Goethe aktuell

Ein Institut für Zypern: Neue Zeit in der Pufferzone

Marcos GIttisCopyright: Marcos Gittis
Schlüsselübergabe: Wörmann-Stylianou mit Nachfolger Luley (Foto: Marcos Gittis)

17. Juni 2011

Zypern hat wieder ein Goethe-Institut. In Nikosia wurde die Einrichtung in dieser Woche zum zweiten Mal eröffnet – an der brisanten Nahtstelle zwischen beiden Inselteilen. Von Werner Bloch

Weiß blühender Oleander, Akazien, Palmen – im Zentrum von Nikosia herrscht die reinste mediterrane Idylle, zumindest auf den ersten Blick. Doch jenseits der sandsteinfarbenen Kirchen und Moscheen, der Hotels und Spielcasinos gibt es hier auch eine ganz andere Wirklichkeit. Wer etwa das Goethe-Institut mit seiner schönen historischen Villa besuchen will, der muss erst mal vorbei an Absperrungen und Häuserruinen, an Stacheldraht, Wänden aus Sandsäcken und alten Ölfässern. Hier hat man schlagartig das ganze Panoptikum des Kalten Krieges vor Augen, ein Szenario, von dem man nicht mal wusste, dass es so noch existiert – außerhalb der Filmwelt von James Bond.

Das Goethe-Institut liegt auf einem „Hot Spot“: mitten in der Pufferzone zwischen der Republik Zypern und dem im Norden liegenden Territorium, der „Türkischen Republik Zypern“, die nur von Ankara anerkannt wird. 1974 gab es hier einen Krieg, der die Insel bis heute teilt.

„Die geografische Lage des Instituts ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance“, sagt Frau Ute Wörmann-Stylianou, die langjährige Leiterin des bisherigen Goethe-Zentrums Nikosia. Die Position des Hauses spiegelt die Probleme Zyperns, aber es zeigt auch durch sein Programm Möglichkeiten zu einer Heilung der Wunde an der Grenze auf.

Am Dienstag erklang hier, zwischen Ruinen und dem Hauptquartier der UN-Friedenstruppen, Jazz. Hunderte Gäste aus Nord- und Südzypern, einschließlich dem Staatspräsidenten der Republik Zypern, Dimitris Christofias, zwängten sich in den Garten, um zu feiern und sich von einem deutschen Weltmeister verköstigen zu lassen, Manfred Peters, einem Grillchampion aus der Nähe von Bielefeld.

Treffpunkt Goethe

Zelebriert wurde die Wiedereröffnung des Goethe-Instituts. Sicher, es gab hier schon mal ein Institut seit der Unabhängigkeit 1960. Doch trotz der politisch bedeutsamen Lage an der kulturellen und politischen Nahtstelle Zyperns sollte das Goethe-Institut 1999 unter der Sparpolitik Joschka Fischers geschlossen werden. Es wurde dann zu einem „Goethe-Zentrum“ degradiert – und ist seit dieser Woche wieder ein vollwertiges Goethe-Institut, nachdem Kanzlerin Angela Merkel bereits im Januar einen Besuch abgestattet hatte.

„Bisher war das Goethe-Zentrum nur eine lokale Größe“, sagt Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann. „Jetzt wird es an das europäische Goethe-Netz angeschlossen und viel mehr leisten können als bisher.“ Das Goethe-Institut in Nikosia habe seine Fußfesseln abgestreift und könne nun endlich auch international tätig werden. Die Berufung des krisenerfahrenen Institutsleiters Björn Luley, bisher in Damaskus, deutet an, dass sich hier eine Menge tun soll.

Die Arbeit des Goethe-Instituts in der UN-Pufferzone war aber auch für das innerzyprische Verhältnis von katalysatorartiger Bedeutung. Bis 2003, als die Mauer auf der sich quer durch die Insel ziehenden „Green Line“ vollständig teilte, konnten sich die türkischen und die griechischen Zyprioten praktisch nur an diesem einen Ort der Insel treffen: Im Goethe-Institut. Das ist ungefähr so, als hätte es zu Mauerzeiten in der Nähe des Brandenburger Tors ein ausländisches Kulturinstitut gegeben, das von Ost- und Westdeutschen zugleich hätte besucht werden können. Eine fantastische Vorstellung.

In Zypern war sie Realität. Denn im Goethe-Zentrum in der UN-Pufferzone saßen türkische und griechische Zyprioten gemeinsam in deutschen Sprachkursen und Seminaren. „Wenn nur ein Mitglied der jeweils anderen Volksgruppe in einem Kurs dabei war, dann bedeutete das ein Ferment, dann wurden Fragen gestellt und ein Stück weit Verständnis gewonnen, trotz der jahrzehntelangen Entfremdungen“, erzählt Ute Wörmann-Stylianou, die den Betrieb mit ein paar Ortskräften unter allerschwierigsten Umständen am Leben erhielt.

„Deutsch ist unsere Verbindungssprache“

Es wurden aber auch über die innerzyprische Grenze hinweg gemeinsame Kunstprojekte ausgeheckt. Die deutsche Künstlerin Silvia Henze hat zum Beispiel eine gemeinsame Ausstellung mit einem griechisch-zypriotischem und einem türkisch-zypriotischem Künstler präsentiert: Henze hatte ein altes heruntergekommenes Wohnhaus in der UN-Pufferzone tagelang beobachtet und festgestellt, dass das Fenster dort nur zweimal am Tag geöffnet werden durfte, um zu lüften. Die spärlichen Gesten setzte sie fotografisch zu einer Installation um, mit einer Sondergenehmigung der UN-Blauhelme, denn üblicherweise ist dort Filmen und Fotografieren streng verboten.

Bei ihrem Besuch im Januar vernahm Angela Merkel Erstaunliches. Die Kanzlerin sprach mit Kursteilnehmern aus dem türkisch-zypriotischen und dem griechisch-zypriotischen Teil über deren Alltagswelt – beide Bevölkerungsgruppen beherrschen die Sprache der anderen nicht mehr. Daraufhin sagte einer der Schüler: „Deutsch ist unsere Verbindungssprache.“ Ein ziemlich starkes Statement auf einer Insel, die seit 1974 im Wesentlichen an Trennungen denkt – und noch mehr als bisher auf Europa wartet.

„Es beginnt jetzt eine neue Zeit“, sagt die seit langem an Zypern interessierte Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, Monika Grütters. „Wenn etwas Zypern voranbringen kann, sind das nicht so sehr die stagnierenden politischen Gespräche, sondern die Kultur.“

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