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Kultur und Revolution in Ägypten: Ein bisschen Freiheit, ein bisschen Zensur

Film Clinic EgyptCopyright: Film Clinic Egypt
Fiktion oder Dokumentation? Filmszene aus „Microphone“ (Foto: Film Clinic Egypt)

18. Juni 2011

Der „arabische Frühling“ hat Berlin erreicht. Im Kino Arsenal präsentiert das Goethe-Institut dieser Tage arabisches Kino vom Feinsten. Der ägyptische Streifen Microphone etwa taucht auf seine ganz eigene Art in den Untergrund ab – und macht ihn sichtbar. Von Julia Gerlach

Es beginnt mit einer rasanten Fahrt auf dem Skateboard und schon ist man mittendrin: in Alexandria. Genauer gesagt, in einem Teil der ägyptischen Hafenstadt, den kaum jemand kennt. In der Undergroundszene, nämlich. Ahmed Abdallahs Film Microphone hat in Ägypten für Furore gesorgt. Er gilt als Film, der die Revolution quasi vorhergesagt hat, denn wer Microphone sieht, dem wird klar, so kann es nicht weitergehen. Es gärt unter der ägyptischen Jugend. Sie wollen Freiheit und haben die Schnauze voll von der Bevormundung durch den Staat und die Schikanen der Polizei.

Microphone lässt die Grenzen zwischen Spielfilm und Dokumentation verschwimmen: „Die meisten der Personen spielen sich selbst. Es sind Graffitikünstler, Skateboardfahrer und Hip-Hopper aus Alexandria“, erzählt Regisseur Abdallah. Um es den Zuschauern leichter zu machen, sich in dieser ungewohnten Welt zurechtzufinden – Undergroundkultur ist in Ägypten bisher fast unsichtbar gewesen – nimmt Hauptfigur Khaled die Zuschauer an die Hand. Er ist gerade nach vielen Jahren im Ausland in die Heimat zurückgekehrt und will „was für die Kultur machen“.

Zunächst plant er ein Atelier für bereits etablierte Künstler. Dann stolpert er quasi in ein paar Hip-Hopper und wird fast von einem Skateboard umgefahren. Immer tiefer gerät er in die Szene hinein: Da ist die Mädchenband Mascara, da ist die Graffiti-Sprayerin Aya und natürlich die Jungs, die am Platz am Hafen immer mit ihren Skateboards unterwegs sind. Vor allem lungert da ein Dutzend Bands herum, immer auf der Suche nach einem Ort, an dem sie auftreten können.

Beim Festival der Jugend, extra von der Kulturbehörde eingerichtet für junge Bands, haben sie keine Chance. „Macht ordentliche Musik und Texte, die nicht so unanständig und so kritisch sind, dann dürft ihr mitmachen“, sagt Herr Salah, der Chef der Behörde. Der nächste Versuch, ein unabhängiges Festival in einem Theater zu organisieren, scheitert wieder an Herrn Salah, und als die Jugendlichen dann beschließen, einfach in ihrem Lieblingscafé aufzutreten, kommt die Polizei. Was ihnen bleibt, ist, ihren Frust an der Hafenmole in den Wind zu schreien. Microphone hat kein Happy End – zumindest nicht im Film.

Die Gesellschaft macht Probleme

In der Wirklichkeit ist die Geschichte weitergegangen. Die Jugendlichen aus dem Film waren zum großen Teil ganz vorne dabei, als im Februar Präsident Hosni Mubarak aus dem Amt gejagt wurde, und die Graffitis von Aya sind neuerdings überall in Alexandria zu sehen. Ägypten ist ein freieres Land geworden; wenigstens ein bisschen freier. „In Microphone zeige ich Menschen, die anders leben wollen als die Mehrheit der Gesellschaft, und wie die Gesellschaft auf sie reagiert“, erklärt Abdallah: „Dabei wird deutlich, dass die Repression und Zensur von Seiten der Regierung nur ungefähr ein Drittel der Probleme macht, unter denen die Szene zu leiden hat. Der Rest kommt von der Gesellschaft.“

Noch arbeitet auch die Behörde für Filmzensur intakt, und Abdallah geht nicht davon aus, dass die Abschaffung von Zensur in Ägypten mehrheitsfähig ist. „Die Revolution hat auch die Gesellschaft ein bisschen gelockert. Eltern erlauben ihren Kindern, demonstrieren zu gehen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Mehrheit der Ägypter Graffiti oder Hip-Hop ertragen kann. Viele fordern Zensur, um die Gesellschaft zu schützen.“

In der Kulturszene heftig umstritten sind derzeit auch die berüchtigten Schwarzen Listen: Künstler, die zu lange Mubarak die Treue gehalten haben, sollen in Zukunft boykottiert werden. „Ich bin dagegen, denn jeder soll das Recht auf seine Meinung haben und darauf diese zu ändern“, so Abdallah. Es gibt viel zu diskutieren in diesen Tagen am Nil. Und in Berlin. Denn auch hier geht es am 22. Juni bei einer hochkarätigen Podiumsdiskussion um das Thema „Kultur und Revolution“.


Unter dem Titel Vor dem Sturm – Unabhängiger Arabischer Film präsentiert das Goethe-Institut im Kino Arsenal Filme aus der arabischen Welt: Am Samstag um 20 Uhr werden hier Kurzfilme aus der Reihe Arab Shorts gezeigt. Im Anschluss diskutieren die Kuratoren der Serie mit dem Publikum. Am 19. und 20. Juni ist der bekannte ägyptische Regisseur Ibrahim Al Batout zu Gast in Berlin und zeigt seine beiden preisgekrönten Spielfilme Ain Shams (2008) und Hawi (2010). Am 21. und 22. Juni kommt ebenfalls aus Ägypten Ahmed Abdallah und zeigt Heliopolis (2009) und Microphone (2010). Am 22. Juni schließlich findet um 18 Uhr im Allianz Forum am Pariser Platz die Diskussion Kultur und Revolution. Zur Rolle von Kultur und Kulturpolitik in Zeiten des Wandels in der arabischen Welt statt.


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