Goethe aktuell

Die Handtaschenrevolution: 30 Tage Peking

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In Peking: Blick von Tiananmen-Platz auf die Verbotene Stadt (Foto: Anne-Kathrin Lange)

29. Oktober 2011

Peter Anders leitet seit Mai dieses Jahres das Goethe-Institut in Peking – und trifft auf ein gespanntes Nebeneinander von Gegenwartskunst, Alternativkultur, Patriotismus und Louis Vuitton im Nationalmuseum.

„Bu shi wo bu mingbai“ – „Nicht, dass ich nichts verstehe“ ist der Titel eines Popsongs von Cui Jian, entstanden ein paar Jahre bevor ich 1988 zum ersten Mal nach China reiste. Als ich fast 25 Jahre später, kurz bevor ich die die Länderdirektion des Goethe-Instituts China übernahm, meinen 50. Geburtstag in Berlin feiere, platzt mitten hinein die Nachricht von der Verhaftung Ai Weiweis. Und sofort kommt mir wieder dieser Titel des Popsongs in den Sinn. Im Verlauf von Obrists Mini-Marathon Ende 2008 sprach Ai Weiwei von Beijing als der inhumansten aller Städte, in denen er je gelebt habe. Fuck Off kam mir in den Sinn, jene im Jahr 2000 von ihm kuratierte Satellitenshow zur Biennale in Shanghai, die explizit den kritischen Standpunkt des Künstlers als Basis für dessen Arbeit betonte. Das ist uns nahe als Position, aber wo bleibt dann das, was alle als große Herausforderung nennen, wenn es darum geht, in China zu arbeiten, nämlich dem Ausbalancieren von staatlichem Einfluss und künstlerischer Unabhängigkeit? Wollen wir chinesischer sein als die Chinesen? Bu shi wo bu mingbai.

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Auf der Bühne: Die rote Frauenkompanie (Foto: Nationalballett China)


Nicht, dass ich nichts weiß, aber muss ich alles besser wissen? Acht Wochen später sitze ich im 12. Stock meines zum Domizil erkorenen Hochhauses mit dem bemerkenswerten Namen MOMA. Hinter mir liegen eindringliche Begegnungen, die mein Vorwissen eher alt aussehen lassen. „Die Selbstgerechten“, so unterwies mich einer aus der alten Künstlergarde, der sich mit dem System arrangiert hat unter Hinweis auf Konfuzius, „das sind wohl die größten Räuber der Tugend“. Aber was ist in dieser Zeit ein tugendhaftes System, frage ich. Irgendwie sei ich geschichtslos, wird mir vorgehalten. Ich lese ein Interview mit Li Zhenhua und verstehe, was gemeint sein könnte: „Wenn man sich ausschließlich mit der jüngeren Geschichte auseinandersetzt, wird man depressiv – für ein besseres Verständnis sollte man die gesamte Geschichte betrachten und die verschiedensten Perspektiven suchen“.

Ich atme auf, als ich mich auf den Weg zu Wen Huis und Wu Wenguangs Living Dance Project mache. Vorbei geht es an Ai Weiweis Studio, wo jetzt nur noch die Kamera in Richtung Eingangstor, nicht aber weitere Polizisten herumstehen, rein nach Caochangdi. Angekommen, öffnet sich ein großes Areal nicht unähnlich der guten alten UFA-Fabrik in Tempelhof, rechts die Mensa, in der heute, es ist Drachenbootfest, ein großartiges Essen vorbereitet wird. Im Zentrum aber stehen der Bühnenraum, das Schnittstudio und die Ateliers für Gastkünstler. Dies ist der gelebte Widerstand gegen die Wirtschaftsbeziehungen und deren von Profiterwartung getragenen Geist, denke ich. Ein bisschen Romantik schwingt mit, gerade hier die Werte des gegenseitigen Verstehens hochhalten zu wollen, aber allemal scheint die gelebte Entschleunigung geeigneter zu sein, über kulturelle Identität nachzudenken, als jene kulturindustriellen Großpaläste aufzusuchen, die zwar mächtig pompös nach außen sind, aber innen allenfalls Propagandaevents beherbergen.

Graswurzelarbeit mit Kulturauftrag

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Peter Anders: „Bloß keine Paranoia entwickeln“ (Foto: Goethe-Institut)
Vor einigen Tagen sah ich das Nationalballett und deren rote Frauenkompanie. „I guess it's very weird for you“, raunte mir der junge Assistent der Intendanz ins Ohr, und ja, da hat er nicht Unrecht, man muss sich in der Tat daran gewöhnen, dass die Ikonographie der Macht hier unmittelbare Beifallsstürme des Publikums lostritt. Im Nationalmuseum liest sich das aus Anlass der Ausstellung The Road of Rejuvenation so: „The Chinese nation is a great nation whose people are industrious, courageous, intelligent and peace-loving and have made indelible contributions to the progress of human civilization.“ Plötzlich wird alles ernst und irgendwie deutsch. Halt bedeutungsschwer, und mir fallen die Schuhe von Kant ein, die ein Stockwerk höher ausgestellt sind und herhalten müssen für das Bekenntnis, dass die Aufklärung ihre klugen Geister und Poeten in bis dato nicht bekannter Weise als geistige Helden verehrte. Das ist wirklich Huntington – hier der Kult des Individuums, dort der Sieg des Kollektiven. Unerreicht bleibt aber am letzten Tag meines Besuches im Nationalmuseum zumindest im Hinblick auf den Zuschauerzuspruch der kapitalistische Warenfetischismus: Die Ausstellung zur Geschichte der Louis-Vuitton-Handtasche ist ohne Zweifel der Renner.

Das ist China, erklärt mir Yan Sun. Alles ist im Fluss. Ein mit Informationen überladenes Land ohne System. Statt Wesen Weg, statt Sein Prozess. Statt Identität Transformation. Okay, noch einmal für mich: kein Wesen, kein Sein, keine Identität. Stattdessen Weg, Prozess, Transformation. Was kommt nach Louis Vuitton? Ich bin gespannt, was ich morgen zum Thema Rechtsstaatsdialog zwischen Deutschland und China lerne. Erstmal bin ich irritiert. Zuhause angekommen, klopft es. Drei uniformierte Polizisten stehen vor der Tür. Ausweiskontrolle. Ich halte das für Schikane und Vorwand, weil der Überwachungsstaat meine Aktivitäten zu registrieren scheint. Und das nach vier Wochen! Dass ich so wichtig sein soll, empfinde ich insgeheim als schmeichelhaft. Das ist Graswurzelarbeit mit Kulturauftrag. Andererseits: jetzt bloß keine Paranoia entwickeln. Tags darauf melde ich den Vorfall der Botschaft. Ernüchternd teilt man mir mit, dass dies ein ganz normaler Vorgang im Vorfeld wichtiger Ereignisse sei. Worin diese bestehen könnten, wird freilich verschwiegen.

Der Text stammt aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „60 Jahre Goethe-Institut“ (zum PDF).

Peter Anders leitete die Goethe-Institute in Kamerun, Brasilien (Salvador da Bahia) und Bulgarien. Von 2007 bis 2011 war er Programmleiter der Region Afrika südlich der Sahara. Seit Mai 2011 ist er Institutsleiter in Peking und Länderdirektor China.
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