Goethe aktuell

Als DJ um die Welt: „Man geht immer ein Risiko ein“

Copyright:  Goethe-Institut
An den Plattenspielern: Hans Nieswandt in Nowosibirsk (Foto: Goethe-Institut)

13. September 2011

In der Transsibirischen Eisenbahn hat er in rauen Mengen Wodka getrunken und gejammt, in Hanoi wurde er mit Bierflaschen beworfen. DJ Hans Nieswandt erzählt im Interview von seinen Reisen mit dem Goethe-Institut und warum Missverständnisse so reizvoll sind.

Herr Nieswandt, Sie wurden in den Feuilletons schon als „Goethe-Vorzeige-DJ“ bezeichnet. Ist das für Sie Kompliment oder Spott?

Ich habe schon genug Selbstbewusstsein, um zu sehen, dass ich diese Art von Kulturvermittlung wirklich gut kann. Ich mache heute immer noch das, was ich vor zwanzig Jahren getan habe. Deshalb kann ich viel für die Vermittlung zwischen den Generationen tun. Kein Goethe-Institutsleiter, Botschafter oder Verwaltungsmensch braucht Berührungsangst zu haben, denn ich bin altersmäßig nicht weit weg von ihnen. Genauso wenig braucht ein junger DJ das Gefühl zu haben, dass er es mit so einem Kulturoffiziellen zu tun hat, der gar nicht schnallt, worum es geht.

Wie hat Ihre Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut angefangen?

Das war Anfang der Neunzigerjahre. Da war ich noch Musikredakteur bei der Musikzeitschrift Spex. Meine Themen waren Techno, elektronische Musik und DJ-Kultur. In dieser Zeit kontaktierte mich Alfons Hug, der damals schon Institutsleiter in Rio de Janeiro war. Er war in Deutschland und hatte die Loveparade und den Berliner Club Tresor erlebt. Deutscher Techno wurde gerade zu einer richtigen Marke. Hug plante ein Kulturaustauschprojekt: Ich sollte deutschen Techno nach Brasilien bringen. Ich habe am Telefon angefangen ihm zu erklären, welche Spielarten es bei elektronischer Musik überhaupt gibt. Und er meinte: „Moment, könnten Sie nicht nach Brasilien fliegen und den Kollegen dort erklären, was Sie mir gerade erklärt haben? Und gleich ein paar Platten mitbringen?“ So fing alles an. Inzwischen haben mich meine Goethe-Reisen auf fast jeden Kontinent geführt.


Trailer zum Projekt 'Elektrostancija'


Ist denn Ihre Art, elektronische Musik zu spielen, typisch deutsch?

Nein. Das zeichnet die Elektronik-Kultur auch aus. Man kann regionale Geschmäcker widerspiegeln, aber es gibt keine folkloristischen Elemente. Wie es in einem alten Lied so schön heißt: „Housemusic is a universal language, spoken und understood by all.“


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Wenn man wie Sie auf der ganzen Welt unterwegs ist, passieren doch sicher auch kulturelle Missverständnisse. Was war das Skurrilste, was Ihnen auf Ihren Reisen passiert ist?

In Hanoi hatte ich verschiedene Auftritte während der deutschen Kulturwochen. Einer von denen führte mich in die größte Disko von Hanoi, das New Century. Dort wurde Hongkong-Techno gespielt, der ist unglaublich schnell und granatenlaut. Auch ich bekam die Ansage, dass die Pegel meiner Anlage unbedingt im roten Bereich sein müssen, sonst würde es nicht genug lärmen. Schon nach 20 Minuten bekam ich aber einen Schlag in den Rücken, und es wurde nass – man hatte mir eine Bierflasche in den Rücken geworfen. Ich habe mich umgeschaut, und es war schon eine wilde Schlägerei in Gange. Da habe ich zu einem bewährten Mittel gegriffen: Ich habe die Nadel über die komplette Platte wischen lassen, das macht einen krassen Lärm. Alle standen plötzlich still im Club. Da bin ich schnell raus gerannt.

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DJ, Musikproduzent und Autor Nieswandt: „Man prügelt und bebombt sich, und am Ende machen doch alle Musik zusammen“ (Foto: Dominik Piech)
Können in solchen Situationen die Kollegen vom Goethe-Institut helfen?

Nein, da konnte mir noch nicht einmal mein Manager helfen. Aber letztendlich ist das doch viel aufregender und interessanter. Das ist es, was Goethe-Reisen an entlegene und merkwürdige Orte so reizvoll macht. Man geht immer das Risiko ein, dass Missverständnisse entstehen können. So beginnt nun einmal interkulturelle Kommunikation. Solche Situationen, wie die in Hanoi, empfinde ich auch nicht als Beleidigung an meiner Kunst, sondern als Bereicherung. Man weiß nie, was sich da als nächstes daraus entwickelt. Wer weiß? Vielleicht war an dem vergurkten Abend im New Century ein junger Vietnamese, der heute ganz wunderbare Musik produziert.

Und was war Ihr schönstes Erlebnis?

Die Institutsleiterin aus Nowosibirsk hatte mich 2009 eingeladen, auf dem Kulturfestival SIBSTANCIJA die neu erfundene Sparte Elektrostancija zu kuratieren. Ich sollte mir ein Projekt ausdenken, möglichst im Zusammenhang mit dem Stichwort „Bahnhof“ oder „Zug“. Nowosibirsk ist noch relativ jung und nur dadurch entstanden, weil die Transsibirische Eisenbahn gebaut worden ist. Da musste ich nicht lange nachdenken: Zusammen mit fünf deutschen und russischen DJs bin ich in der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis nach Nowosibirsk gefahren. Wir haben zwei Viererabteile reserviert und unser komplettes Equipment mitgenommen, von Hardware-Controllern, über Bongos, Kuhglocken, Mikrofonen bis hin zu einer Lotusflöte. 48 Stunden haben wir im Zug verbracht und gejammt. Um uns den Gepflogenheiten im Land anzupassen, haben wir auch die lokal üblichen Mengen Wodka getrunken – entsprechend beseelt und geistvoll wurde dann auch unsere Musik.

Der Wodka hat das Projekt also so besonders gemacht?

Nein, nicht nur der Wodka. Dieses gelassene Zusammenkommen von musikalisch Gleichgesinnten über alle Grenzen hinweg hat das Ganze so besonders gemacht. Das verbindet unheimlich schnell. Mein Großvater war Kriegsgefangener in Sibirien, er war im Gulag. Meine Eltern mussten noch aus Ostpreußen fliehen vor den Russen. Und ich sitze heute mit den russischen DJs im Zug und stelle fest, dass wir ziemlich gleich ticken. Das fand ich großartig. Das war auch in anderen Ländern so, in denen ich mit Goethe war. Man prügelt und bebombt sich, und am Ende machen doch alle Musik zusammen.

Das Interview führte Maren Niemeyer

Hans Nieswandt, 1964 geboren, ist DJ, Musikproduzent (Whirlpool Productions), Buchautor und schreibt unter anderem für Spex, Groove und taz. Ausgedehnte DJ- und Vortragsreisen führten ihn rund um die Welt. Bei WDR-Sender 1live moderiert Nieswandt seit Jahren jede Mittwochnacht eine eigene Radioshow.
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