Goethe aktuell

17 Amerikaner in Berlin: So weit, so nah

Matthias LehmphulCopyright: Matthias Lehmphul
Zwei der amerikanischen Besucher: „Wir lernen hier mehr als durch Bücher“ (Foto: Matthias Lehmphul)

10. August 2011

Der Berliner Stadtteil Neukölln gehört für gewöhnlich nicht zu den ersten Anlaufstellen amerikanischer Touristen in Deutschland. Eine Gruppe von Lehrern, die jetzt als Gäste der Bundesregierung das Land erkundeten, steuerte jedoch ausgerechnet solche Ausflugsziele an. Ein Ortstermin. Von Matthias Lehmphul

Mitten in Neukölln gedeihen Äpfel und Birnen an Bäumen, reifen Himbeeren an Sträuchern. Die Bäume und Sträucher gehören zu einem Garten, der auf den ersten Blick nicht besonders auffällt und auch anderswo stehen könnte. Hinter dem grünen Lattenzaun lachen verlegen drei Jungen über die herannahenden Erwachsenen. Die Zehnjährigen haben Stachelbeeren im Mund und fühlen sich vom Laufpublikum beim Stibitzen ertappt. Sie erkennen, dass die Besucher nicht aus Deutschland stammen und grinsen. Ein hochgewachsener Mann in einer türkisfarbenen Trekkingjacke probiert auch gleich die pieksenden Gartenfrüchte. Neugierig fragen ihn die Neuköllner Kids, woher die Gruppe stamme. „Wir sind Lehrer aus den USA“, antwortet ihnen Bill Gregg.

Der Sozialkundelehrer aus Denver ist einer von 17 amerikanischen Pädagogen, die sich in den Schulferien persönlich ein aktuelles Bild über die vibrierende Gesellschaft im Herzen Europas machen. Gregg und seine Kollegen fühlen sich für ihr bisheriges Engagement im Klassenzimmer von der Bundesregierung ausgezeichnet, die sie nach Deutschland eingeladen hat. Auf dem vierzehntägigen Programm der vom Besucherprogramm des Goethe-Instituts organisierten Reise stehen Klassikkonzerte, Unternehmensbesuche, Fahrradtouren. Und es werden aktuelle Debatten über Bildung, Demografie, Migration und Integration thematisiert – zusammen mit deutschen Experten.

Im Neuköllner Comenius-Garten treffen die Erzieher Henning Vierck. Mit seinem langen weißen Bart und der Nickelbrille erinnert er an Albus Dumbledore aus den Fantasy-Romanen von Joanne K. Rowling. Der Wissenschaftshistoriker und Erziehungswissenschaftler erläutert seinen Gästen die Bedeutung von Comenius. Der Philosoph entwickelte nicht nur ein naturzugewandtes Weltbild, sondern forderte als erster europäischer Intellektueller die allgemeine Schulbildung. „Nichts ist Verstand, denn durch die Sinne“, war Comenius’ Leitgedanke. Bedächtig aber mit prägnanten Worten erläutert Vierck, warum der Garten für die Nachbarschaft so wichtig ist. „Es geht nicht um Regeln, sondern um Empathie“, sagt der Pädagoge. Und er meint damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das individuell aus dem Inneren eines jeden Menschen, also vom Herzen komme und eine Gemeinschaft über scheinbar unüberbrückbare Grenzen hinweg schaffen könne. So würden Probleme – etwa mit gewaltbereiten Jungs vom Kiez – auf der Wiese persönlich besprochen und unter Umständen direkt geklärt.

Und wie schwierig das Zusammenleben sein kann, das haben die Lehrer kurz zuvor bei einem Rundgang mit der Politologin Serpil Kücük und der Soziologin Astrid Tag durch den Körnerkiez erfahren. Da fehle es vor allem an Nachmittagsbeschäftigungen für die rund 650 Kinder, erklären die beiden Quartiersmanager. Zwei Drittel von ihnen erhalte noch nicht einmal ein Mittagessen an ihren Schulen. Für jedes zweite Kind sei Deutsch nicht die Muttersprache, und die Lehrer seien mit den Sprachschwierigkeiten ihrer Schüler überfordert. Viele bürgerliche Familien suchten spätestens zur Einschulung ihres Nachwuchses oft einen neuen Lebensraum. Astrid Tag zitiert ein afrikanisches Sprichwort: „Für die Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf.“ Und Serpil Kücük fügt hinzu: „Wir brauchen den gesamten Kiez.“

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Stelldichein im Comenius-Garten (Foto: Matthias Lehmphul)


Immer wieder fragen die Lehrer nach: Warum bekommen nicht alle Berliner Kieze ein Quartiersmanagement? Warum öffnen die Schulleiter nicht mehr ihre Räume für gemeinnützige Vereine? Sozialkundelehrer Bill Gregg findet das vierzehntägige Programm, das durch verschiedene deutsche Städte und Regionen führt, wichtig, um seinen eigenen Unterricht aufzufrischen. „Wir lernen hier mehr, als uns Bücher vermitteln können“, sagt der Lehrer. Der ehemalige Rugbyspieler unterrichtet daheim Schüler der sechsten und siebenten Klassen.

Die drei Jungs vom Comenius-Garten sind längst über den Lattenzaun gesprungen. Vierck kennt sie alle mit Vornamen. Der Garten biete ihnen einen Freiraum, den sie in ihren Familien und auf den Berliner Straßen so nicht fänden, sagt der passionierte Gartenliebhaber. Ihnen stünden die Türen immer offen. Zusätzlich gebe es betreute Projekte, bei denen die Kinder auf „gleicher Augenhöhe“ mit Wissenschaftlern wichtigen Fragen der Menschheit – etwa „Was ist das Nichts?“ – nachgingen. Doch als Sozialarbeit will Vierck seine Aufgabe nicht verstanden wissen. „Hier trifft klassische Gartenarchitektur auf soziale Probleme.“ Fremde Welten begegneten einander, die sich ergänzten, sagt Vierck. Zum einen lernten Kinder sich selbst und die Natur besser kennen. Zum anderen erforschten Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte, wie Wissen vermittelt und weitergegeben wird. Und dann wird er politisch: „Bildungsferne Schichten gibt es nicht.“ Alle Kinder wollten von Natur aus lernen.

Das Programm ist keine inhaltliche Einbahnstraße. „Wenn wir hier in Berlin miteinander über Erziehung reden, dann reflektieren wir gleichzeitig unser eigenes Bildungssystem“, sagt Sylvia Linda Cotter. Die Grundschullehrerin unterrichtet seit 38 Jahren in ein und demselben Klassenzimmer an einer katholischen Privatschule in Columbus, Ohio. In den USA würden Cotter und ihre Kollegen aus anderen Bundesstaaten so nie zusammenkommen und sich über Bildungsstandards austauschen. Cotter notiert fleißig alles auf ihrem nagelneuen iPad. Die gebürtige Frankfurterin spricht über ein neues Projekt, das sie mit deutschen Schulen realisieren möchte: eine deutsch-amerikanische Unterrichtsstunde via Skype. Dafür sammelte Cotter in den vergangenen 14 Tagen persönliche Kontakte und warb um Unterstützung: „Es ist wichtig, dass wir miteinander netzwerken.“

Die beschriebene Reise ist eine von mehreren, die in diesem Sommer im Rahmen des Transatlantic Outreach Program (TOP) stattgefunden haben. Das TOP ist eine Kooperation des Auswärtigen Amts (Besucherprogramm der Bundesrepublik Deutschland), der Deutschen Bank, der Robert Bosch Stiftung und des Goethe-Instituts.
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