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Riki von Falken im Interview: Wenn Raum sich auflöst

Copyright: Sabine Brinker
Choreografin und Tänzerin von Falken: „Meine Körpersprache ist ein Echo aus einer Zeit, die ich in ihrem Extrem erlebt habe“ (Foto:Sabine Brinker)

30. September 2011

Im September 2010 spürte Riki von Falken wie die Erde im neuseeländischen Christchurch bebte. Ein Jahr danach kehrt die deutsche Tänzerin und Choreografin für Tanzproben zurück in die zerstörte Stadt. Im Interview spricht sie über ihre Definition von Raum, wie dieser brechen kann und wie sie das Erlebte verarbeitet.

Frau von Falken, was bedeutet Raum für Sie?

Raum ist mein Körper. Raum ist das, worin ich mich aufhalte, meine Umgebung. Eigentlich setze ich mich immer, egal wo ich bin, in ein Verhältnis zum Raum.

2010 gab es im neuseeländischen Christchurch ein Erdbeben der Stärke 7.1, bei dem viele Gebäude zerstört, aber zum Glück nur wenige Menschen verletzt wurden. Sie waren zu dem Zeitpunkt für Tanzproben dort. Wie haben Sie das Erdbeben erlebt?

Das Erdbeben passierte mitten in der Nacht und dauerte 30 Sekunden. Ich wurde aus dem Schlaf gerissen und hatte das Gefühl absoluter Bewegungsunfähigkeit und gleichzeitig hellwacher Wahrnehmung. Der Raum bewegte sich, es gab einen irren lauten Sound und dann wurde es still. Der Raum wurde zu meinem Spiegel: wie verletzt, obwohl er nicht zertrümmert war, war ihm nach der Erschütterung etwas genommen.

Inwiefern hat sich Ihre Wahrnehmung von Raum nach dem Erdbeben verändert?

Durch mein Erlebnis in Neuseeland ist meine Wahrnehmung von Raum ungeheuer geschärft, weil ich eine Ahnung davon bekam, dass sich Raum auflösen kann. Ich bin seitdem ganz anders in Kontakt mit Raum und denke über meine Geschichte in Räumen nach.

Wie beschreiben Sie Ihren Tanzstil?

Ich nehme den Körper im Raum genau unter die Lupe und spiele mit ihm. Gleichzeitig baue ich mir einen Raum im Raum. Ich liebe es, die ganze Konstruktion des Körpers völlig in Unordnung zu bringen und versuche mich aus meinen gewohnten Bewegungsmustern zu lösen, indem ich sie von verschiedenen Seiten befrage und herausfordere.

Wie hat die Nacht im September letzten Jahres Ihren Tanzstil beeinflusst? Kann man die Erinnerung an das Erlebte in Form von Tanz ausdrücken?

Es geht nicht darum, sich an das Erlebte zu erinnern. Ich erzähle mit meiner Körpersprache keine Geschichte nach. Stattdessen gehe ich davon aus, dass mein Körper durch das Erlebte eine Veränderung erfahren hat. Ich sehe das Erdbeben nicht als Problem, sondern ich arbeite mit dieser Erfahrung. Da ich meine Geschichte in Abstraktion transformiere, gibt es der Körpersprache eine bestimmte Kraft und Substanz.

Nachdem Sie Ihren Aufenthalt im letzten Jahr wegen des Erdbebens frühzeitig abbrechen mussten, sind Sie nun nach einem Jahr wieder für Tanzproben in Christchurch. Wie wirkt die Stadt auf Sie?

Die Stadt ist immer noch völlig zerstört. Das liegt aber vor allem daran, dass es dort im Februar 2011 noch ein viel schlimmeres Erdbeben gab, bei dem circa 200 Menschen gestorben sind. Man hat um die Innenstadt einen Zaun gezogen, von dem aus man die eingestürzten Häuser, Schuttberge, leere Flächen und Kräne sehen kann. Das ist nochmal eine ganz andere Zerstörung von Raum.

Wie laufen die Proben dort und was wird man bei den Aufführungen im Rahmen des Body Festivals in Neuseeland zu sehen bekommen?

Anfangs haben wir kein Studio für die Proben gefunden, da viele Gebäude, unter anderem auch das Arts Centre von Christchurch, aufgrund einer erhöhten Einsturzgefahr nicht betreten werden können. Inzwischen haben wir einen Ort gefunden: Das GeoDome, eine Art Zelt, das im Juni gebaut wurde. Die Proben mit den Tänzern der Southern Lights Company sind sehr intensiv und man kann gespannt sein, was daraus entstehen wird – das Zelt ist auf jeden Fall erdbebensicher, so dass einem nichts auf den Kopf fallen kann.

Das Interview führte Caroline Meurer



Über das vom Goethe-Institut initiierte Projekt Tanzconnexions nimmt die Tänzerin und Choreografin Riki von Falken ab dem 23. August an einer siebenwöchigen Künstler-Residenz teil. Gemeinsam mit der Southern Lights Dance Company erarbeitet sie ein Stück, das im Rahmen des Body Festivals im neuseeländischen Christchurch am 30. September und 1. Oktober um 19.30 Uhr in The GeoDome und am 4. Oktober in Auckland aufgeführt wird.
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