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Journalismus in Indien: Wo die Zeitung noch etwas gilt

Anja WasserbächCopyright: Anja Wasserbäch
Zeitungsmacher D’sa: „Wir haben die besten Reporter“ (Foto: Anja Wasserbäch)

16. Juli 2011

Keiner der Mitarbeiter ist Muttersprachler, und dennoch ist die Times of India die größte englischsprachige Tageszeitung der Welt. Zeitungskrise ist ein Fremdwort hier. Ein Blick in den Newsroom der Redaktion. Von Anja Wasserbäch

Alle klatschen. Bis auf Mansi. Ihr fiel die Tastatur auf den Boden, die auf der Ausziehfläche unter dem Schreibtisch liegt. Niemand weiß, woher dieses Ritual kommt. Aber es ist vermutlich das einzige, das sich – neben dem Gang zur Kantine – jeden Tag wiederholt. Fällt etwas auf den Boden im Newsroom der Times of India in Mumbai wird geklatscht.

Es gibt keinen typischen Tag bei der Times of India. Man kommt mehr oder weniger, wann man möchte. Je nach Entfernung kann die Fahrt ins Büro schon einmal zwei Stunden Zugfahrt bedeuten. Interviews und Termine werden gerne vorher wahrgenommen. Die Redaktion der Times of India liegt mitten in Mumbai, gegenüber dem Victoria-Bahnhof, der eines der Ziele der Attentäter vom November 2008 war.

Derek D’sa ist Assistant excutive Editor, also so etwas wie der stellvertretende Chefredakteur. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Er entscheidet, welche Geschichte auf welcher Seite erscheint und in welcher Größe. In Mumbai arbeiten rund 150 Reporter, Redakteure und Blattmacher. In Delhi ein bisschen mehr. In ganz Indien beschäftigt die Times of India über tausend Menschen in den Redaktionen. „Wir haben das größte Netzwerk des Landes mit den besten Reportern“, sagt Derek D’sa. Und er meint es auch so. Es sind viele Menschen hier im Newsroom. Sehr viele. Zu Hochzeiten sind es an die 150 Menschen, und es geht zu wie in einem Bienenstock.

Es gibt Redakteure mit Spezialgebieten, verantwortliche Redakteure für bestimmte Themengebiete wie Wissen, Verbrechen, Sport oder Lokalnachrichten. Es gibt die Reporter und die Autoren. „Früher gab es hier einen Reporter zuständig für Verbrechen, heute haben wir sechs“, sagt Derek D’sa. In den vergangenen zehn Jahren sei die Berichterstattung – ob auf politischer oder lokaler Ebene – neu definiert worden. Wurden früher Pressekonferenzen besucht, sucht man heute nach exklusiven Geschichten. „Ich will keine Artikel, die ich in jeder anderen Zeitung finden kann“, sagt D’sa. Egal welches Themengebiet – ob Bildung, Kinder, Verbrechen, Verkehr, Gesundheit – es sollen immer ein neuer Ansatz und neue Fakten gefunden werden. Deshalb braucht D’sa Spezialisten, die über ihr Themengebiet bestens informiert sind.

Jeder Vierte ist Analphabet

Es wird viel getippt hier im Newsroom der Times of India. Aber nicht nur auf die Computertastatur. Das Handy ist noch viel mehr Kommunikationsmittel als in deutschen Redaktionen. Wer unterwegs ist, schickt seinem Ressortleiter von unterwegs eine SMS, dass sein Thema eine Geschichte wert ist. Oder auch keine. Hier im Newsroom klingelt es ständig.

Neben den Redakteuren, die die Fakten einer Story überprüfen und ihre Relevanz bewerten, gibt es noch die Blattmacher, die keine Artikel schreiben. Sie layouten die Seiten, redigieren und korrigieren die Artikel. Manchmal ist das viel Arbeit. Denn für niemanden hier ist Englisch die Muttersprache. Jeder der Redakteure spricht mindestens drei Sprachen, darunter sind Englisch und Hindi. Ohne Hindikenntnisse kann man in Mumbai nicht recherchieren.

Und jeder der Redakteure liest am Morgen mindestens drei Zeitungen quer. Die Redakteure der News-Seite doppelt so viele. Um Bescheid zu wissen.

Obwohl in Indien 25 Prozent der Bevölkerung weder lesen noch schreiben kann, haben Zeitungen einen hohen Stellenwert hier. Eine Ausgabe der Times of India kostet 5 Rupien, was umgerechnet 8 Cent sind. Das Internet ist in Indiens Städten natürlich genauso verbreitet wie in Europa, aber es ist noch keine Konkurrenz für die Printmedien. Zeitungskrise? Welche Zeitungskrise?

Das Geschäft wird nicht nur mit der Zeitung gemacht

Jeder, der es sich leisten kann, hat mehrere Zeitungen abonniert. Aber auch die Unterschicht liest täglich auf Papier. Man erzählt sich, was in der Zeitung stand. Zeitung lesen und die haptische Erfahrung dabei sind hier eine Tradition, die man nicht missen will.

Die Geschichte der Times of India beginnt im Jahr 1838, in dem sie als The Bombay Times and Journal of Commerce zweimal die Woche erscheint. Ab 1850 wird auf tägliches Erscheinen umgestellt. 1861 lässt der Chefredakteur Robert Knight mehrere Titel unter einem erscheinen, um seinem Blatt einen landesweiten Charakter zu verleihen: The Times of India. Heute wird die ToI überall im Land produziert, hauptsächlich in Delhi. Es gibt verschiedene Stadtausgaben.

Geld gemacht wird aber nicht nur mit der Zeitung, sondern mit vielen anderen Firmen unter einem Dach. Die Firma Bennett, Coleman & Co. Ltd. – kurz BCCL – verkauft Musik unter dem Dach Times Music, hat eine eigene Radiostation, einen Internetauftritt mit E-Paper, ein seperates Online-Job-Portal, sowie ein Immobilienseite, mehrere Fernsehsender wie den Entertainmentkanal Zoom und den News-Kanal Times Now, ein beigelegtes Boulevardblatt und eine Heiratsvermittlungswebsite. 2006 erschien aus dem Pressehaus zum ersten Mal eine Zeitungsausgabe auf dem Handy.

Handys klingeln, SMS werden geschrieben. „Geht deine Geschichte noch morgen mit?“, ruft einer über die Reihen hinweg. Es wird darüber gestritten, wie man einen Namen denn nun buchstabiert. Es ist alles wie immer. Und wie in jeder Redaktion. Dann fällt eine Tastatur zu Boden. Und alle klatschen.


Die Journalistin Anja Wasserbäch von den Stuttgarter Nachrichten berichtete im Rahmen des Projekts Nahaufnahme aus Mumbai. Dabei tauschten zehn Journalisten aus Deutschland und dem Ausland zwischen September 2010 und April 2011 ihre Arbeitsplätze. Sie lernten den professionellen Alltag in der Lokalredaktion ihrer Gastzeitung kennen – in Berlin, Jakarta, Frankfurt, Wellington, Leipzig, Bangkok, Stuttgart, Dortmund, Hanoi und Mumbai.
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