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Wissenschaftssprache Deutsch: „Philosophen werden sich schwerer tun“

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Studenten im Hörsaal: „Dann werden die Vorlesungen natürlich schlechter“ (Foto: Colourbox)

15. Juni 2011

In der Wissenschaft hat Englisch das Deutsche längst abgehängt. Deutsche Wissenschaftler wollen nun retten, was noch zu retten ist. Ludwig M. Eichinger ist einer von ihnen. Der Linguist setzt vor allem auf Mehrsprachigkeit. Ein Interview.

Herr Eichinger, sollen wir uns auf Englisch unterhalten?

Um Gottes Willen, das wäre dann doch etwas voreilig. Deutsch ist ja unser beider Muttersprache, da sollten wir auch versuchen, uns in ihr zu unterhalten.

In der Wissenschaft hat unsere Muttersprache jedoch stark an Bedeutung verloren. Nur noch ein Prozent der naturwissenschaftlichen Publikationen erscheinen auf Deutsch. Englisch ist längst auch hier die lingua franca. Sie machen sich für eine Rückkehr des Deutschen als Wissenschaftssprache stark – warum?

Eine Rückkehr würde ich das nicht nennen. Es geht nicht darum, naturwissenschaftliche Publikationen jetzt wieder auf Deutsch zu schreiben. Das wäre illusorisch. Für einen Wissenschaftler ist es heutzutage selbstverständlich, Englischkenntnisse zu besitzen. Man sollte jedoch darauf achten, eine Sprache zu wählen, die den jeweiligen Fachkulturen entspricht. Die Wissenschaft muss schließlich auch in der Gesellschaft verankert bleiben. In einer Sprache wie dem Deutschen sollte es zudem möglich sein, Wissenschaft verständlich zu machen.

Deutsch als Wissenschaftssprache – ist das nicht ein bisschen weltfremd, wenn man sich die Realität des heutigen Wissenschaftsbetriebs ansieht?

Die deutsche Sprache soll das Englische ja nicht ablösen. Aber wir sollten einen Weg zu einem neuen Typ von Mehrsprachigkeit suchen. In den Naturwissenschaften geht es um Zahlen und Formeln, da ist es in Ordnung, dass wir hauptsächlich auf Englisch kommunizieren. In den Geisteswissenschaften ist es anders: Dort kommt es sehr auf die sprachliche Formulierung an; da sollten wir die deutsche Sprache nutzen. Außerdem ist es eine Frage der Gleichbehandlung: Nichtenglischsprachige Wissenschaftler sind sonst gegenüber englischen Muttersprachlern im Nachteil.

Was kann Deutsch, was Englisch nicht kann?

Das Deutsche hat, wie andere Sprachen auch, die europäische Modernisierung seit dem 16./17. Jahrhundert mitgemacht. Daher können diese Sprachen im Prinzip Ähnliches. Aber jede Sprache hat ihre eigenen Traditionen und eine eigene Wissenschaftsgeschichte, so dass man die verschiedenen Sprachen für Unterschiedliches verwendet. Besonders sichtbar ist dies bei sprachabhängigen Fächern wie der Philosophie: Philosophen werden sich schwerer tun, nicht in ihrer Muttersprache zu schreiben als zum Beispiel Mathematiker.

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Ludwig M. Eichinger: „Die Wissenschaft muss in der Gesellschaft verankert bleiben“ (Foto: Institut für Deutsche Sprache)
Aber wie soll dann der chinesische Philosoph mit dem französischen Philosophen kommunizieren?

Für die weltweite Kommunikation bleibt das Englische zwangsläufig die Wissenschaftssprache. Aber innerhalb Europas sollte versucht werden, auch andere Sprachen zu fördern. Nicht nur Deutsch, sondern auch Französisch, Italienisch und so weiter. Einmal wurde ich gebeten, ein englischsprachiges Gutachten über ein Projekt über deutsche Dialekte zu schreiben. Das schien mir so wenig sinnvoll, dass ich darum gebeten habe, es jemanden übersetzen zu lassen. Kein Mensch wird wollen, dass die internationalen Zeitschriften sich jetzt auf Deutsch umstellen. Es gibt aber Fachgebiete, die noch zwei Typen von Zeitschriften haben: eine eher anwendungsorientierte und eine theoretische. Wenn zumindest eine das Deutsche stärker mitbeteiligt, bleibt auch die Wissenschaft in der Gesellschaft besser verankert.

Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse auf Englisch publizieren, haben aber eine größere Chance, Kollegen zu erreichen.

Das liegt aber auch daran, dass die weltweiten Zitierungsindizes, die zurzeit von den USA aus gemacht werden, nur englischsprachige Zeitschriften verzeichnen. Hier brauchen wir Ergänzungen – besonders in den Geisteswissenschaften.

Manche sagen, die meistgesprochene Sprache in der Wissenschaft sei nicht Englisch, sondern ein schlechtes Pidgin-Englisch.

Da ist was dran. Eine fremde Sprache begrenzt die Ausdrucksmöglichkeiten. Und wenn in Deutschland englischsprachige Studiengänge von Deutschen betrieben werden, deren Englisch nicht sehr gut ist, dann werden die Vorlesungen natürlich schlechter.

Welchen Grund könnten nichtdeutsche Wissenschaftler haben, Deutsch zu lernen?

Ich habe vor ein paar Jahren bei einem Vortrag einen Angestellten des japanischen Patentamts kennengelernt. Er sagte, er habe Deutsch gelernt, weil er immer gleich wissen möchte, was diese schwäbischen Tüftler erfinden. Wenn tolle Ergebnisse auf Deutsch publiziert würden, wäre das ein Anreiz. Wenn man aber sowieso auf Englisch schreiben muss, um in die wichtigen Zeitschriften zu kommen, wird das untergraben.

Was wollen Sie konkret unternehmen?

Da sind verschieden Hochschulinitiativen denkbar. Zunächst müssen wir jedoch klar entscheiden, wann das Englische und wann das Deutsche sinnvoll ist. Außerdem muss die Politik animiert werden, für Übersetzungen Geld auszugeben. Deutsche Lehrbücher sollten vermehrt ins Englische übersetzt werden – aber auch andersherum, damit Erkenntnisse in beiden Sprachen zugänglich sind.

Brauchen wir letzten Endes vielleicht eine übernationale Sprache für die Wissenschaft – ein Wissenschafts-Esperanto?

Nein, das ließe sich niemals durchsetzen. Außerdem wurde auch Esperanto auf einer europäischen Basis komponiert: Da wären die Nicht-Europäer genauso benachteiligt wie durch das Englische.

Das Interview führte Aloña Elizalde



Ludwig M. Eichinger ist seit 2002 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache und Ordinarius für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Syntax und Wortbildung des Deutschen, Sprachgeschichte, Regionalsprachforschung, Soziolinguistik und Sprachwissenschaftsgeschichte.
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