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Ausstellung in Tallinn: Einmal Echtzeit und zurück

Marc LeeCopyright: Marc Lee
Immer live: Nachrichten am laufenden Band in der Installation von Marc Lee (Foto: Marc Lee)

1. Juni 2011

Wie werde ich reich, googelt jemand. Warum geht es im Fernsehen immer nur um Stars und Sternchen, twittert ein anderer. Und ein dritter stellt Familienfotos ins Netz. Und all das – jetzt! Die Ausstellung Gateways zieht eine Linie zwischen Gegenwart und Echtzeit. Von Alexandra Mangel

Wenn man zum ersten Mal über das Kopfsteinpflaster von Tallinns mittelalterlichem Rathausmarkt schlendert, vorbei an urigen Schänken und Lädchen, die bis zum Giebel vollgestopft sind mit traditionellem Kunsthandwerk, dann mag man es kaum glauben: Das soll das Land sein, das wie kein zweites in Europa auf die digitale Informationstechnologie setzt? Wo 70 Prozent der Bürger Internetnutzer sind und alle Schulen online? Wo seit über zehn Jahren ein „elektronischer Staat“ regiert?

Geht man auf der Suche nach Antworten ein paar Schritte weiter in Richtung der gotischen St.-Olavs-Kirche, steht man plötzlich vor den zugemauerten Kellerfenstern der ehemaligen KGB-Zentrale von Tallinn. Hinter diesen Mauern wurden angebliche Staatsfeinde von den sowjetischen Besatzern verhört und gefoltert, ins Arbeitslager nach Sibirien geschickt oder gleich erschossen. Der Anblick lässt ahnen, warum der Zugang zum Internet heute, im unabhängigen, von Unterdrückung und Zensur befreiten Estland in der Verfassung garantiert wird – als ein Menschenrecht. „Tigersprung“ hieß das Programm, mit dem das neue Estland in den Neunzigerjahren den Sprung auf die andere Seite des einstigen Eisernen Vorhangs, in die freie Informationsgesellschaft wagte.

Copyright: Rasmus Jurkatam
Künstler Timo Toots (Foto: Rasmus Jurkatam)
In einem dunklen Ausstellungsraum im Kumu, dem Kunstmuseum von Tallinn, schiebt der estnische Medienkünstler Timo Toots seinen Pass, eine kleine Plastikkarte mit Computerchip, in das Lesegerät auf dem Armaturenbrett einer blinkenden Maschine, die an die Kommandobrücke eines Raumschiffs erinnert. Er drückt einen Knopf und die Daten seines Lebens erscheinen auf der Museumswand: Ergebnisse, die er bei Prüfungen an staatlichen Schulen erzielt hat. Medikamente, die ihm gegen seine Hautprobleme verschrieben worden sind. Die Höhe seines Gehalts, errechnet aus der Höhe seiner Steuerzahlungen. Wäre er Mitglied in einer politischen Partei, würde die Maschine auch das anzeigen – in Estland gibt es eine Netzdatenbank aller Parteimitglieder.

In Berlin stünden die Zuschauer dieser Vorführung jetzt mit betroffenen Mienen vor dem „gläsernen Esten“. Im fünften Stock des Kumu drängen sich die Besucher fasziniert rund um das Schaltpult, schnell bildet sich eine Schlange von Neugierigen, die ihren eigenen Pass durchleuchten lassen möchten. „Es ist der Stolz eines kleinen Landes auf die schnelle technologische Entwicklung, auf den raschen wirtschaftlichen Aufschwung seit den Neunzigern, der jede kritische Debatte über den Datenschutz in Estland verhindert“, meint Timo Toots.

„Hilfe! Migräne!“

Aber die Ausstellung Gateways, gemeinsam veranstaltet vom Goethe-Institut, dem Kumu und der Europäischen Kulturhauptstadt Tallinn, führt nicht nur den Stand der Technik vor, sie behandelt den Besucher nicht nur als überwachtes und manipuliertes Objekt, sondern auch als Subjekt einer ganz eigentümlichen neuen Erfahrung der Netzkultur – der Erfahrung der „Echtzeit“. Das britische Künstlerduo Thomson und Craighead hat eine Software geschrieben, die den Rechner im Museum live mit den Suchmaschinen Altavista, Yahoo und Google verbindet. Über die Wand der Ausstellung flimmert ungefiltert der Fluss der Suchanfragen: „Hot Porn Pics“ – „Hilfe! Migräne!“ – „Wie werde ich reich?“

Irgendwo auf der Welt sucht das grade irgendjemand – und genau darum steht man so gebannt davor. Denn jetzt, genau jetzt passiert es! Und jetzt! Und jetzt die nächste Frage! Wie diese Echtzeit-Erfahrung unsere Bildkultur verändert, untersucht die finnische Künstlerin Hanna Haaslahti. Sie lässt Bilder, die grade über das Internetportal „flickr“ ins Netz gestellt werden, in den Ausstellungsraum schweben. Nur wenige Sekunden erscheint das einzelne Bild, dann wird es schon vom nächsten überlagert. Fremde Menschen, skurrile Szenen, unbekannte Orte – an die Stelle des Fotoalbums, das in einer Familie früher wie ein Schatz gehütet wurde, ist ein Strom von Momentaufnahmen getreten. Diese Bilder dienen nicht mehr der Erinnerung, sie werden ausgestellt, ausgetauscht und vor allem konsumiert, meint Hanna Haaslahti.

Ingo Günther: The World’s Biggest Globe Destroyer

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Ein Film von Verena Hütter und Rasmus Jurkatam


Die Gegenwart kennt eine Vergangenheit und ein Gedächtnis, aber was kennt die „Echtzeit“? Eine wichtige Frage auch für das neue, unabhängige Estland, das sich seit zwanzig Jahren so ausschließlich über den Blick nach vorn, in die verheißungsvolle Zukunft einer digital vernetzten Welt definiert – das macht die Ausstellung deutlich. Denn hier ringen viele Künstler mit der Frage, welche Gefahren von der digitalen Technik für die neu errungene Freiheit ausgehen. Click Democracy nennt das die italienische Künstlergruppe Les Liens Invisibles. An die Stelle von Demonstrationen trete der Mausklick vom heimischen Sofa aus – und damit die Illusion von Teilhabe. Eine gewagte These, schließlich stürzen digitale Netzwerke im arabischen Raum grade Diktaturen. Aber genau das ist die Stärke dieser Ausstellung: Sie wirft Fragen auf und ermöglicht Kommunikation – und nichts anderes ist in der Informatik die Funktion eines „Gateway“.

Die Autorin ist Redakteurin von Deutschlandradio Kultur.
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