Goethe aktuell

Günter Grass im Interview: „Wir galten als Nestbeschmutzer“

Copyright: Martin Wälde
Nobelpreisträger Grass: „In Diktaturen ist das Goethe-Institut eine Anlaufstelle für Oppositionelle“ (Foto: Martin Wälde)

5. August 2011

Das Goethe-Institut feiert seinen 60. Geburtstag. Am 9. August 1951 wurde es in das Vereinsregister eingetragen. Günter Grass nennt den Jubilar „eine der schönsten Errungenschaften der Bundesrepublik“. In einem Interview blickt der Schriftsteller auf fünf Jahrzehnte sehr persönliche Verbundenheit mit dem Institut zurück.

Erinnern Sie sich an Ihre ersten Begegnungen mit dem Goethe-Institut?

Günter Grass: Das war Anfang der Sechzigerjahre, bald nach Erscheinen der „Blechtrommel“. Damals las ich im Goethe-Haus in New York, das damals noch nicht zum Goethe-Institut gehörte. Dann kam ein Auftritt nach dem anderen, erst in europäischen Ländern, später in Asien. Ich kann die Institute, in denen ich war, nicht zählen.

Was bedeuteten diese Erfahrungen im Ausland für Sie als jungen Autor?

Für mich waren diese Reisen ein Gewinn. Sie waren die Möglichkeit herauszukommen aus der deutsch-deutschen Situation. Ich lebte in Berlin und war mit der Teilung und der Mauer täglich konfrontiert. Die politische Situation in Deutschland war verharscht. Ich habe meine Reisen immer sehr gründlich vorbereitet und wollte neben meinen Lesungen auch einen Einblick in die sozialen Zustände des Landes bekommen. Insgesamt muss ich sagen, dass ich viel dabei gelernt habe – auch mit Hilfe des Goethe-Instituts.


Mehr zum Thema „60 Jahre Goethe“ finden Sie auf unserer Jubiläumswebsite

Was haben diese Reisen bewirkt?

Als Deutscher stieß man damals im Ausland noch auf viele Vorurteile. Doch Schriftsteller und andere Intellektuelle, die auf Einladung des Goethe-Instituts unterwegs waren, scheuten sich nicht, auch deutsche Missstände zur Sprache zu bringen. Damit haben sie dazu beigetragen, dass das starre Bild von den Deutschen sich zu wandeln begann. Das wurde im Inland allerdings nicht immer so gesehen. Es gab in den Sechzigerjahren Angriffe insbesondere von Seiten der Konservativen. Wir galten als Nestbeschmutzer, weil wir kritisch mit dem eigenen Land umgingen. Man war nicht bereit, das als Gewinn anzusehen.

Grass in Lissabon, 1998: „Ich kann die Institute, in denen ich war, nicht zählen“ (Foto: Marion Gullmann Costa)

Gibt es eine Veranstaltung, die polarisierte und an die Sie sich besonders erinnern?

Mitte der Achtzigerjahre organisierte das Goethe-Institut eine wunderbare Veranstaltung in Brüssel, zu der über tausend Leute kamen. Ich war gemeinsam mit dem ostdeutschen Schriftsteller Stefan Heym zu einem Disput eingeladen. Die Frage, die wir gestellt haben und die zu diesem Zeitpunkt kaum jemand stellte, war: Was geschieht, wenn die Mauer fällt? Ich bin damals davon ausgegangen, dass es eine Chance wäre, sich anzunähern und mit einer Konföderation der beiden Staaten zu beginnen. Heym vertrat ähnliche, teils divergierende Ansichten. Auf jeden Fall waren beide Standpunkte nicht populär.

Wie war die Reaktion?

Die Veranstaltung hat in der Bundesrepublik Protest ausgelöst, ausgehend von einem Bericht der Botschaft in Brüssel. Ich habe an den zuständigen Mann im Auswärtigen Amt geschrieben und ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Sicht der Dinge, wie das Auswärtige Amt sie hatte, an der Realität vorbei ging. Es entsprach meinen politischen Intentionen, dass wir uns in einer Zeit, in der von politischer Seite niemand offen darüber gesprochen hat, dass die Mauer fallen könnte, Gedanken darüber gemacht haben.

Kann die auswärtige Kulturpolitik durch offenen Dialog und offene Plattformen friedensstiftend, konfliktpräventiv sein – oder ist das eine Überfrachtung?

In konfliktgeladenen Regionen, Diktaturen oder Halbdiktaturen war und ist das Goethe-Institut eine Anlaufstelle für Oppositionelle, ein Brutkessel für mögliche Entwicklungen. Das trifft nicht in jedem Fall zu, aber man muss dankenswerterweise sagen, dass das Institut oft mutig war und offen für die Opposition – auch wenn das dem außenpolitischen Kurs der Bundesrepublik widersprach. Eines ist aber sicher falsch: Wenn man den Fehler der Politik nachmacht und meint, dass man Demokratie nach unseren westlichen Vorstellungen einfach transportieren kann. Diese Vorstellungen scheitern. Was in Nordafrika heute passiert, ist Eigengewächs, weist auf die sozialen Probleme dieser Länder hin. Zudem haben wir auf das Terrorismusproblem gestarrt und uns oft Diktatoren als Verbündete gesucht, die nicht in unsere Demokratievorstellungen passen. Das war schon während des Kalten Krieges so, als man Diktaturen unterstützte, weil sie antikommunistisch waren. Die Goethe-Institute haben nach meinen Erfahrungen nie den Fehler gemacht, wie Kolonialherren aufzutreten und dabei einfach unsere Vorstellungen von Demokratie zu transportieren. Übrigens beginnt innerhalb Europas das demokratische System zu bröckeln, auch in der Bundesrepublik. Alte demokratische Länder, wie Holland zum Beispiel, werden mitbestimmt von einer populistischen, rechts stehenden, fremdenfeindlichen Partei. Auch diese Dinge sollte man ansprechen. Wir Europäer sind weiß Gott nicht mehr beispielhaft.

Fallen Ihnen Beispiele ein, wo die Goethe-Institute Anlaufstellen der Opposition waren?

Während der Obristenzeit in Griechenland bekam ich eine Einladung von Oppositionellen, nach Athen zu kommen. Ich habe eine Rede vorbereitet und ins Griechische übersetzen lassen. In meinem Koffer führte ich 1.000 Exemplare dieser dünnen Broschüre mit. Das wäre alles geplatzt, wenn ich durch die üblichen Kontrollen gemusst hätte. Aber am Flugzeug in Athen stand der Leiter des Goethe-Instituts und hat dafür gesorgt, dass ich mit meinem Koffer passieren konnte. So konnte die Rede nach der Veranstaltung, die natürlich von der Geheimpolizei bespitzelt wurde, verteilt werden. Ich habe immer wieder erlebt, nicht nur in Athen, auch in Portugal oder in Chile, dass die Institute Anlaufstelle für Oppositionelle waren. Sie waren dort in einem geschützten Raum, konnten Zeitung lesen, sich informieren, auch Gespräche miteinander führen. So entwickelten sich die Institute zu einer Art Zuflucht.

Wie wichtig ist die Unabhängigkeit des Goethe-Instituts?

Ich meine, dass das Verhältnis zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Goethe-Institut einer Klärung bedarf. Je mehr Unabhängigkeit das Goethe-Institut hat, desto besser ist es für die Außenpolitik. Als Joschka Fischer Außenminister war, hat er dem Institut ein Sparprogramm aufgenötigt, das zu Schließungen führte. Unter Frank-Walter Steinmeier wurde es besser, man hat wieder einige Institute geöffnet. Es ist übrigens wichtig, beim Goethe-Institut auch den Sprachunterricht zu fördern, weiter auszubauen. Wo man auch hinkommt, sind die Deutschkurse gut besucht. Und das sind später Menschen, die am Aufbau des eigenen Landes mitwirken. Mit der Sprache nimmt man auch ein Stück Kultur auf, der Austausch beginnt dort. Auch bei der Sprachvermittlung darf man nicht sparen.

Sie sind seit fünf Jahrzehnten für das Goethe-Institut unterwegs. Das ist ja fast eine Langzeitstudie. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Die längste Zeit war ich von Seiten einer Bundesrepublik unterwegs, die noch einen deutschen Nachbarstaat namens DDR hatte. Wer reiste, reiste auch mit diesem Gepäck. Die Institute waren natürlich davon belastet. Die Kontroversen, die ich erwähnt habe, hatten alle damit zu tun. Diese Last sind wir einerseits heute los, andererseits kann nun eine gewisse Gefahr der Beliebigkeit entstehen. Was ich auch sehe: Wenn ich in den Sechziger-, Siebziger-, bis in die Achtzigerjahre eine Veranstaltung hatte, wurde mir gesagt, dass der Botschafter leider verhindert sei. Das hat sich geändert, entspannt. Jetzt passiert es manchmal, dass der Botschafter dabei ist. Auch im diplomatischen Corps wirkt nun eine andere Generation.

Hatte eine Reise mit dem Goethe-Institut Einfluss auf Ihr Werk?

Als ich nach Kalkutta kam, mit den Slums und dem Elend konfrontiert war, aber gleichzeitig auch mit bengalischer Hochkultur und vitalem Leben, konnte ich zuerst nicht schreiben. Ich habe aufs Zeichnen zurückgegriffen und bin mit meinem Skizzenblock durch die Gegend gezogen. Über das Zeichnen bin ich zu einem tagebuchartigen Schreiben gekommen, dass dann zu einem längeren Kalkutta-Gedicht führte. Aus diesen drei Elementen – Tagebuchnotizen, dem Gedicht und den Zeichnungen – habe ich das Buch „Zunge zeigen“ gemacht.
Als es erschien, hieß es in Deutschland, da steht zu wenig über Kultur. Aber mein Augenmerk lag eben auf den sozialen Verhältnissen. Auch in Indien wurde es kontrovers aufgenommen. Viele Inder sagten: „Muss man immer darauf gucken? Gibt es nicht schönere Dinge in Indien, die man in den Vordergrund stellen kann?“ Da ich aber gewohnt bin, dass meine Bücher kontrovers aufgenommen werden, wäre ich eher misstrauisch geworden, wenn das Buch überall Zustimmung gefunden hätte.

Was wünschen Sie dem Goethe-Institut zum Sechzigsten?

Die Öffentlichkeit und die jeweilige Regierung sollten anerkennen, dass die Leistungen des Goethe-Instituts mit zu den schönsten Errungenschaften der Bundesrepublik gehören. Wenn man bedauert, wie das Englische auf dem Vormarsch ist und die Deutsche Sprache verdrängt wird, dann soll man nicht genau an deren Vermittlung sparen. Auch diese Art der Arbeit in Goethe-Instituten, die Sprachvermittlung, soll man nicht nur erhalten, sondern weiter ausbauen.

Das Gespräch führten Maren Niemeyer und Arne Schneider

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews mit Günter Grass. Die ausführliche Version finden Sie im Jahrbuch 2010/2011 des Goethe-Instituts (zum PDF).

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