Goethe aktuell

Sibylle Bergemann: Sie sah die Schönheit und sie sah den Zweifel

Copyright: Ostkreuz/Sibylle Bergemann
Mode in Dakar: Sie machte die Farbe zur Komplizin ihrer Sicht (Foto: Ostkreuz/Sibylle Bergemann)

19. Juli 2011

Mit ihren Modeaufnahmen, Porträts und Bildern des Ostberliner Alltags schrieb Sibylle Bergemann Fotogeschichte. Das Goethe-Institut zeigt das Werk der im vergangenen Herbst verstorbenen Künstlerin in Ausstellungen, die von Mailand bis Moskau ein begeistertes Publikum finden. Von Jutta Voigt

In jedem Bergemann-Bild steckt ein Rätsel. Eine Ungewissheit, etwas Unerklärbares. Die Fotografin bevorzugte Tarnfarben. Pullover, Jacke, Ohrringe, Auto, alles olivgrün oder erdbraun – man muss untertauchen können. Unsichtbar sein, um besser sehen zu können. Mag die Wirklichkeit ihre Wunder noch so sehr verbergen, Sibylle Bergemann entdeckte sie, aber sie pries sie nicht an. Das Geheimnis als Zuflucht, so bleibt Hoffnung, die Poesie ist keine Verräterin. Die Fotografin hütete das Geheimnis, das der Dinge, das der Menschen und das eigene; es schützt vor Entblößung und bewahrt die Intuition vor Irrtümern.

Es gibt kaum ein Bergemann-Foto, auf dem gelacht wird (Foto: Ostkreuz/Sibylle Bergemann)

Bergemann-Fotos sind heute schon Legenden. Die missmutigen Mädchen am Strandkorb, der wütende Hund von Kazan, die schwarz umtoste Seebrücke in Sellin, die behinderten Schauspieler des Theaters RambaZamba. Das Bildnis von der Nescafé-Bude in einem verlorenen Vorort von Dakar im Senegal ist neulich für 3.000 Euro im Auktionhaus Villa Grisebach versteigert worden. Sie hat die am Lastkran schwebenden Marx-Engels-Statuen über dem Berliner Zentrum fotografiert, halbiert und gefesselt, entmystifiziert schon bei ihrer Inauguration in der zerfallenden DDR – die Bilder hängen im Museum of Modern Art in New York.

Bei der großen Bergemann-Ausstellung 2006 in der Akademie der Künste hatte sie bis in den Abend zu tun gehabt mit ihren Fotos. Dann fuhr sie nach Hause, umziehen und duschen. Sie kam zurück und sagte: Hier muss noch irgendeine andere Veranstaltung sein. Sie kam nicht darauf, dass die Massen von Menschen, die in die Akademie strömten, dass die alle zu ihr gekommen waren, man spricht von 2.000.

Lautes Lachen – nein!

Die Fotografin war von zierlicher Gestalt, ihre Haut von milchigem Weiß mit gelegentlichen Sommersprossen, das dunkelblonde Haar dünn. Ihr schmales Gesicht wurde beherrscht von auffallend hellen Augen und einem elegischen Jeanne-Moreau-Mund. Sie ist schüchtern gewesen, still und bestimmt, ein eigensinniger Pakt von Empfindsamkeit und Energie war da geschlossen worden. Dass sie über einen robusten Humor verfügte und albern sein konnte, wussten nur Eingeweihte.

Ich habe sie nie lauthals lachen sehen, vermutlich empfand sie das als Stilbruch. Lächeln, das schon, ein Auflachen im Verborgenen, ein kurzes Kichern über eine absurde Situation, lautes Lachen aber – nein. Möglicherweise hatte sie die Abneigung gegen die Bitte-recht-freundlich-Fotografie verinnerlicht oder die gegen den angeordneten Optimismus der DDR-Presse, wo Lachen Einverständnis mit den Verhältnissen vortäuschen sollte. So wie heute die aufgerissenen Münder der Werbebranche die Angst vor dem Konsumieren weglachen sollen. Es gibt kaum ein Bergemann-Foto, auf dem gelacht wird, alles Laute ist Lüge.

Angefangen hatte es mit einer Doppelliebe. Sibylle Bergemann saß als Sekretärin im Büro vom Magazin und wusste: Sekretärin kann ich nicht bleiben, ich muss was Eigenes machen. Ihr erstes Foto entstand mit einer einäugigen 6x6-Spiegelreflex-Kamera, da war sie 24. Eines Tages betrat ein Mann in einem olivgrünen Parka die Redaktion, ein Erzähler von Format, einer mit Witz und dem unbedingten Willen, der vorherrschenden Schnappschuss-Knipserei das Bewusste, das Direkte entgegenzusetzen. Er war 15 Jahre älter als sie, als Fotograf ein Geheimtipp, als Lehrer ein Unikat. Arno Fischer lehrte an der Kunsthochschule Weißensee. Der musste es sein, der oder keiner: Ich wollte Arno, und ich wollte fotografieren. Was die Bergemann wollte, kriegte sie. Sie wurde seine Schülerin, seine Geliebte, seine Konkurrentin.

Farbenrausch

Sibylle Bergemann hat schnell gelernt. Ebenso schnell fotografierte sie anders und anderes als ihr Lehrer. Wirklichkeit ohne Traum wäre Weltende. Sie sah die Schönheit und sie sah den Zweifel, sie suchte den Traum hinter der Realität. Die Fotografin trug die Kamera immer bei sich, es konnte ihr was begegnen, das fotografiert werden musste, gefallene Engel zum Beispiel. Wenn sie den Fotoapparat vergessen hatte, ging sie zurück nach Hause und holte ihn.

Ob sich nach der Wende ihre Haltung zur Fotografie verändert habe, wurde sie öfter gefragt. Warum sollte ich, ich fotografiere wie immer, hatte Sibylle Bergemann geantwortet. Der belletristische Blick war geblieben, die Suche nach dem Poetischen am Rand, nicht in der Mitte. Eins allerdings war anders geworden. Sie wechselte von Schwarzweiß zu Farbe. Das wurde gefordert von den Magazinen, für die sie nun arbeitete. Farbe ist unrealistisch, grell und gewöhnlich, Farbe ist Operette – davon war die Fotografin ein halbes Leben lang überzeugt gewesen. Sie reagierte auf ihre Weise, sie machte die Farbe zur Komplizin ihrer Sicht. Trieb ihr das Grelle, Laute, Strahlende aus, machte sie weich, fließend, „grau“. Auf den Afrika-Bildern scheint ein Schleier aus Staub die Szenerien zu verhüllen und gleichzeitig zu entdecken. Nichts Buntes und doch ein Farbenrausch.

Bis zuletzt probierte sie Neues

Nach ihrer ersten Krebsoperation vor sechs Jahren hatte Sibylle Bergemann sich einen Toyota Yaris Verso gekauft, ein schönes, grünes, kompaktes Auto, ungewöhnlich hoch und fast vier Meter lang, mit viel Laderaum für Hunde und Fotokisten. „Manche denken vielleicht, warum kauft die sich noch ein neues Auto, wo sie doch Krebs hat“, bemerkte Sibylle und gab Gas. Auch dieser Autokauf war eine Aufsässigkeit. Eine Aufsässigkeit wie die gegen konventionelle Sichtweisen in der Fotografie, wie die Aufsässigkeit gegen die Reisebeschränkungen der DDR, wie die Aufsässigkeit gegen das Sich-Ergeben in das Schicksal Krankheit.

Sie hat in diesen sechs Jahren gearbeitet als sei nichts. Sie fotografierte bis zuletzt. Bis zuletzt probierte sie Neues. Anstatt in dieser schweren Zeit einen Persönlichkeitsverlust zu erleiden, schien sie unter der Last noch stärker zu werden. Sie hat am Leben festgehalten, an diesem aufregenden Leben, das täglich neue Bilder bereithielt: „Wenn ich in der Dunkelkammer stand, und es war was Vernünftiges rausgekommen beim Fotografieren, dann war plötzlich alles wieder gut. Als ob ich gar nicht krank wäre.“

Am 1. November vergangenen Jahres hatten sich die Wunder im Kampf um ihr Leben erschöpft. Das Wunder, das bleibt, sind ihre Bilder. In jedem Foto ist sie, Sibylle Bergemann ganz und gar.

Der Text stammt aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „Wie geht es eigentlich den Frauen?“ (zum PDF).

Noch bis zum 4. September zeigt die c/o-Galerie in Berlin Polaroid-Porträts von Sibylle Bergemann.
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten