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Dokumentarfilmer im Irak: Die Kamera als Waffe

Copyright: Kasim Abid
Filmszene aus „Charcoal and Ashes“: Arbeiter im Irak stellen Holzkohle her (Foto: Kasim Abid)

23. Juni 2011

Tausende Inhaftierte ohne Anklage oder Gerichtsverfahren, fast 300 Todesurteile, mehrere Angriffe auf Journalisten: Menschenrechte sind im Irak schwer durchsetzbar; darüber Dokumentationen zu drehen ist nicht viel leichter. Zehn junge Filmemacher haben es trotzdem getan.

Acht Jahre nachdem Saddam Hussein gestürzt wurde, ist die Lage der Menschenrechte im Irak immer noch prekär. Amnesty International berichtet 2011 von Unsicherheit, von Gewalt bewaffneter Gruppen gegen Angehörige von religiösen und ethnischen Minderheiten, Frauen, Journalisten oder Anwälten. Menschen, die von ihrem Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch machen, werden attackiert, Künstler können ihren Beruf nicht mehr ausüben.

Um auf die Menschenrechtssituation im Irak aufmerksam zu machen und junge irakische Filmemacher für dieses Thema zu sensibilisieren, haben das Deutsche Institut für Menschenrechte und das Goethe-Institut das mehrmonatige Dokumentarfilmprojekt Human Rights Matter im Irak durchgeführt. Nach einer irakweiten Ausschreibung im Sommer 2010 wählte eine Jury aus über 60 Bewerbungen zehn junge Filmemacher aus. In einem Workshop näherten sie sich gemeinsam mit Anna Würth, Menschenrechtsexpertin am Deutschen Institut für Menschenrechte, und dem britisch-irakischen Filmemacher Kasim Abid dem Thema Menschenrechte an. Anschließend ging es daran, die Drehkonzepte, die sie bei ihrer Bewerbung eingereicht hatten, filmisch umzusetzen.


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Dokumentarfilm „Charcoal and Ashes" (Hussein Mohsin Al Sahyu)


Doch Protagonisten zu finden, die sich vor laufender Kamera über Menschenrechtsverletzungen äußern, ist nicht leicht. „In der jetzigen Situation im Irak ist es schon gefährlich, eine Kamera überhaupt dabei zu haben“, sagt Kasim Abid, Gründer des Independent Film & Television College, Bagdad, dessen Dokumentarfilm Life after the Fall 2008 den Hauptpreis des Internationalen Dokumentarfilmfestivals München gewann. „Die Kamera ist wie eine Waffe – dessen muss man sich immer bewusst sein.“

Nicht alle zehn Filmemacher schafften es, ihre Konzepte umzusetzen. Vier Dokumentarfilme konnten schließlich realisiert werden. Herausgekommen sind berührende Geschichten über Pressefreiheit, Frauenrechte, Diskriminierung und Umweltzerstörung. „Allein, dass diese vier Filme entstanden sind, sehen wir als Erfolg. Wir wünschen uns, dass diese Filme im Irak, aber auch in anderen arabischsprachigen Ländern gesehen und diskutiert werden“, sagt Bettina Hildebrand vom Deutschen Institut für Menschenrechte. Im Frühjahr 2011 wurden sie etwa auf dem Travelling Documentary Film Festival in Bagdad, Basra und Erbil präsentiert.

Zwei der Filme sind auf dem 4. Golf-Film-Festival ausgezeichnet worden: Charcoal and Ashes von Hussein Mohsin Al Sahyu aus Basra zeigt die Folgen der Armut und die lebensgefährlichen Bedingungen, unter denen Arbeiter im Regierungsbezirk Babil aus Holz Kohle herstellen. Sing your Song von Omar Falah aus Al-Nasiriyah porträtiert einen Sänger der aufgrund der aktuellen politischen Situation seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. „Ich hoffe, dass diese Auszeichnung ihnen das Selbstvertrauen als etablierte junge Filmemacher gibt“, so Kasim Abid, „und sie weiter bestärkt, Themen anzusprechen, über die diskutiert werden sollte.“


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Dokumentarfilm „The Widow" (Hassanain al Hani)


Rund drei Millionen Witwen leben im Irak – die meisten von ihnen weit unter der Armutsgrenze. Hassanain al Hani aus Kerbela erzählt in The Widow die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Mann bei einer Autoexplosion verloren hat und um ihr tägliches Überleben kämpft.

Seit 2003 sind 253 irakische Journalisten im Irak ums Leben gekommen. Speak your Mind von Emad Ali Abbas aus Bagdad erzählt die persönlichen Geschichten dreier irakischer Journalisten. Einer von ihnen, ein ehemaliger Fotograf der Agentur Reuters, wurde von amerikanischen Truppen unschuldig ins Gefängnis geworfen – aufgrund einer Verwechslung. Ein zweiter sitzt im Rollstuhl, nachdem er während eines Drehs Opfer eines Anschlags wurde. Eine Journalistin einer anderen Agentur wurde gekidnappt, kam wieder frei und erhält seitdem ständig Morddrohungen. Im Oktober 2010 musste sie den Irak verlassen.

„Die Auszeichnungen für zwei der Filme sind tolle Erfolge für die Filmemacher“, sagt Anna Würth, „aber an den objektiven Bedingungen, unter denen sie arbeiten, ändern sie nichts.“ Dennoch – in der derzeitigen Situation im Irak ist es wichtig, Menschen zu finden, die ihre Geschichten vor der Kamera erzählen. „Die irakische Öffentlichkeit muss über Menschenrechtsthemen informiert werden“, so Kasim Abid, „– und Dokumentarfilme geben den Menschen eine Stimme.“

-akl-
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