Goethe aktuell

Goethe in Beirut: Der Mut des Yussuf Assaf

Copyright: Rosemarie Marcos
Das Goethe-Institut Beirut in den Jahren des Bürgerkriegs: Ein Symbol für die Beständigkeit von Kultur (Foto: Rosemarie Marcos)

29. Dezember 2011

Als einzige westliche Kultureinrichtung blieb das Goethe-Institut Beirut während des libanesischen Bürgerkriegs geöffnet. Zu verdanken ist das der Zivilcourage eines Programmassistenten. Von Michael Kleeberg

Im vergangenen Frühjahr unternahm ich eine Radtour durchs Mühlenbecker Land nördlich von Berlin. Unterwegs lud eine Scheune mit einem Schild „Trödel“ zu einer willkommenen Pause ein. Beim Stöbern entdeckte ich ein Album, kein altes Fotoalbum, sondern eines voller Ansichtskarten aus aller Welt. Eine davon ließ mich lange innehalten: In sehr bunten Agfacolor-Farben zeigte das Foto eine wohlbekannte, wenn auch so von mir nie erblickte Szenerie: die Corniche von Beirut, palmengesäumt, das legendäre Hotel Palmyra mit seinem Swimming-Pool direkt am Meer, dahinter weiß leuchtende Hochhäuser, siebenstöckig, zwischen fliederfarbenen und rosig schimmernden osmanischen Villen in ihren wuchernden grünen Gärten.
Mehr zum Thema „60 Jahre Goethe“ finden Sie auf unserer Jubiläumswebsite

Die Briefmarke mitsamt dem Poststempel auf der Rückseite war abgelöst, aber angesichts der Architektur musste das Bild aus den frühen 70er-Jahren stammen. Der Verfasser der Karte schwärmte seiner Berliner Großmutter vom süßen Leben in der libanesischen Hauptstadt vor und verkündete, in wenigen Tagen gehe die Reise nun weiter ins schöne Teheran. Mit einem Wort: Diese Karte war eine Botschaft aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt, einer Zeit und Welt, die definitiv und unumkehrbar vergangen ist.

Yussuf und Ursula Assaf:
Eine Synthese aus orientalischer douceur de vivre und westlicher Modernität
(Foto: Yussuf Assaf)

Die liebliche Schweiz des Orients – der Libanon, eine Idylle? Damals mochte es noch so scheinen. Das Menschengewimmel am Märtyrerplatz von Beirut, die Bucht von Jounieh, die schönste und romantischste des ganzen Mittelmeers, der Duft nach Orangenblüten, wenn man sich Tripoli näherte, das umkränzt war von Orangenhainen, die aussahen, als habe Botticelli seinen „Frühling“ dort gemalt. In Wirklichkeit war die Lunte schon angezündet, die sich dann in kurzer Zeit zum Pulverfass fraß.

In Wirklichkeit war der Libanon von damals nicht mit der Schweiz zu vergleichen, sondern eher mit dem Kuba Batistas, in dem bereits die Maische der künftigen Revolution gärte. Ein Paradies für reiche Leute, eine Klassengesellschaft, beherrscht von den Christen-, Sunniten- und Drusenclans auf ihren Hügeln, mit einer ärmlichen und ländlichen Schiiten-Minderheit im Süden. Der Oktober- beziehungsweise Jom-Kippur-Krieg hatte weitere hunderttausende Palästinenser in die Flüchtlingslager in Südbeirut getrieben, die Linkskräfte solidarisierten sich mit ihnen, noch war der arabische Weg zum Sozialismus die beherrschende Ideologie der Region. Der allgegenwärtige syrische Geheimdienst schürte genüsslich die latenten Konflikte. Der Libanon war, was er immer war und immer sein wird: ein Spielball zynischer Mächte, die im Machtvakuum des kleinen Staates nach Kräften intrigieren. 1975 dann entluden sich all die Spannungen zum Bürgerkrieg, der fünfzehn Jahre lang dauern sollte. Aber jetzt, auf dieser Ansichtskarte, ist davon noch nichts zu ahnen. Noch ist der Libanon ein orientalischer Traum. Und diesen Traum beschließt ein deutsch-libanesisches Paar zu leben.

Erste Begegnung mit Assaf

Während unserer ersten Begegnung studierte ich lange Assafs altes, gezeichnetes, müdes, gütiges, hoffnungsvolles, enthusiastisches, diszipliniertes Gesicht mit dem schönen dichten weißen Haar, dem kräftigen Kinn und den dunklen Hautpartien unter den Augen.

Neben ihm seine Frau mit dem langen, mädchenhaft offen getragenen, doch grauen Haar – diese höchst eigentümliche, höchst verwirrende Mischung aus erfahrungsschwerem, leidgeprüften Alter und Jungmädchenunschuld –, in ihren gemeinsamen Büchern sind Fotos von früher, als er ein orientalischer Beau war, aussah wie der junge Omar Sharif, als er Pan war, feurig und schwarzgelockt, wild, ein Held aus 1001 Nacht, und sie wie ein Kind wirkte, ein ganz junges, blondes, mondblasses Mädchen, das er entführt hatte – Europa auf dem Stier – oder besser, denn sie ist alles andere als einfältig: das ihn glauben gemacht hat, er habe es entführt, während in Wirklichkeit alle Initiative von ihr ausging.

Was immer die junge Wissenschaftlerin, die zur anerkannten Übersetzerin Gibrans und Herausgeberin zahlreicher Anthologien mit Texten aus dem Libanon werden sollte, und der junge Theologe und Lyriker, der zum Programmassistenten und Symbol des Goethe-Instituts werden sollte – was immer sie sich zur Zeit ihrer Ankunft erträumt hatten: ein Leben zwischen Spiritualität und Wissenschaft, eine Synthese aus orientalischer douceur de vivre und westlicher Modernität – der Krieg warf alle Pläne und alle Träume über den Haufen.

Per Panzerwagen über die Grenze

Und doch ist dieser verträumte Mann während des Krieges zu einem Muster an Zivilcourage und Anstand geworden. In meinem Reisetagebuch beschrieb ich, wie Assaf, mit seinem Auto aus Jounieh kommend, täglich vom Panzerwagen über die Greenline gebracht wurde in den heißen Phasen des Kriegs, um hinüber in den moslemisch kontrollierten Westen zu gelangen (er, der maronitische Christ), bis zum Goethe-Institut, das dank ihm als einziges westliches Kulturinstitut geöffnet blieb – alle fünfzehn Kriegsjahre hindurch, auch als die Zentrale längst alle deutschen Mitarbeiter aus Sicherheitsgründen abgezogen hatte und die „Eingeborenen“ sich selbst überließ.

Warum, so fragte ich mich damals, hatte Yussuf Assaf jahrelang das Goethe-Institut als einziges internationales Kulturinstitut offengehalten, unter Lebensgefahr, und noch lange, nachdem alle Deutschen längst getürmt waren? Warum auf die Gefahr hin, zu sterben und seine Frau alleine zurückzulassen? Aus Idealismus? Aus Liebe zur Kultur? Aus Pflichtbewusstsein, das er in Deutschland schätzen gelernt hatte? Heute glaube ich, es geschah aus Liebe zur deutschen Kultur. Und die konnte vielleicht nur deshalb auf diese Weise produktiv werden, weil Assaf eben kein Deutscher ist.

Die Geschichte der Psychopathologie der Deutschen nach 1945 muss noch geschrieben werden, die Geschichte eines Volks, dem seine (Un)Taten wie seine Leiden lang nachwirkende Traumata bescherten, die zu individuellen wie kollektiven Selbstabschaffungspsychosen geführt haben. Dieses zutiefst gestörte nationale Selbstgefühl – dessen positive Kehrseite ein allgemein gewordenes Misstrauen gegen die chauvinistischen Popanze ist, die unsere europäischen Nachbarn alle noch pflegen, weit weniger interessiert an ehrlicher Auseinandersetzung mit ihren nationalen Lebenslügen als wir, wie sie sind – dieses gestörte nationale Selbstbewusstsein also, wie sollte es nicht auch seinen Einfluss gehabt haben auf das Kulturinstitut, dessen Aufgabe es ist, auf der ganzen Welt das Interesse an unserer Sprache und unseren Künsten zu fördern, und dessen Schicksal es ist, ein Spiegel des nationalen Selbstverständnisses zu sein.

Vielleicht brauchte es einen Fremden, einen naiven Träumer und Utopisten wie Yussuf Assaf, dessen Bewunderung für das Land der Dichter und Denker von einst und den Hort des Friedens und der Weltliteratur im goetheschen Sinne, als der es heute in der Region gesehen wird, so ungetrübt war, dass sie große persönliche Opfer rechtfertigte, um mitten im zerstörerischen Bruderkrieg das Goethe-Institut in Manara am alten Leuchtturm für die Beiruter zum Symbol für die Beständigkeit von Kultur werden zu lassen und für die Hoffnung, die von ihr ausstrahlt.

Mögen der alte Philemon und seine Baucis Ursula für die Gastfreundschaft, die sie im Namen des Goethe-Instituts gewährt haben, von den Göttern belohnt werden, wie es Ovid geschildert hat.

Michael Kleeberg, geboren 1959 in Stuttgart, lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. 2007 veröffentlichte er den Roman „Karlmann“, im August 2010 erschien sein neuester Roman „Das amerikanische Hospital“. Kleeberg übersetzte unter anderen Marcel Proust, Joris-Karl Huysmans und John Dos Passos. Für sein literarisches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Anna-Seghers-Preis (1996) und dem Lion-Feuchtwanger-Preis (2000).


Dies ist eine gekürzte Fassung des Artikels. Die ausführliche Version finden Sie im Magazin des Goethe-Instituts zum Thema 60 Jahre Goethe-Institut (zum PDF).

    Goethe aktuell:

    Über den RSS-Feed
    können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

    Jahrbuch-App 2013

    Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

    Goethe-Institut.
    Reportagen Bilder Gespräche

    Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

    Twitter

    Aktuelles aus den Goethe-Instituten