Goethe aktuell

Kyoto – eine Oase: Abenteuer schmeckte noch nie so gut

Lucy FrickeCopyright: Lucy Fricke
Die Tradition fährt mit: In einer Straßenbahn der Randen-Linie auf dem Weg nach Arashiyama (Foto: Lucy Fricke)

8. Juli 2011

Jodtabletten nicht vergessen, Geigerzähler mitnehmen, kein Fisch, kein Spinat und, und, und ... Wer derzeit nach Japan aufbricht, wird mit guten Ratschlägen nicht verschont. Diese Erfahrung machte auch Goethe-Stipendiatin Lucy Fricke – bevor sie in einem Refugium fernab der Apokalypse landete.

Am Anfang gab es nur die Bilder von Kyoto. Eine Stadt von Bergen umgeben, überall Tempel, Damen im Kimono, Teezeremonien, Kirschblüte. Dazwischen ein futuristischer Bahnhof, Einkaufszentren, Suppenrestaurants, Bars, Pachinkohallen. Nachdem ich alles gebucht hatte und alles geklärt war, wurde Japan von einer der schlimmsten Katastrophen erschüttert, eine Katastrophe, die häufig versehen wurde mit dem Wort apokalyptisch.

Ich saß in Berlin tagelang vor dem Fernseher, starrte auf Bilder von unvorstellbaren Verwüstungen, wackelnden Hochhäusern, umherwirbelnden Autos. Und dann kam ein Bild dazu, was es seitdem jeden Tag zu sehen gibt: die etwas verschwommene Totale vom Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Diese Bilder überlagerten plötzlich alles. Von Deutschland aus betrachtet, konnte man den Eindruck bekommen, ganz Japan sei verstrahlt.

In den darauf folgenden Wochen gab es kaum ein anderes Thema, weder in den Medien noch im Freundeskreis. Jodtabletten nicht vergessen, Geigerzähler mitnehmen, kein Fisch, kein Spinat, keine Milch, kein Leitungswasser. Letzten Endes flog ich doch, war schon erleichtert als ich im Flugzeug saß, nichts mehr von all dem hörte, und noch viel erleichterter als hier ankam.

Copyright: Lucy Fricke
Fotostrecke: Frühling am Kamogawa


Kyoto fühlte sich von Anfang an wie eine Oase. Wahrscheinlich ist Kyoto das immer, ein idyllischer Ort, an dem die Zeit nicht ganz so schnell läuft, aber ob ich das jemals wieder als so wohltuend empfinden werde, ist zu bezweifeln. Hier, ungefähr 800 Kilometer vom Epizentrum entfernt, war plötzlich alle Angst weg. Ich weiß noch, wie wir gleich am ersten Tag essen gingen. Fisch natürlich, auch Algen, dazu eisgekühltes Leitungswasser, und an diesem ersten Tag dachte ich noch kurz daran, an verseuchtes Wasser, das in den Pazifik geleitet wurde, an erhöhte Cäsium- und Jodwerte und danach nie wieder.

Ein einziges Mal nahm ich in der ersten Woche tatsächlich eine der Jodtabletten, die mein Hausarzt mir mitgegeben hatte, wovon ich sogleich Ausschlag bekam, eine Art Jodschock. Seitdem liegen sie unangetastet im Bad, und auch ansonsten ist das Leben an diesem anfänglich so fremden Ort für mich ein normales geworden. Manchmal gehe ich morgens in den Kaisergarten, manchmal fahre ich zu einem der zweitausend Tempel oder sitze nur mit einem Kaffee am Fluss. Alles Orte, an denen die Gedanken leichter laufen als anderswo.

Wundern über die eigene Naivität

Jeden Mittag gehe ich es essen und versuche niemals dasselbe zu bestellen, Abenteuer schmeckte noch nie so gut. Das beste Nudelrestaurant befindet sich in einem Tunnel im Bahnhof von Osaka, die beste Bar liegt in einem vierten Stock, dort die dritte Tür links. Manchmal habe ich den Eindruck, die ganze Gegend besteht nur aus geheimen Orten, die ich allein niemals gefunden hätte.

Ich lerne die ersten Worte Japanisch, ich lerne so profane Dinge wie U-Bahn und Bus fahren, ich lerne die Getränkeautomaten an jeder Ecke lieben und auch, dass man gerade die eigentlich nicht lieben darf, weil allein für deren Versorgung schon zwei Atomkraftwerke nötig sind. Vielleicht sind es solche Gedanken, an denen die Folgen der Katastrophe hier spürbar sind. Es wird viel gesprochen über alternative Energie, es wird an der Atomkraft gezweifelt, an die man bisher kaum dachte, die vor dem 11. März eigentlich kein Thema war. Immer wieder höre ich, dass man gar nicht darüber nachgedacht hat.

Auch wenn genau vor dieser Verkettung – Erdbeben und Nuklearkatastrophe – schon seit zwanzig Jahren einzelne Wissenschaftler warnen, so kam es doch nur bei den wenigsten an. Jetzt wundert man sich eher, dass es überhaupt so lange gut gehen konnte, und ein bisschen auch über die eigene Naivität. Dass Japan nun umsteigt oder gar aussteigt, bezweifelt allerdings fast jeder. Japan gilt als enorm fortschrittlich und rasant, wenn es um technische Entwicklungen geht, im Umdenken aber sind die Japaner nicht ganz so schnell. Vorerst ist Stromsparen das große Thema. Zwanzig Prozent weniger in jedem Unternehmen, in jedem Haushalt. Schon jetzt haben die Leute Angst vor dem Sommer, der so heiß und feucht ist, dass einem die Lederschuhe wegschimmeln, und der ohne den Dauereinsatz von Klimaanlagen bisher nicht vorstellbar ist. Wahrscheinlich wird 2011 das erste Jahr, in dem man die Regenzeit im Juni so richtig genießt.


Lucy Fricke ist die erste Stipendiatin, die die neue Künstlerresidenz des Goethe-Instituts in Kyoto, die Villa Kamogawa, bezogen hat. Dreimal jährlich lädt das deutsche Kulturinstitut künftig je vier Künstler und Kulturschaffende für drei Monate in die Residenz am Fluss Kamogawa ein. Von den ersten vier Stipendiaten hatten jedoch drei die Reise wegen der aktuellen Geschehnisse in Japan die Reise nicht angetreten, so dass die Literatin Fricke die Residenz während ihres Aufenthalts für sich hatte. Residenzprogramme bieten die Möglichkeit, mit einem Stipendium für einige Wochen oder Monate in der Fremde zu leben und zu arbeiten. Über die intensive Zusammenarbeit vor Ort entstehen langfristig wirkende Kontakte, die die Grundlage für weitere gemeinsame Projekte sind. Das Goethe-Institut betreut zahlreiche Residenzformate, die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten. Ihr gemeinsames Ziel: die Verankerung der Projekte in den lokalen Szenen.

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