Goethe aktuell

Deutsch-israelisches Buchprojekt: Einzelschicksale, die Geschichte erzählen

Andrea KrogmannCopyright: Andrea Krogmann
Retour: Eine ganz besondere Büchersendung aus Israel (Foto: Andrea Krogmann)

15. Oktober 2011

Warum las Ada Brodsky ausgerechnet Hesse und Rilke? Warum bewegten sie deren Werke? Gymnasiasten in Detmold, die heute die Bücher der vor den Nazis geflohenen Jüdin in Händen halten, stellen sich nun diese Fragen. Eine eigene, literarische Annäherung. Von Andrea Krogmann

„Für mich war es ein überwältigendes Gefühl, als ich Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke von Rainer Maria Rilke in den Händen gehalten habe.“ Die Begeisterung einer 15-Jährigen für eine im 17. Jahrhundert angesiedelten Erzählung überrascht. Das Buch stammt aus dem Besitz einer unter den Nazis aus Deutschland geflohenen Jüdin. Ohne dieses Wissen, sagt seine heutige Leserin Antonia, wäre es nur „eines von vielen, die es auf der Welt gibt“. Zusammen mit ihren Mitschülern beteiligt sich die Schülerin des Christian-Dietrich-Grabbe-Gymnasiums in Detmold an dem Projekt Keine leichten Pakete, mit dem das Goethe-Institut Jerusalem für deutsch-jüdische Geschichte sensibilisieren will.

Fünf Bücher aus dem Vorlass der am 12. April in Jerusalem verstorbenen jüdischen Übersetzerin Ada Brodsky zusammen mit biografischen Texten zu ihrer ehemaligen Besitzerin hat die Klasse von Steven Förster erhalten – Klassiker der Schullektüre wie Manns Zauberberg, Hesses Glasperlenspiel und Remarques Im Westen nichts Neues, aber zum Beispiel auch ein Kinderbuch aus den Dreißigerjahren, mit dem der Autor jüdischen Kindern die „Helden und Abenteurer der Bibel“ so nahe bringen will, „dass sie ihnen vertraut werden wie Rotkäppchen und die Geschichte von den sieben Geißlein“.

Gruppenweise werden die Schüler die Bücher vorstellen, in Referaten den Lebensweg von Ada Brodsky nachzeichnen und die Bedeutung der Bücher für die literaturbegeisterte Jüdin herausarbeiten. Einzelne Texte werden ausführlich bearbeitet, alles soll in den Kontext der Zeit gesetzt werden. Zum Schluss, erläutert Klassenlehrer Steven Förster, sollen die Schüler Mappen für das Jerusalemer Goethe-Institut erstellen, unter anderem mit einem fiktiven Brief an Ada Brodsky, die für Ihre Übersetzungen auch schon mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wurde.

Trost durch Bücher?

Seit zwei Jahren unterrichtet Förster die Klasse in Deutsch und Geschichte, Zeit, um die Schüler thematisch vorzubereiten. Durch „die persönliche Vergegenwärtigung von Einzelschicksalen“, sagt er, werde die Geschichte „greifbarer als durch anonyme Opferzahlen“. Auch für ihn stand eine persönliche Begegnung am Anfang, „die Freundschaft zu einem amerikanischen Juden deutscher Herkunft, den ich zufällig in der Gedenkstätte Buchenwald traf“.

Die Authentizität wirkt: „Es ist ein bedrückendes Gefühl, ein Buch aus dieser Zeit in den eigenen Händen zu halten. Man fühlt sich in die damalige Zeit zurückversetzt“, sagt etwa der 15-jährige Adrian. „Es hieß immer nur: Viele tausend Menschen mussten fliehen. Ich las den Satz, aber ich glaube, ich habe nie richtig verstanden, was sich wirklich hinter diesen Buchstaben versteckt“, fasst es die gleichaltrige Charlotte in Worte.

Erschrecken über das Schicksal der Jüdin mischt sich mit Bewunderung für ihren Mut. Es sei wichtig, „die Bücher behutsam zu behandeln und dem gesamten Projekt eine gewisse ernsthafte Aufmerksamkeit zu schenken“, findet Lea, die sich mit großem Respekt an die Lektüre gemacht hat. „Als ich das erste Mal die Bücher in den Händen gehalten habe, hatte ich die ganze Zeit Angst, etwas kaputt zu machen.“

Selbst wenn sie „nichts von dem, was Ada Brodsky erleben musste, nachvollziehen und verstehen“ könne, fühle sie sich ihr durch die Bücher sehr nahe, meint Antonia, die es toll findet, dass die Jüdin mit beiden Kulturen – der deutschen und der hebräischen – zu leben versucht hat. Viele Fragen, die beim Lesen aufkommen, sagt die Schülerin, könne man sich nicht beantworten: „Was hat sie alles mit diesem Buch erlebt, und wo hat sie es überall gelesen? Was bringt sie mit diesem Buch in Verbindung?“ Auch Charlotte wüsste gern, „warum Ada Brodsky ausgerechnet diese Bücher gelesen hat“ und „warum ihr ausgerechnet dieses Werk Trost gespendet oder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat“.

Und wenn sie Ada Brodsky persönlich treffen könnten? Adrian, Antonia und ihre Mitschüler würden ihr danken, dass sie durch das Projekt an ihrer Erfahrung teilhaben durften und fragen, woher sie die Kraft nahm, das alles durchzustehen. Sie würden ihr sagen, wie wichtig es ist, dass dieser Teil der deutschen Geschichte nie in Vergessenheit gerät, und bei dieser Gelegenheit in Erfahrung bringen, warum ihr gerade der Zauberberg und Rilkes Erzählung so wichtig waren.

Entstanden ist die Idee zu dem Projekt „Keine leichten Pakete“ aus einer gewissen Not heraus, erklärt Initiatorin Simone Lenz. Ganze Büchersammlungen, so die Leiterin des Jerusalemer Goethe-Instituts, seien mit ihren deutschen Besitzern auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina gelangt. In den vergangenen Jahren hätten dann Angehörige der zweiten oder dritten Generation dem Institut immer wieder Bücherschenkungen angeboten. Es sei nicht leicht, aus schlichtem Platzmangel diese „Erinnerungsträger“ ablehnen zu müssen, darunter wertvolle Ausgaben und Zeitzeugnisse wie Widmungen und persönlichen Einträgen. Diese Bücher, so Simone Lenz, bildeten einen wesentlichen Bestandteil der Identität deutsch-jüdischer Immigranten in Israel. In Zusammenarbeit mit der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem, der Bezirksregierung Münster (Lehrerfortbildung) und Partnerschulen in Deutschland hat sie das Buchprojekt entwickelt, bei dem die beteiligten Schulklassen eine Auswahl von Büchern von vier verschiedenen Persönlichkeiten erhalten. Großformatige Broschüren geben zusätzlich umfassend Auskunft über die ehemaligen Besitzer der Bücher und ihre besonderen Lesegewohnheiten.


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