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Kiruna: Wirtschaft versetzt Städte

Copyright: Luossavaara-Kiirunavaara AB
Größter Arbeitgeber der Region: Die Eisenerz-Mine in Kiruna (Foto: Luossavaara-Kiirunavaara AB)

3. September 2011

In Kiruna leben 18.000 Menschen, unter der Stadt liegt das größte Eisenerzvorkommen der Welt. Doch jetzt droht die Stadt einzustürzen – und soll kurzerhand verlegt werden. Eine Entscheidung von großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Tragweite. Aber auch der künstlerische Blick kann vieles offenlegen. Von Anne-Kathrin Lange

Kiruna liegt 120 Kilometer nördlich des Polarkreises; damit ist sie die nördlichste Stadt Schwedens. Im Sommer scheint die Sonne dort 50 Tage lang ununterbrochen, im Winter schafft sie es 20 Tage lang nie vollständig über den Horizont. Die Stadt ist ein Paradebeispiel für den kalten, unwirtlichen Norden. Die Landschaft, in der sie liegt, verspricht grasende Rentierherden und unendliche Weite. Kiruna ist aber nicht nur ein Ort in einer extremen Lage, Kiruna verfügt auch über das weltweit reichste Eisenerzvorkommen.

Für ein Bergbauunternehmen ist ein solches Eisenerzvorkommen ein Glücksfall. Die Eisenerzader misst durchschnittlich 4.000 mal 80 Meter und erstreckt sich bis zu einer Tiefe von 1.500 Metern. Seit 1900 betreibt der Staatsbetrieb Luossavaara-Kiirunavaara AB, kurz LKAB, Eisenerzabbau in Kiruna. Jährlich fördert er 26 Millionen Tonnen des Gesteins aus der Grube und will diese Zahl in den nächsten Jahren noch steigern. Momentan steht dem Bergbauunternehmen dafür aber noch etwas im Weg: die Stadt selbst.

Copyright: Rainer Hauswirth, Luossavaara-Kiirunavaara AB, Asa Junkka
Fotostrecke: Eine Stadt im Wandel


Durch den massiven Abbau ist der Boden südlich und nördlich von Kiruna bereits so stark unterhöhlt, dass sich an der Oberfläche Risse gebildet haben. Mit fünf Zentimetern pro Tag kommen die Risse Kiruna näher. Schon 2013 werden die ersten Gebäude akut einsturzgefährdet sein. Die einzige Lösung für LKAB: Kiruna muss versetzt werden. Um ganze vier Kilometer.

Diesen Vorschlag teilte LKAB 2003 der Stadtverwaltung mit – in einem 15-zeiligen Schreiben. Anschließend gab es Diskussionen, Bürgerbeteiligungen und eine Vielzahl von unterschiedlichen Plänen, aber LKAB ist und beibt größter Arbeitgeber der Region, und die Einwohner Kirunas sind vom Schicksal des Unternehmens abhängig. 2007 wurde endgültig beschlossen, dass ganze Stadtviertel und deren Einwohner um vier Kilometer an einen Ort außerhalb der Gefahrenzone versetzt werden sollen. Weil die LKAB an vielen Stellen noch neue Erzvorkommen vermutet, dauern die Diskussionen um die neue Position der Stadt aber bis heute an.

Die verschiedenen Optionen für die Stadtverschiebung nehmen dabei wenig Rücksicht darauf, dass Kiruna inmitten des traditionellen Kulturraumes der Sami liegt. Die Sami sind die Ursprungsbevölkerung im Norden Skandinaviens und leben hauptsächlich von Rentierzucht. „Moderne Technik, ob beim Eisenerzabbau oder in der Weltraumforschung steht in Konflikt mit den traditionellen Kultur- und Wirtschaftsräumen der Sami“, erklärt Rainer Hauswirth, Leiter des Goethe-Instituts in Stockholm. „Während die Techniker und Ingenieure von der weiten, leeren Landschaft schwärmen, zeigte uns die Sprecherin des Sami-Parlaments eine Landkarte mit den jahrhundertealten Rentierpfaden. Dieses dichte Netz lässt an eine Autobahnkarte des Ruhrgebiets denken – für südliche Augen ist es jedoch unsichtbar“.

Die Pläne für die Transformation der Stadt mit all ihrem utopischen Gehalt waren für das Goethe-Institut Anlass, gemeinsam mit der Stockholmer Konsthall C und dem Kulturdezernat Kirunas zehn internationale Künstler einzuladen, vor Ort zu recherchieren und die Rechercheergebnisse künstlerisch zu verarbeiten. Der Titel des Projekts: Kirunatopia. „Viele Kunstprojekte der letzten Zeit stellten die großen Städte und Megacities in den Mittelpunkt. Wir haben mit Kirunatopia den umgekehrten Weg gewählt. An diesem abgelegenen Ort stößt man über die Geschichten seiner Bewohner und die Konflikte zwischen den Akteuren auf die großen ungelösten Fragen unserer Zeit“, so Hauswirth. „Man kann die Verlagerung von der Macht der Politik zu Wirtschaftsakteuren, die den globalen Marktmechanismen gehorchenden, kaum offensichtlicher erleben als in Kiruna. Hier können künstlerische Recherche und ein künstlerischer Blick einiges offenlegen.“

Lina Issa gehört zu den Künstlern, die an Kirunatopia mitwirken. Sie wurde 1981 im Libanon geboren und lebt und arbeitet seit 2003 in Amsterdam. Am 8. September wird sie 800 Einwohner Kirunas mit allen möglichen roten Stoffteilen entlang der Risslinie ein drei Kilometer langes rotes Seil bilden lassen – zum Tauziehen. „Die Menschen in Kiruna sind für mich wie ein Seil beim Tauziehen, sie werden zwischen den Interessen der Stadtverwaltung, den Parteien und der LKAB hin- und hergerissen. Ebenso wie ihr Anliegen zwischen dem Erhalt der Vergangenheit und der Schaffung einer neuen Identität hin- und hergerissen wird“, sagt Issa.

Während ihrer Recherchen und Treffen mit den Menschen in Kiruna erfuhr sie viel über die Ängste der Einwohner: „Im Stadtteil Ullspiren, der komplett evakuiert und abgerissen werden wird, traf ich eine ältere Dame, die mir von ihren Sorgen erzählte. Sie muss ihr Haus verlassen, ohne zu wissen, ob sie sich überhaupt ein neues Haus leisten kann. Sie weiß nicht, ob sie jemals wieder auf der Wiese aus ihrer Kindheit Blumen pflücken kann.“

Damit ist sie nicht allein: Lennart Lanntto, Kultursekretär Kirunas, hat für die Künstlerresidenzen im Rahmen von Kirunatopia Wohnungen zur Verfügung gestellt und das Goethe-Institut mit seinen Kontakten unterstützt. Sein Arbeitsbereich bei der Transformation Kirunas ist, so sagt er, „alles, was mit Kunst und alten Gebäuden zu tun hat“. 2016 wird er aber selbst seinen Arbeitsraum verlieren. Das denkmalgeschützte Rathaus, in dem er arbeitet, kann aus Kostengründen nicht versetzt werden, erklärte die LKAB. So wird auch er in ein neues Gebäude, drei Kilometer vom alten Rathaus entfernt, umziehen müssen.

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