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Goethe zum Sechzigsten: „Kunst ist nie unschuldig“

Andreas TeichCopyright: Andreas Teich
Großer Beifall für Festredner Jaibi (Foto: Andreas Teich)

6. Juli 2011

Eine Party, die sich sehen und hören ließ: Das Goethe-Institut hat in Berlin seinen 60. Geburtstag begangen und dabei auf eine wechselhafte Geschichte zurückgeblickt – mit Erfolgen, Mühen und Skandalen. Und einer denkwürdigen Begegnung in den Alpen.

Eine Bergwiese in den Fünfzigerjahren. Herrlichstes Alpenpanorama. Eine Gruppe von Wanderern aus aller Welt stürzt auf einen alten Mann mit Trachtenhut und Pfeife zu. Eine junge Iranerin fragt: „Verzeihen Sie, wie weit ist es bis zum nächsten Ort?“ Die Antwort: „So oanahoib Stund.“ Die Frau scheint verwirrt. „Wie bitte?“ Ein Mann im karierten Hemd mischt sich ein und erklärt: „Dialekt. Er meint: Eine und eine halbe Stunde. Oder eineinhalb Stunden.“ Der alte Mann protestiert: „Des hob’ i ja gsogt.“

Es ist eine Szene aus dem Kurzfilm Lida lernt Deutsch des jungen Edgar Reitz, die am Dienstagabend in Berlin für Amüsement unter den Gästen des Festakts zum 60. Geburtstags des Goethe-Instituts sorgt. Ein Blick in eine ferne Vergangenheit einer ansonsten sehr präsenten Institution. Reitz, der später unter anderem durch seine Familiensaga Heimat berühmt wurde, war damals beauftragt worden, mit einem Werbefilm internationale Studenten für Sprachkurse des Goethe-Instituts zu begeistern. Jetzt fanden seine Bilder Einzug in den sechzigminütigen Film Planet Goethe, in dem die Filmemacherin Maren Niemeyer auf die sechzigjährige Geschichte des Instituts zurückblickt.

Nicht ohne Stolz beging das Kulturinstitut an diesem Abend mit rund tausend Gästen aus Kultur und Politik in der Berliner Gemäldegalerie das Jubiläum. Institutspräsident Klaus-Dieter Lehmann ließ zunächst eine sechs Jahrzehnte andauernde, wechselhafte Geschichte noch einmal Revue passieren – von der „ungewöhnlichen Entscheidung der jungen Bundesrepublik, die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik in die Hände einer unabhängigen Organisation zu legen“, über die Aufwertung der Außenkulturpolitik unter Willy Brandt bis zu dem heutigen, auch in den Ländern des früheren Ostblocks erfolgreichen Modell Goethe. Freilich habe das Institut in dieser Zeit nicht nur die Leichtigkeit des Seins, sondern auch die Mühen der Ebene erlebt. Deshalb bemühte er nicht nur das Bild der dritten Säule der Außenpolitik, sondern auch das des fünften Rades am Wagen.

Skandale mit Goethe

Die Verdienste des Goethe-Instituts würdigte auch Guido Westerwelle. „Dass Deutschland heute überall in der Welt geschätzt wird“, so der Bundesaußenminister, „wäre nicht gelungen ohne die überragende Leistung des Goethe-Instituts.“ Und für die weitere Zukunft wünschte sich der FDP-Politiker: „Wir müssen neugierig machen auf Deutschland. Wir müssen für Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen anziehend werden.“

Die Unabhängigkeit des Goethe-Instituts hatte für die Politik in der Vergangenheit auch ihren Preis. So erinnerte Lehmann an Skandale – etwa als das Goethe-Institut 1974 in London eine Ausstellung von Klaus Staeck mit provokanten Plakaten zu Franz Josef Strauß organisierte. Der war wenig erbaut darüber. Doch das Goethe-Institut ging vor der Macht nicht in die Knie. Staeck ist dem Institut auch heute noch verbunden – und war nun einer der Ehrengäste des Abends. „Kultur ist nicht unpolitisch“, betonte Lehmann.

Damit sprach er auch Fadhel Jaibi aus dem Herzen. „Kunst ist nie unschuldig“, sagte der tunesische Regisseur, der die Festrede des Abends übernommen hatte und von der Jasminrevolution in seiner Heimat berichtete. „Ich mag den Namen eigentlich nicht“, bekannte er. „Jasmin verblüht schnell. Vielleicht hätten wir die Revolution Kaktusrevolution nennen sollen. Kakteen haben auch sehr schöne Blüten – und sie stechen.“ Jaibi forderte: „Kunst darf sich nicht in den Dienst des Stärksten stellen. Sie ist da zum Protest.“ Kultur und Bildung seien die Grundlage einer Gesellschaft. „Kultur ist kein Luxus. Sie ist nicht die Kirsche auf dem Kuchen.“ Eigentlich, so forderte er schließlich, müsste man das Budget des Goethe-Instituts verdreifachen, und machte sich damit viele Freunde. Der ganze Saal applaudierte – bis auf den Außenminister.

Der schönste Teil des Abends fand unter offenem Himmel statt – und stand allen Berlinern offen. Der Sänger Jens Friebe lud zu einem Konzert mit dem Titel Abend voller Glück – ein passender Titel, wie Lehmann fand. Außerdem wurde im Freiluftkino am Kulturforum Planet Goethe gezeigt. Darin ging es natürlich nicht nur um die Kultur-, sondern auch um die Spracharbeit des Instituts und brachte den Zusehern unter anderem auch eine Erkenntnis von Nina Hagen nahe: „Deutsch lernen isn’t that terrible complicated, is ganz einfach, ich hab’s ja schließlich auch gelernt.“

Mehr zum Thema „60 Jahre Goethe“ finden Sie auf unserer Jubiläumswebsite: www.goethe.de/60jahre
Der Film Planet Goethe von Maren Niemeyer wird ab 6. Juli von der Deutschen Welle ausgestrahlt, die genauen Sendetermine finden Sie hier. Außerdem zeigt die Deutsche Welle eine achtteilige Dokumentationsreihe über die Arbeit des Goethe-Instituts: Ein Sommer mit Goethe.

-db-
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