu. Senden Sie uns einfach Ihre Adresse per E-Mail an heise@goethe.de.
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